Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 5 (1.3.1932)
- Date
- 1932-03-01
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2727810-2727950-2727955--08528-2741723- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 67 Ordnung schaffen kann? Dem liberalen Staat diente der Jude gegen sein Judentum als säkularisierter Jude. Dem Staat, der nicht liberaler Staat ist, der sich nicht vom Individuum, sondern von Gott her beauftragt sieht, wird er mit seinem Judentuin dienen. Die liberale Staatsvergötzung des säkularisierten Juden, der durch den Liberalismus sich als freies Vernunftwescn verstehen lernte, war Sünde gegen das Judentum, das nur in Gott gebundene und dadurch erst freie Geschöpfe kennt. Denr Staat, der seinen Rcchtsauftrag von Gott her begreift, steht der Jude gegenüber mit der Bejahung, die sich auf die Tradition der gesamten religiösen Vergangenheit berufen kann. Cr sieht diesen Staat nicht als Idee des Menschen sondern als Wirklichkeit an, die mit der israelitisch-jüdischen als Messias sich verpflichtenden Königsgestalt.aufkam, die auch dem abendländischen Kaisertum des Mittelalters Vorbild war, bis dann der a u t o n o m e n Nation mit ihrem säkularen Herrschatfsraum dieses Vorbild verschwand. Der Jude steht zu dem allmählich sich durchsetzenden nicht mehr liberalen Staat wie Samuel zu Sauls Königtum. Saul ist als König immer beides: Beauftragter Gottes und Sünder. Der Staat bleibt irdisches Reich, ist nie ewiges Reich. Staatsvergötzung inuß ausgeschlossen bleiben. Aber als irdisches Reich dient der Staat der gloria dei, der Heiligung des göttlichen Namens. Der Jude dient dein Staat nicht gegen sein Judentum, sondern rnit ihm. Dr. Friedrich Brodnitz vertritt die Gruppe, die für die Anerkennung des Juden als eines gleichberechtigten Staatsbürgers kämpft: im eigenen Kreise erzieherisch und aufklärend, nach außen Rechte fordernd und antisemitische Herabsetzung der staatsbürgerlichen Leistung des Juden bekämpfend. Das Referat von Brodnitz läßt erkennen, daß seine Gruppe die jüdische Glaubensgemeinschaft nicht rnehr zu einer bloßen „Konfession" spiritualisicrt. Brodnitz spricht bereits von einer Schicksalsgcmcinschaft. Sollte es dem Judentum wirklich nicht möglich sein, ohne seine staatsbürgerliche Stellung nach Rechten und Pflichten hin zu schädigen, als jüdisches Volk — dies ist die Bezeichnung der Bibel! — auf; treten zu dürfen? Eine jüdische Nation gibt es nicht. Hierin ist der Richtung^ Brodnitz durchaus zuzustimrnen. Aber als jüdisches Volk ist das Judentum immer in der Geschichte ausgetreten, und wenn die Neuzeit es nun anr staatsbürgerlichen Leben Anteil nehmen läßt, ist damit doch kein Anlaß gegeben, sich vom jüdischen Volksbcgrifs abzuwenden, deshalb nicht, weil jüdisches Volk als „heiliges Volk" aus der Reihe der Weltvölkcr herausgchobcn wurde. Das jüdische Volk in Deutschland z. B. steht nicht mit dem deutschen Volk im Spannungsvcrhältnis, wohl aber mit jeder Kirche. Als jüdisches Volk hat es nichts mit der Geschichte zu tun, sondern ist der Ewigkeit gegenübcrgcstellt. Der Jude erlebt als Jude keine Geschichte, als deutscher Jude erlebt er Geschichte: nämlich deutsche. Wenn heute die deutschen Juden wegen ihrer Verbindung nrit sozialen und liberalen Ideen, die augenblicklich von anderen säkularen Ideen bckänrpft werden, inr Mittelpunkt einer Anfeindung stehen, so ist dies ihr deutsches Schicksal, das sie tragen. Indem die Juden der biblischen Bezeichnung gemäß als jüdisches Volk auftreten, sind sie der staatlichen Ordnung nicht durch eine eigene politische Ordnung zuvorgekommen. Jüdisches Volk ist keine politische Größe, es ist ein Gehorsamsvcrhältnis gegen Gott. Indem das Judentum jüdisches Volk bleibt, ist es Gott gehorsam. Diesen Gehorsam wird ihm der Staat nicht als Unwert anrechnen, der selbst von Gott seine Hoheit herleitet. Wer in einer Hinsicht treu ist, ist es in jeder. Die Gruppe, die Brodnitz vertritt, nennt sich „deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens". Diese Bezeichnung hat bereits Tradition im deutschen Judentum, die nicht von heute und gestern ist. Aber wenn es um die religiöse Bekenntnisfrage des Juden geht, ist e r st zu reden von der Stellung des Juden im Staate überhaupt. Der Nationalstaat ist ein bestimmter säkularer Typ des Staates. Der Staat dient der gloria dei. Deshalb ist aus jüdischem Glauben heraus Staatsdienst möglich. Die Ziele der Nation aber dienen der eigenen Verherrlichung, der gloire um der gloire willen. Der Jude, der hier Stellung nimmt, muß sich um der letzten Ehrlichkeit willen klar sein, daß n hier nicht als Jude, das heißt als Glaubender, sondern als Zeitgenope Stellung zu nehmen habe. Die Kundgebungen des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" hatten in der Vorkriegszeit das für viele Juden und Nichtjuden Peinliche des bürgerlichen Patriotismus. Dieser bürgerliche Patriotismus (vergleiche C. W. Eschmann, Die Wandlungen des Nationalen, „Die Tat", Oktober 1930, S. 558) war bürgerliche Dankbarkeitsreaktion auf das enrichez-vous! des wilhelminischen Zeitalters. Das bürgerliche Pathos verleitete den Juden, sein religiöses Bekenntnis auf Inhalte zu beziehen, wo religiöses Bekenntnis nichts zu tun hatte und allein die Entscheidung des Zeitgenossen aufgerufen werden konnte. Der Prophet sagt dem jüdischen Bibelleser: „Suchet das Wohl des Landes, in das ich euch geführt habe, und betet für cs...." (Jcr. 29, 7). Aber er sagt nicht: Betet für Deutschland. Wenn es der deutsche Jude doch tut, tut er cs nicht als Jude, ebenso wenig wie der Christ seine irdische Heimat mit dem Reich Gottes gleichsetzt, sondern als Deutscher. Wenn der deutsche Jude für Deutschland betet, und das tut er mit ganzem Herzen, so tut er es als Zeitgenosse. Dem deutschen Staat dient er im Namen Gottes. Der deutschen Nation^ dient er im Namen seines Menschentums. Für die Liebe des deutschen Juden, die im deutschpolitischen Raum nach Hingabe drängt, bedeutet das keine Einschränkung. Aber der Unterschied zwischen dem unmittelbaren Sendungsauftrag, den der Staat besitzt und dem aus autonomem Menschentum stammenden Geistesbczirk, der die Nation charakterisiert, darf nicht verschleiert werden. Der Christ wird diese Differenzierung sofort verstehen, wenn er erinnert wird, daß der Staat als L-chöpfungsordnung, nicht aber die Nation als Gebilde des autonomen Menschengeistes, der Christianisierung zugänglich ist: Der Heide, nicht aber der autonome -Mensch, kann Christ werden.) Der jüdische Mensch wird in Deutschland seine nachbarschaftlichen Gefühle der Nächstenliebe und der Solidarität vom deutschen Raum her motivieren. Brüder sind Menschen nur vor Gott. Die fraternite als Säkularisierung des biblischen Brüderlichkeitsgebotes ist innerhalb der Nation ebenso Phrase wie im Menschheitsstaat des Liberalen. Inr irdischen Leib der Nation ist Nachbarschaft, Schicksalsverbundenheit, Solidarität die gar nicht tiefer zu fassende Form der Gemeinschaft. Wer glaubt, daß Menschentum nicht immer verbogen und verlogen ist, der wird dem Juden glauben, daß er dem Raum, in dem er steht, sein Herz öffnet, der wird dem deutschen Juden sein Deutschtum glauben. Rabbiner Ignatz Maybaum über Franz Rosenzweig und die jüdischen Positionen des 19. Jahrhunderts In der „Schule der Jüdischen Jugend" in Berlin sprach Rabbiner Dr. Ignatz Maybaum, der Verfasser der vorstehenden Ausführungen, nach einem Bericht, den uns Frau Dr. Badt-Strauß schickt, in diesen Tagen vor einem kleinen Kreise ernsthaft denkender junger Menschen über „Franz Rosenzweig und die jüdischen Positionen des 19. Jahrhunderts". Aus seinen scharf gliedernden und beschwingten Worten stieg die unvergessene Gestalt des allzu früh Vollendeten — aber eben doch: Vollendeten — wieder auf und e6 ergab sich, wie viel dieser Einzige unserer Jugend zu sagen hat — gerade durch seine nicht immer leicht durchschaubare Stellung zu den jüdischen Positionen seiner Umwelt. Wenn er die Orthdorie theoretisch ablehnt, das Gesetz, das den Juden vom Juden trennt, so hat er doch eben dies Gesetz selbst praktisch zu verwirklichen gesucht — das Gesetz, dem wir nur entlaufen, das wir aber nicht ändern können. Wenn er sich vom Liberalismus schied, dem er entstammte, so hat er ihm doch seine Bedeutung und seinen Weg im 19. Jahrhundert zugewiesen. Und wenn er zionistischen Theorien sich nicht anschließen konnte, wenn er die „geliebte Gefährdung" seines Judentums durch das Deutschtum nicht missen mochte, so strömte doch seines Herzens heißester Quell dem reichen jüdischen Leben entgegen, das der Zionismus im fast erstarrten Juden des neunzehnten Jahrhunderts entfachte: unter den Zionisten fand ja dieser „Nicht-Zionist", wie bekannt, die „besseren Juden", und den Zionismus des Siddur und des Machsor — den hat er nie vergessen. Besonderer Gewinn des Abends war die Diskussion, die sich hinterher in engerem Kreise noch stundenlang fortsetzte und wesentliche Punkte der schon beginnenden „Rosenzweig-Philologie" zur Sprache brachte. Noch größerer Gewinn aber wäre es, wenn der Wunsch des Redners Wahrheit würde: wir alle hoffen, daß die von seiner Frau vorbereitete Ausgabe von Franz Rosenzweigs Briefen bald ans Licht gelangt — und dadurch die denkerische und menschliche Entwicklung dieses einzigen Menschen, dessen heldenhaftes Leben und Sterben unserer jüdischen Jugend heut schon fast zum Symbol ward, in ihrer ganzen Lebensfülle aufs neue vor uns auferfteht. 5 1 Vergleiche dazu die aus Alfred de Quervain: „Die theologischen Voraussetzungen der Politik" gezogenen Konsequenzen in meinem oben genannten Aufsatz im „Morgen".