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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-03-01 · 5 (1.3.1932) · p. Seite 71

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
5 (1.3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 71 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezetrung 71 seine Erstlingsschrift „Das Judentum und die neueste Literatur" 1836. Sie ging im Sinne der Zeit von der irrigen Meinung aus, es handle sich um eine religiöse Frage. In einer vorläufigen Abrechnung bestritt er Börnes schöpferische Anlage und lehnte schroff und mutig Heine ab mit dem trefflichen Satze: jeder sinnlichen Unnatur widerstreiten Philosophie ebenso wie Politik, das häusliche wie das öffentliche Leben, das Judentum nicht minder als das Christentum. Das Judentum mäste sich religiös erneuern und seine Entwicklung aus dem Ghetto geraden Auges fortsetzen. Er prüft das Verhältnis der deutschen Kulturgruppen zum Judentum, ihre Abneigung dagegen, ohne wie die meisten Seinesgleichen nach Gründen dafür im jüdischen Wesen selber zu suchen. Und Auerbach legt seine eigene Stellung fest: das Judentum werde alle höheren Bedürfnisse der Menschen aller Zeiten befriedigen; die Einigung des Glaubens und Wissens sei den Juden nicht Zcitbcdürfnis, sondern dauerndes Gesetz. „Von den Besten war ihm bekannt, daß sie weder Schutzjuden der Mendelssohnzeit, noch Trutzjudcn vom Schlage Börnes und Heines, sondern deutsche Vollbürger-werden, an allen Pflichten und Rechten deutschen Gemeinlcbcns teilhaben wollten." Auch wenn man sich gegenwärtig hält, daß Auerbach alle religiösen Bande zum Judentum löste, so bleibt unbegreiflich, wie er gesunden Sinnes den Satz schreiben konnte: „Ja, wir achten und lieben deutsche Sitte und deutsches Herz, denn es ist auch unsere Sitte, unser Herz." Für wen das Judentum nicht in der Religion lag, dem mußte cs um so mehr Volkstum sein. Stellen wie diese, ein seelisches Gemisch von Empfindsamkeit, Selbstbetrug und gekauten Worten, bezeugen den Gegensatz in der jüdischen Haltung jener Jahrzehnte. Heine und Börne; Auerbach und Rießcr: Verstandcsjuden und Gefühlsjuden; die tragische und vertrauensselige Fassung der Frage. Erhellen sie jene bis in das letzte Fältchen der Hoffnungslosigkeit, indem sie die wahre Natur der Sache erkannten, so verhüllten diese mit einem Schleier von Redensarten, was in seiner ganzen Tiefe sehen, sie nicht konnten oder nicht wollten. Diese Schrift, die die Dinge von drüben, nicht von herüben sah, ist das Wesentliche des jungen Auerbach, keinesfalls „Spinoza" 1837, womit er eine Sammlung geschichtlicher Zeit- und Sittenbilder „Das Ghetto" einlciten wollte, oder gar „Dichter und Kaufmann" 1839 mit dem schlesischen Versmacher Moses Ephraim Kuh und mit Moses Mendelssohn als Gegenspieler. Die größere Bedeutung der Dorfgeschichten liegt außerhalb des Schrifttümlichen. Sie sind ein wichtiges Quellcnerzeugnis für die jüdischdeutsche Frage. An ihnen hatte sich Auerbachs Wendung aus dem engen jüdischen in den weiteren deutschen Bereich vollzogen. Sic vertreten die ernste Wahrheit, daß ein geistiger Anglcich der Juden zunächst nicht mit der Richtung auf ein 'allgemeines „Deutsches", sondern wie bei Mosen etwa nur durch das Mittel eines landschaftlich Besonderen möglich war. Nicht der abgezogene Begriff, sondern nur das lebendig gegenständliche Blut vermag auch Leben zu schaffen." Dem Urteil Josef Nadlers, dem auch kein Gran liebenden Verstehens für dieses jüdische Schicksal bcigemischt ist, kann sich auch der jüdische Literarhistoriker ArthurClocsscr (im neuesten eben bei Cassirer erschienenen zweiten Band seiner prachtvollen deutschen Literaturgeschichte) nicht ganz entziehen. Ironisch und sichtlich bemüht, das Höchstmaß verständnisvoller Gerechtigkeit aufzubringcn, läßt sich Eloesser über Auerbach so vernehmen: „Der kleine, schwarze, naiv eitle, eifrige, sprudelnde Mann, der gern allen guten Willens die Hände drückte.Der Schwarzwäldcr nahm sich den Landsnrann Johann Peter Hebel zum Muster; cs war die ererbte jüdische Lehrhaftigkeit, die sich mit der Lcbensklugheit des heimischen Patriarchen wohl verstand, cs war seine lebendige Philosophie, seine praktische Humanität, die den Dichter wieder in die alten Rechte und Würden des Erziehers cinsctzte. Kein Mensch hat mit weniger Zweifeln, vor allem an sich selbst, gelebt als Auerbach; er war glücklich ein Dichter, ein deutscher Dichter zu sein, und den Menschen, der von Natur gut und edel ist, auf allen Wegen leiten zu können. ..... Ein milde zusprcchender Philantrop, in dem sich der deutsche und der jüdische Hausvater ausgezeichnet vertrugen. Diese Ehe machte einen guten Liberalen und einen Optimisten, der hoffnungsvoll für seinen Stamm wie für seine Nation in die Tradition der Aufklärung zurückgetreten war. Auerbach hat einen Spinozaroman geschrieben und einen „Dichter und Kaufmann", hinter dem sein verehrter Moses Mendelssohn stand. Diese Werke verfielen am schnellsten wie fast alle historischen Romane, sic hatten einmal die Bedeutung eines dankbaren und frohen Bekenntnisses: der alte Ahasver war an der Brust des schicksalsverwandten deutschen Volkes oder, genauer gesagt, am Herzen Lessings endlich zur Ruhe gekommen." — „. — Endlich zur Ruhe gekommen?" Hier ist Eloesser selbst ein Opfer des liberalen Optimismus geworden, den er nicht ohne Ironie bei Berthold Auerbach richtig beobachtet hat. 2. Alfred Mombert. Vor zehn Jahren hat Martin Buber in der Sammlung „Juden in der deutschen Literatur" dem Dichter Mombert rhapsodische, kongeniale Zeilen gewidmet. Wer für Mombert vorher nicht Sinn und Nerven hatte, bekam sic auch durch Buber nicht. Die Scheidekunst des Intellekts versagt hier. Wie wenige können heute Rilke, Däubler, George, Benn nachcrlebcn und verstehen. Alfred Mombert ist Jude. Buber erkennt in seiner Lyrik jüdisches Weltgefühl wieder. Cs ist zu fürchten, daß die Interpretation Bubers die Leser nicht klüger macht. Mombert ist durch Richard Dehmel in die Öffentlichkeit eingeführt worden. Als Dchmel im Jahr 1900 in München im Konzertsaal Momberts Gedichte vorlas, wurde er ausgelacht. Dieses Gelächter ist in die Geschichte der deutschen Literatur eingezogcn. Wer Lyrik nur gefühlsmäßig oder musikalisch nimmt, kann Mombert erst recht nicht verstehen. Wie man, um Hegel zu lesen, die Anstrengung des Begriffs auf sich nehmen nruß, so hat man bei Mombert den guten Willen aufzubringen, an dem Traum seiner Gedankenerlebnisse teilzunchrnen. Nicht wie beinr üblichen Lyriker das eigene Ich, sondern das unbegreifliche Wcltganzc ist der Gegenstand seiner unerhörten und kauin vcrsiehbarcn Dichtung. „Ich weiß die Welt — Nur wer «Ich» bin: Das wußt ich nie. Drum sang ich stets die Welt — Und sang nie Mich. — Oh, nie — sang ich - Mich»!" „Mombert hat seine Verhöhner besiegt und beschämt", bekennt der Literaturhistoriker Friedrich von der Leycn, den vor zwanzig Jahren die gute Gesellschaft iw München auf der Universität so gern hörte. „Die Dichtungen Momberts erwecken den Eindruck, als sei ihr Dichter bei der Schöpfung dabei gewesen, und als rufe er Sonne und Mond und Hitnmel und Erde und Meer und Sturm noch einmal ins Leben." Und es erweckt Hoffnungen, wenn sein willigster, nicht-jüdischer Herold, Hanns Martin Elster, die Würdigung seines Gesamtwertes, dessen sich seit Jahrzehnten der Insel-Verlag unverdrossen angenommen hat, mit den Sätzen beschließt: „Alfred Mombert gehört mit Werk und Weltanschauung zu den schöpferischen Dichtern, die sich, nach einem Beetboven-Wort, der Gottheit mehr als andere Menschen nähern und von hier aus ihre Strahlen unter dein Menschengeschlecht verbreiten. Wir müssen daran arbeiten, daß einst die Stunde komme, daß solchem Dichter die Erlösung aus seiner Einsamkeit durch die Hingabe seines Volkes an seine Schöpfung bringt." — patriarchalische Samilie .... in Masken Zu Werfels neuem Werk „Die Geschwister von Neapel" (Zsolnay-Vcrlag) Wer jemals das Glück hatte, den Vatikan in Rom — diese Welt in einer Welt — zu durchwandern, der erinnert sich wohl auch in der weithin strahlenden Reihe dieser schatzbergenden Säle eines bescheideneren Gemaches, des Gabinetto delle maschere, des Kabinetts der Masken — und sieht sie wieder vor sich auftauchen, die Menfchengesichter, die doch eigentlich nur Schalen sind: vom Boden her winken sie dem Eintretenden, aus unendlich vielen Steinen mit tiefsinniger Liebe geformt... An dies Kabinett muß man denken, wenn man Franz Werfels neues Buch „Die Geschwister von Neapel" (P. Zsolnay Verlag) zur Hand nimmt. Da sind Menschen, die leben, atmen, Feste besuchen, lachen und weinen, beten und fluchen; eine ganze

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