Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 5 (1.3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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66 bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 5 darauf hin, daß in Frankreich von einer „protestantischen Humanität" die Rede ist. Stapel spricht im selben Sinne von „jüdischer Humanität" und „jüdischem Liberalismus". Nun ist aber Liberalismus eine Ideologie des säkularen Europa, und Judentum und Protestantismus sind religiöse Positionen. Die Erklärung, die Quervain für djc protestantische Humanität in Frankreich gibt, wird auch die jüdische Situation aufhellen. Cs sind die Nachkommen der verfolgten Hugenotten, die erst in der liberalen Demokratie die Freiheit für ihre religiöse Gemeinschaft geschenkt erhielten, und die daher schicksalhaft die Gcdankengänge der liberalen Demokrane mit Begeisterung annahmen. Aber, so schließt Quervain in seinem Bericht, als religiöses Bekenntnis ist diese protestantische Humanität nicht möglich. Auch gegenüber dem „jüdischen Liberalismus" muß fcstgesiellt werden, als religiöses Bekenntnis kann er nicht auftretcn. Die Lage des Judentums, das bei seiner Emanzipation mit dem Liberalismus Europas in engste Berührung kam, ist hier die: was in der protestantischen Kirche Schleiermacher ist, ist im modernen Judentum Moses Mendelssohn. Und wie die dialektische Theologie innerhalb des Protestantismus die Erneuerung der reformatorischen Position bedeutet, so besitzt auch das gegenwärtige Judentum Menschen, die es von der säkularen Ideologie zur biblischen Haltung zurückführen. Der bedeutendste Name in dieser jüdischen religiösen Renaissance ist der von Franz Noscnzweig. (Hauptwerk: „Stern der Erlösung", Frankfurt a. M., 2. Ausl., 1930.) Nicht im Namen der Ideen von 1789 ist die Emanzipation des Judentums zu bewältigen. Die Humanität, die als Konkurrenzidee zum Christentum beim Zerfall des Mittelalters geboren wurde, stellt das Tor dar, durch das das neuzeitliche Heidentum in den europäischen Geschichtsraum eintrat. Die Emanzipation des Judentums wird nicht mit den Ideologien des Liberalismus zur Lösung gebracht werden, wird, nicht als Gespräch des Juden mit dem homo sapiens, sondern einzig als Gespräch des Juden mit dem Christen zum harmonischen Anschluß kommen können. In Nyon ist es zu eine in solchen jüdischchristlichen Gespräch nicht g c k o m m e n. Die Schuld lag aus beiden Seiten. Der nichtjüdische Kommunist Wegener gab eine begeisterte Schilderung der jüdischen Kolonien in Palästina. Aber er sah nur, was er mit seiner Seele suchte: das Kollektiv. Was in dieser neuen Gemeinschaftsbildung der altjüdische, nie ganz erstorbene Wille zu heiliger Gemeinde ist, kann dieser Sohn des 19. Jahrhunderts nicht bemerken. Was den Juden im Innersten an Palästina bindet, wird erst der Christ verstehen. Die Verse Walthers von der Vogelweide: „Ich betrat den Pfad, den unser Herr als Mensch beschritten hat", sind leicht der christologischen Form zu entkleiden und auf den Zionismus anzuwenden. Wegener kennt nur den von den modernen Ideologien — dem Nationalismus und Sozialismus — zersetzten Zionismus, der heute nicht mehr nraßgcbend ist. Aber Palästina ist nicht völkischer Raum und nicht soziales Utopia, sondern heiliges Land. — Nahum Goldmann vertrat — Pancuropa. Aber auch Badt, dessen Ausführungen unvergleichlich gehalwoller waren als die Goldmanns, ist entgegenzuhalten, daß er stellenweise als deutscher Sozialdemokrat, nicht als Jude gesprochen hat. So ist er mitschuldig, wenn ein jüdisch-christliches Gespräch nicht zustande kam und ein Gespräch mit Stapel eine Form annahm, die eben heute ein Gespräch zwischen einem deutschen Sozialdemokraten und einem deutschen Konservativen haben muß. Aber ist von seiten Stapels ein jüdisch-christliches Gespräch möglich? Läßt sich in Stapel der Christ ansprechen? Weiß Stapel nicht, daß auch der Christ als Christ im Exil lebt, und daß daher zwischen dem Christen der einzelnen Nationen ebensolche „Querverbindungen" bestehen, wie er sie bei den Juden mißbilligend festsiellt? Die christliche Kirche ist nirgends nationale Kirche, sic ist also auch nicht international. Ebenso ist das Judentum nicht „international". International ist der humane Geist in der zivilisatorischen Entfaltung, die immer eine solche der Sachen und der an die Sachen geketteten Menschen ist. Der Geist Gottes aber entwirklicht den Menschen nicht. Der Geist Gottes läßt den Menschen in den existentiellen Bedingungen seiner Zeit und seines Raumes. Damit ist die schöpfungsmäßige Einheit der Menschen nicht aufgegebcn. Diese schöpfungsmäßige Einheit, die zwischen Volk und Volk, zwischen Juden und Christen das Gespräch nicht verstummen läßt, ist natürlich nicht die liberale Menschheitsidee, die als Idee, nämlich als Organisationsidee, die volkliche und religiöse Einmaligkeit angreift. Es bestehen Querverbindungen zwischen den Erilen, in denen der Christ als irdischer Mensch lebt, die natürlich mit den zivilisatorischen Beziehungen des bomo sapiens und des homo faber nichts zu tun haben. Der Protestant Leonhard Ragaz schreibt in seinem Buche „Weltreich, Religion und Gottesherrschaft": An Stelle des Christen tritt nun der „Staatsbürger". Wir sind nicht in erster Linie Christen, sondern Deutsche, Franzosen, Engländer. Ist das etwa selbstverständlich? Ist es nicht herzzerreißender, schamloser Abfall von Christus?" (Bd. I, S. 53.) Der Katholik Dietrich von Hildebrand vertritt den gleichen Gedanken in einer Formulierung, die die Liebe zum eigenen Volkstum nicht genügend ausspricht, was aber an der nicht glücklichen Formulierung liegt: „Wenn jenrand nicht in erster Linie katholisch ist und erst dann alles andere, so ist er überhaupt nicht ein wahrer Katholik. Wir müssen also in erster Linie Glieder des mystischen Leibes Christi sein, es muß sich jeder Katholik fremder Nationen und Völker unvergleichlich eigentlicher verbunden fühlen als mit einem Konnationalen, der kein lebendiges Glied am mystischen Leibe Christi ist.Darum muß das Gemeinschaftsband, das uns in der Himmlischen Heimat verbindet, auch für unser Bewußtsein schlechtweg des Realen, Lebendigen, stärker sein gegenüber allcit anderen Verbundenheiten von Nation, Staat, Volk und Rasse." (Zitat aus „Die Tat", Dezember 1931, Hartwig, Aclio calholica, S. 729.) Am geeignetsten scheint hier die Formulierung eines Barth nahe stehenden dialektischen Theologen zu sein, die die Cxilschast des Christen folgendermaßen beschreibt: „Die Fremdlingschaft des Volkes Gottes in der Welt führt keineswegs zur Gleichgültigkeit gegenüber dem Volk als einer schöpfungsmäßigen Gegebenheit. Da sie eine Fremdlingschaft mit Christus, dem Auferstandencn, d. h. dem an die Welt zum Dienst Z u r ü ck g e g e b c n e n ist, so bedeutet sie gerade Bekenntnis zum Volk, Mittragen seiner Not, Dienst am Volk" (Richard Karwehl, Politisches Mcssiastum, „Zwischen den Zeiten", Heft 6, S. 525). Wenn rnan natürlich, wie Stapel cs tut, die Nation, die doch als Kulturnation immer Menschengeist ist, ohne weiteres als Schöpfungsordnung ansieht, so wird es auch nicht zugegeben werden, daß der Christ als Christ ebenso inr Exil lebt wie der Jude? Unterschiede sind natürlich vorhanden. Sie bestehen darin, daß der Christ als Sohn der Kirche, der Jude als „Same Abrahams" vor Gott steht. Warum sicht Stapel nicht, daß der Jude und der Christ gleichermaßen ihre Exilssituation, ihre bis zu einem gewissen Grade nicht aufzuhebende Heimatlosigkeit im geschichtlichen Leben nicht vergessen dürfen? Weil er, theologisch gesprochen, den umgekehrten „Fall Dehn" darstellt. Günther Dehn ist der Gedanke der Souveränität Gotcs der Geschichte gegenüber, seine schlechthinnige Jenseitigkeit, so wert, daß er die irdische Geschichte als Offenbarungsort übersieht. Stapel sieht Gott — typisch liberal — auf die Geschichte beschränkt. Die doxa, die Ehre Gottes, vor der alle irdische Größe erniedrigt wird, verwechselt er mit der gloir6. — Unter dem nomos steht nur der Jude und der Christ. Der nomos ist immer nomos pisleos, das Glauben fordernde Gesetz. „Das Gesetz und die Propheten", heißt es immer im neutestamentlichen und rabbinischen Schrifttum. Stapel sagt nun: Cs gibt auch einen deutschen nomos. Cr verwechselt also nomos mit Mythos. Am Kyriosbegriff muß jede irdische Herrschaft nur gebrochen erscheinen. Wenn irdische Herrschaft Bild der göttlichen wird, ist der Gott der Bibel vom Gott Homers verdrängt worden. Alles in allem: Stapel gibt die Absolutheit Gottes preis und verabsolutiert die Geschichte. Aber heilige Geschichte wird erst sichtbar, wo die absolute, mit der Geschichte sich mcht deckende Heiligkeit Gottes offenbar ist. Erst der jenseitige Gott „strahlt in Weltlichkeit" (Gottfried Keller). Kirche und Staat sind und bleiben Gegensätze. Dehn und Stapel wollen diese Gegensätze nicht anerkennen. Dehn sieht nur die Kirche. Stapel macht den Staat zur Kirche. Aber nur einmal ist Polis-Tempel möglich gewesen: es war der Tempel des Jupiter. Stapel findet, daß der Jude in den Staat nicht ganz eingeordnet sei und begründet damit den Antisemitismus. Was unterscheidet diesen Antisemitismus von der Christenfeindschaft der heidnischen Cäsaren? Nichts. Die ganze Last der staatsrechtlichen Judcnfrage trug in Nyon D r. Friedrich Brodnitz. Hierzu einige Bemerkungen. Der liberale Staat ist es gewesen, der dem Judentum die Emanzipation gebracht hat. Der liberale Staat ist heute tot. Wenn der Jude sich als Staatsbürger bekennt, meint er dann notwendig den liberalen Staat? Wenn wir aus dem Geist des Judentums heraus nach der Stellung des Juden zum Staat fragen, ergibt sich nirgends die Notwendigkeit, die Staatsbejahung des Juden allein auf den liberalen Staat zu beschränken. Hier ist in die Tiefe zu gehen. Dies ist geschehen, wo der religiöse Sendungscharakter des Staates begriffen worden ist. Dieser religiöse Sendungscharakter ist in den verschiedenen Staatssormen des Liberalismus vergessen worden. Der Jude als religiöser Mensch steht vor Gott als Geschöpf, nicht als autonomes Individuum. Vom autonomen Individuum her legitimiert sich der liberale Staat. Der Jude ist als Jude mit dem Schicksal des liberalen Staates nicht verbunden. Cr ist als Jude nicht zu besten Verteidiger berufen. Wie steht er zum Staat, der nicht in erster Linie einer säkularen Ideologie dient, sondern in erster Linie sich seiner religiösen Sendung bewußt ist und dadurch allein im Widerstreit der säkularen Ideologien — Individualismus, Nationalismus, Sozialismus —