Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 5 (1.3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 70 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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70 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 Zehn Jüdinnen Zu dem Buch: Zehn Jüdinnen von Otto Abeles. Verlag Dr. M. Präger, Wien I9Z1. Die jüdische Frau des Ghetto vom dunklen Mittelalter bis zur Zeit der Emanzipation wird in einem kleinen Buche von Otto Abeles lebendig, das ungewöhnlich packend un daktuell geschrieben ist; sic ist Trägerin persönlicher und Volkskultur — ein ganzer Mensch, ein ganzer Jude. Zehn Jüdinnen werden aus ihrem anonymen Dasein herausgeholt ,in das Helle Licht unserer Tage gestellt, und da zeigt sich etwas Sonderbares: wir, die aufgeklärten, modernen Frauen, die durch die Frauenbewegung hindurchgcgangen sind, denen die Universitäten sich goeöffnct haben, können viel von diesen ursprünglichen Naturen lernen. Neben dem Weib des reichen Israel aus Enns, deren heroischer Selbstmord beispielgebend auf die Mitgefangenen Juden Österreichs wirkte, da sic sich im Jahre 142 l, der Folter trotzend, bei gefesselten Händen mit ihrem Schleier erwürgt, um nicht dem Judcnturn entsagen zu müssen, stehen drei Prager Jüdinnen, deren Briefe ein reitender Bote im Jahre 1619 bei einem Üeberfall auf der Landstraße verloren hat. „Die Dächer einer Judengasse sind abgehoben. Man sieht in die Stuben, in die Herzen der Briefschreiber; man sieht eine Zeit und ihre Menschen, die Lebenshaltung, die Nöte und wie man ihrer Herr zu werden suchte.... Welche Not der Zeit — welche Kraft der Seelen!" Die kleinen Geschichten der großen Glücke! sind Kabinettstücke — so liebevoll sind sie ausgewählt, so künstlerisch durchgesormt. Abeles schildert die Glücke! als besondere Spezies frommer, gütiger Menschen, die durchaus sachliche und tätige Naturen sind. „Vortreffliche Egoisten, bereiten sie sich durch gute Werke fürs Jenseits vor." Cr zeigt ihren Humor, ihre „schwärmerischer Verstiegenheit und verlogenem Altruismus abholde Lebensweisheit". Er nennt Frauen wie diese genialische Glückel von Hameln Säulen der Familie, der er in der Krakauer Jüdin Bube Makale Säulen der Gass' gegenüberstellt. Wie konnten aus jener Zeit Frauen von solchem Format hervorgehen? Abeles gibt die Antwort: „Wo Männer weltabgewandt über dem Talmud saßen, wo das Lernen geheiligetr Sinn des Lebens und Ziel des Wirkens war, wo das Regiment des Hauses auf die Gattin überging, dort mußten überragende Frauen erstehen." Und die Frumet Wolf von Eisenstadt war eine Rebellin der Gass', ehe sie die allgemein verehrte Patriarchin wurde in eben jenem Eiscnstadt, das das Wunder eines heiteren Ghetto hervorgebracht hat. In ihrer Jugend hat sie in einer Flugschrift (Pasquill-Zettelech) respektlos und treffsicher die Herren Gemeindevorsteher aufs Korn genommen. Und wie betrieb sie das, was wir jetzt „produktive Unterstützung" nennen würden? „Sie kam zum Omnibus, der am Ghettoeingang seine Fahrgäste aufnahmc, mit der vollen Börse. Aber nicht, um Almosen zu verteilen, wie vor Sabbat- Eingang, sondern um den Familienvätern, den kleinen Leuten, die über Land fuhren, Handel trieben, erst Freitag vor der Dämmerstunde hcimkamen, zu ihrem Lebensunterhalt zu verhelfen. Indem sie nach kluger Aussprache und Beratung den Bedürftigen zinsenfreie Darlehen gewährte, die sie am Wochenende zurückerhielt — oder auch nicht —. Cs war eine Erziehung zum werktätigen Leben. Wer nach Wochcnfrist pünktlich zurückzahltc, war ihrer weiteren Förderung sicher. Die Untauglichen sanken in die Schicht der Almosennehmer hinab, für welche die Frumct Wolf barmherzig sorgte." Neben diesen Frauen von Menschenkenntnis und Führcreigenschaften, die ganz in ihrem Kreis und für ihn lebten, die'jüdischen Geist pflegten und weiter trugen, stehen zwei bekanntere Gestalten, die Frauen der Romantik, Fanny von Arnstein und Rahel von Varnhagen, die über dem Rausch des Crgreifens europäischer Kultur ihr Judentum aufgcbcn und verlieren. Und hier deckt der Verfasser die Folgen der Flucht aus dem Judcnturn auf: die Zerrissenheit, die Selbstzcrsetzung, die Preisgabe des besseren Ich, denen auch die Jüdin des 19. Jahrhunderts unterliegt, ln gleichem Masse wie sie ihre jüdischen Werte aufgibt, wie sie entwurzelt und degeneriert wird. Cr zeigt, daß die Hysterie von ,,La Fanny“ mit der verdrängten Liebe zum jüdischen Stamme zusammenhängt, vermittelt die Stimmung ihrer Schwester Sara Levi, beides Töchter von Daniel Jtzig aus Berlin, die sich wie ein entlaubter Baum vorkommt, weil all die Ihrigen durch ihren Übertritt zum Christentum ihr fremd geworden sind. „Hier bereits, im unvergleichlichen Salon Arnstein, keimen die traurigen Zustände, wie sic später die. reichen israelitischen Häuser verwüsteten: der Mann Arbeitstier, Geldverdiener, die Gattin Luxusgeschöpf, Sklavin jeder Mode, jeder neuen Salondummheit. Besessen von der Sucht zu gelten, zu gefallen." Gibt cs nicht heute noch Frauen, die davon träumen, einen geistigen Salon zu haben, wie Rahel Levin? Aber auch bei dieser bedeutenden, vielgcfeiertcn Frau der Bruch. Arn Sterbebett der leidenden Rahel, deren Maß Übermaß war, die das Judentum als Strafe des Schicksals empfand, wird offenbar: „das war die Sünde und Tragik der so erfolgreichen, umworbenen, mit feinen Sinnen für Kunst und Kultur begabten Tochter Israels. Und litt doch zeitlebens an ihrem Judentum! Weil sie ihr Jüdin-Sein nicht erfüllte." Und dann Versöhnung und Ausklang in Tante Sali aus Nikolsburg, der guten Tante aus unserer Zeit, die aber auch schon einer ausgestorbencn Generation angehört, deren Sendung es ist, für alle zu sorgen. Die schon als halbwüchsiges Mädchen dem Hause mit den 12 Kindern unentbehrlich ist und darum als Jüngste der Schwestern nicht mehr zur Ehe kommt, weil sie bereits die unersetzliche „Tante" war, als sic hcrangcwachsen und mannbar geworden ist. Wenn der Autor davon spricht, daß man ihr ein Denkmal setzen sollte, „weil die Schlichte, Heitere, Gerechte, Treue, Selbstlose, Fromme das Sinnbild der sterbenden Judenstadt war", so hat dieser Gedanke vielleicht bei der Entstehung des warmen, liebenswerten Büchleins Pate gestanden, das darum so sympatisch ist, weil cs Stellung nimmt, weil es sich ganz auf die Seite der Volljüdin stellt. Für diese schöne Tat danken wir Otto Abeles. Dr. Else B o d c n h e i in e r - B i r a in Zwei melancholische Sedenktage Berthold Auerbach 50 Jahre tot (gest. 8. Februar 1882). 1. Berthold Auerbach. Es ist schmerzlich, die üblichen Gedenkartikel über den verschollenen Versager der Schwarzwälder Dorfgeschichten in den jüdischen Zeitungen der vergangenen Wochen zu lesen. „Der feinsinnige Schildcrcr deutschen ländlichen Lebens und deutscher bäuerlicher Lebensart", „der geistige Wegweiser des deutschen liberalen Bürgertums", „der warmherzige Patriot!" Ist es erlaubt, diese kraftlos gewordenen Redewendungen noch einmal ablaufen zu lasten? Wäre cs nicht wichtiger, sich auf den Irrtum, und das Mißverständnis dieses Lebens und damit auf unser eigenes eindringlich zu besinnen? Wir geben den beiden besten modernen Literarhistorikern das Wort; ihr repräsentatives Urteil — so verschieden es nach Ton und Stoffauswahl klingt — ist das Urteil unserer Epoche. Zuerst Josef Nadd e r, der berühmte Wiener Literarhistoriker im dritten Band seiner „Literaturgeschichte der d c u t s ch cn Stämme und Landschaften": — Alfred Mombert 60 Jahre alt (geb. 6. Februar 1872). „Die sogenannte Dorfgeschichte war schon da als fränkisch-bayerisches Erzeugnis und sie war durch Friedrich Lcntner, Melchior Mayr, Josef Rank in voller Ausbildung. Und sic hatte an einem zweiten Aste aus den bäuerlichen Beständen der Berner Landschaft bei Albert Bitzius längst klastische Form erhalten. Was hier und jetzt (im Falle Auerbach) geschah, ist wichtig vom Dichter aus gesehen. Der Jude versucht sich in eine Landschaft einzusügcn. Berthold Auerbach, 1812 bis 1882, stammte aus dem vordcrösterreichischcn Nordstetten, von einem jüdischen Handelsmann und einer jüdischen Wirtstochtcr. Frühzeitig wurde er an dem vorbcstimmten Rabbincrbcruf irre. Außere Umstände drängten ihn ganz davon ab. Denn, nachdem er an der Tübinger Hochschule seit IS32 bei Uhland und Strauß gehört hatte, gelang cs ihm, zu München wegen Teilnahme an der Burschenschaft von der Schule verwiesen zu werden. Und nun ließ man ihn wegen des schwebenden Verfahrens in Württemberg zur Rabbinerprüfung nicht zu. Cr war also, nachdem er zwei Monate Asperg abgcscstcn hatte, zu Brotarbeiten verurteilt. Noch war Auerbach durchaus auf jüdische Wirksamkeit eingestellt. Dafür zeugt zunächst