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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-03-01 · 5 (1.3.1932) · p. Seite 65

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
5 (1.3.1932)
Date
1932-03-01
Page
Seite 65 (sequence 1)
Language
German
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Bayerische Kachrichtenblatt öer Israelitischen Kultusgemeinöen in München/ Augsburg/ Hamberg unü ües VerbanöeS Bayerischer Israelitischer Gemeinüen IsraelUsche GemelnöezeLtung Erscheint am 1. unü tf. seüen Monats. — Verlag: S. heller/ München/ Bezugspreis für nicht eingewiesene Bezieher: Reichsmark 4.S0 für öas plinganserstraße 64/ Kernruf 7)664 unü 7)665/ Postscheck München 3987/ Jahr. Anzeigenpreis: Sie 4 gespaltene Millimeter-Zeile 40 Reichspfenuig Bchristleitung: Sr. Luüwig Keuchtwanger/ München/ Grillparzerstraste ZS Kamilienanzeigen/ Stellengesuche unü ähnlich: Angebote 15 Reichspfenuig VUI. Jahrgang München, t. März Kr. 5 Inhalt: Die Juden der Gegenwart im Gemeinschaftsleben der Völker — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen der Israelitischen Kultusge- Stanislaus Bender — Zehn Jüdinnen — Zwei melancholische Gedenkmeinde München: Bekanntmachung über daS Ergebnis der Wahlen zur tage — Patriarchalische Familie . ... in MaSken — Aus der Gemeinde Gemeindevertretung 1932 — Personalia München — Aus bayerischen Gemeinden — Vereine — Bücherschau — Die Juden der Gegenwart im Gemeinschaftsleben der Völker Jüdisch-christliches Gespräch Von Rabbiner Dr. Ignaz M a y b a ti m (Frankfurt a. d. Oder) Redaktionelle Vorbemerkung: In Nr. 12 des vorigen Jahrgangs dieses Blattes (vom 15. Juni 1931; S. 179) war hier kurz von der Tagung der Studcntenkonferenz in Nyon (im Mai 19:51) die Rede, besonders von dem schon Ende Mai im Wortlaut im „Ring" veröffentlichten Vortrag des deutsch-völkischen Hauptredners Wilhelm Stapel: „Die Rolle der Juden im politischen Leben der Gegenwart". Die jüdischen Hauptredner in Nyon waren Dr. Friedrich B r o d n i tz vom Central-Verein und der deutsche Zionist Minisierial-Direktor Badt. Seit dieser Konferenz ist cs auch den deutschen Juden nicht mehr gestattet, ihre Anschauungen von Staat und Gesellschaft sowie von der Rolle der Juden dabei ausschließlich aus der „Frankfurter Zeitung", dem „Berliner Tageblatt", der „Vossischen Zeitung", wenn cs hoch kommt, aus der „Neuen Rundschau", dem „Tagebuch", der „Weltbühne", aus dem „Israelit", den Blättern des Centralvereins oder dem Israelitischen Familienblatt zu beziehen. Es ist notwendig und an der Zeit, daß auch von den deutschen Juden die neuen Staats- und Gesellschaftstheoricn von Smend, Carl Schmitt, de Quervain, Freyer usw. zur Kenntnis genommen werden und daß ferner allmählich auch an die Ohren der deutschen Juden die Kunde dringt, daß heute auch iin protestantischen Lager eine anti-liberale Theologie herrschend geworden ist, die jede Art von Relativismus rmd Kultur- Optimismus verneint, endlich daß die idealistische und humanistische Weltansicht des 19. Jahrhunderts in der heute noch inr vollen Gang befindlichen. geistigen Auseinandersetzung kein Schwergewicht inehr hat und vor allein in der Jugend keine Resonanz besitzt, auch wenn man den ungeistigen Teil, also die vorn Zweck beherrschte Jugend des Fortschrittes und der crfolgsichernden Ertüchtigung beiseite läßt. Am besten unterrichtet inan sich über diese Situation aus dem grundlegenden Aufsatz „Theologie und Politik" des jüdischen Theologen Ignaz M a y b a u in (iin letzten Februar-Heft des „Morgen"). Hier ist mit vollkolnmencr Deutlichkeit ausgesprochen: „Die jüdische Theologie hat die Pflicht, dem jüdischen Liberalen zu sagen, daß er mit seinenr Liberalismus Politik und keine Religion vertritt, daß das freie Individuum des Liberalismus und das durch Gott, den Schöpfer gebundene und dadurch erst freie Geschöpf der biblischen Position nichts miteinander zu tun haben." Maybarnn klärt gleichzeitig mit der gleichen Deutlichkeit, daß der 'Gegensatz Religionsgemcinde — Volksgemeinde kein echter Gegensatz ist, sondern eine Zerreißung von Idee und Wirklichkeit Die int Folgenden zum ersten Mal veröffentlichten Ausführungen bilden eine vorzügliche Ergänzung und Krönung des Morgen-Aufsatzes, und stellen gleichzeitig eine für sich gültige geschlopene Neubegründung der geistigen Position des inoderncn deutschen Juden dar. Durch sie werden vollends die längst morsch gewordenen Schranken cingcristen, die zwischen den alten jüdischen Parteien in Deutschland aufgerichter waren. Wir lassen Maybaum das Wort: Unter dem Titel „Die Juden inr Gemeinschaftsleben der Völker" liegt numnehr der „Bericht über die zweite Tagung des Weltstudentenwerks zum Studium der jüdischen Frage in den Hochschulen", die in Nyon vorn 13. bis 18. April 1931 stattfand, als Broschüre vor (Verlag: Weltsiudentcnwerk, 13 S 14 rue Calvin, Genf). Juden und Nichtjuden sprachen über die Irrdenfrage. Ein jüdischer Theologe war nicht zugegen. Vorn Gesichtspunkt eben des jüdischen Theologen soll im folgenden Kritisches ausgeführt werden. Herr Ministerialrat Dr. Badt, der den zionistischen Standpunkt vertrat, wies in feiner eindrucksvollen Rede auf den Augenblick hin, da in Theodor Hcrzl, dem genialen Begründer der zionistischen Bewegung, die Idee des Zionismus erwachte. Es war das aufgewühlte Frankreich des Dreyfus-Prozesses. Herzl erlebte als Berichterstatter der „Neuen Freien Preste" den Prozeß aus nächster Nähe. Herr Ministeralrat Badt schildert nun die Situation: Herzl verläßt den Sitzungssaal. „Da erlebt er etwas, das ihn im Bruchteil einer Sekunde im Innersten erschüttert und aufwühlt, das seine ganze bisherige Auffassung über die sogenannte Iudensrage über den Haufen wirft. Als er ins Freie kommt, sieht er sich einer unübersehbaren, brüllenden, tosenden Menge gegenüber, und immer wieder dringt der Ruf an sein Ohr: A bas les juifs! A mort les juifs! Blitzartig dringt die Erkenntnis auf ihn ein: wenn das möglich ist in einenr Lande, das vor hundert Jahren als erstes vor den Völkern das hohe Panier der Liberty, Cgalite, Fratcrnite aufgepflanzt hat — wenn in diesem Lande, das nie „'Antisemitismus" im landläufigen Sinne gekannt hat, der bloße Verdacht, es könne ein jüdischer Generalsiabsoffizier Verrat begangen haben, genügt, um den Tod sämtlicher Juden zu verlangen — dann ist seine ganze bisherige 'Auffassung von der sogenannten Iudcnfrage falsch gewesen (Bericht Seite 58/59). Hier sei nun — allerdings nicht nur Badt, sondern sämtlichen jüdischen Vertretern von Nyon die Behauptung entgegengehalten, daß sie die Iudenfrage durchaus noch nicht mit der Logik von 1789 aufrollen. Der Zionismus, wie er hier von Badt und Goldmann repräsentiert wird, tritt aus den liberalen Gedankengängen keineswegs heraus. Flachstes 19. Jahrhundert war es,' was Dr. N a h um Gold m a n n vorzubringen hatte. Das ist nicht Judentum, was er schilderte, sondern säkularisiertes Judentum, hervorgegangen aus einer engen Verbindung mit dem europäischen Liberalismus. Alfred de Quervain (vergleiche meinen Aufsatz inr „Morgen": „Politik und Theologie"; VII. Jahrgang, Heft 6) weist in seinem Buche: „Die theologischen Voraussetzungen der Politik" (Furche-Verlag 1931, S. 95)

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