Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 4 (15.2.1932)
- Date
- 1932-02-15
- Page
- Seite 55 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 55 aufgestellt werden. Hierbei mußten in geradezu rigoroser Weise Streichungen insbesondere auf dem Gebiete der sozialen und kulturellen Leistungen vorgenommen werden. Dies trifft insbesondere auf die Mittel für die Wohlfahrtspflege zu, für die aus Steuermitteln lediglich der Betrag von 3000 NM. zur Verfügung gestellt werden konnte, während im übrigen die Mittel für Wvhlfahrtszwecke aus den Stiftungserträgniffen und den Crträgniffen der vorgenommenen Sammlung aufgebracht werden müsten. Auch unter Berücksichtigung dieser auf 4? 000 RM. veranschlagten Zugänge ist im Etat der Posten Offene Fürsorge nur ungefähr mit der Hälfte des Betrages aus dem Vorjahre eingesetzt. Der Referent bezeichnete dies als ganz besonders schmerzlich angesichts der allgemeinen Not, die immer weitere Kreise der Gemeinde erfaßt. Auch die Ausgaben für Anstaltsfürsorge sind gegenüber den im Jahr 1931 aufgewendeten RM. 36 872.73 wesentlich herabgesetzt auf RM. 23 500.—. Die Aufrechterhaltung der Anstalten wird nur dadurch möglich sein, daß diese unter Beobachtung äußerster Sparsamkeit in der Wirtschaftsführung verwaltet werden. Die Ausgaben für Besoldungen und Pensionen sind entsprechend der Kürzung und Angleichung der Gehälter, wie sie auf Grund der Notverordnungen vörgcnommen wurden, um insgesamt RM. 62 760.— niedriger als im Vorjahre eingesetzt. Hierbei wurden die Ausgaben für den gemeindlichen Chor nahezu ganz gestrichen, ab l. April 1932 werden lediglich freiwillige Kräfte den Chordienst in der Hauptsynagoge bestreiten. Für Lehrkurse kann bedauerlicherweise im Jahre 1932 nichts mehr aufgewendet werden. Die.Ausgaben für Bibliothek wurden auf die Hälfte des Vorjahres herabgesetzt. In besonderem Maße mußten auch die Leistungen der Gemeinde für kulturelle und allgemein jüdische Zwecke gekürzt werden. Gegenüber einer Ausgabe von nahezu 12 000 RM. im Jahre 1931 sieht der neue Etat hier nur eine Position von 1800 RM. vor. Eine längere Debatte entspann sich bei den Zuwendungen .für den Verein Ohel Jakob. Eine beantragte Erhöhung der Position (RM. 5500) wurde abgelehnt. Eine empfindliche Einschränkung mußte ferner der gemeindliche Beitrag für die Talmud-Thora-Schule erfahren. Cs wurden 1500 RM. gegenüber 7800 RM. im Vorjahre bewilligt mit der Maßgabe, daß die Auszahlung im ersten Halbjahr erfolgen könne. Der Vorsitzende der Gemeinde Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeycr stellte hierzu fest, daß die Gemeindeleitung diese Kürzung besonders bedauere. Cr hoffe, daß bei einigermaßen günstigen Steucrcingängen cs möglich sein werde, bei neuerlicher Antragstcllung eine Nachbewilligung für das 2. Halbjahr zu erreichen. Der Etat, der in der Einnahmen- und Ausgabenseite mit einem Betrage von 475 600 RM. abschließt, wurde einstimmig genehmigt. Ebenso wurde die Festsetzung des Umlagensatzes von 12 Prozent einschließlich 3 Prozent Bauumlagen von den beiden Kollegien einstimmig beschlossen, wobei der Vorstand zugleich als Steuerverbandsvertretung mitwirkte. Die Kultusumlagen der Gemeinde, zuzüglich 3 Prozent Landesumlagcn, betragen somit für 1932 15 Prozent, ein Steuersatz, der schon im Jahre 1926 erreicht war, dann aber infolge der günstigeren Eingänge wieder herabgesetzt werden konnte. Es wurde der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß nach Überwindung der Wirtschaftskrise die Gemeinde in der Lage sein werde, in künftigen Jahren wieder mit einem geringeren Steuersatz auszukommen. Im Anschluß an die Ctatberatung erteilten die Kollegien ihre Genehmigung zur Aufnahme eines Bankkredits, wenn die Notwendigkeit sich hierzu ergeben sollte. Es wurde weiterhin die an die Errichtung einer Darlehenskasie geknüpfte Bedingung dahin abgeändert, daß die Kaste schon dann ihre Tätigkeit beginnen solle, wenn außer den durch Vermittlung der Zentralwohlfahrtsstellc beschafften 10 000 RM weitere 10 000 RM. aus den Kreisen der Gemeindemitgliedcr eingezahlt seien. Im übrigen wurden einige Änderungen an den Satzungen und den Richtlinien für die Darlehensgewährung vorgenommen. Es wurde bekanntgegeben, daß auf Veranlastung des Gemeindevorsitzcnden die Fraktionen dahin übereingekommen sind, eine Einheitsliste für die Wahl der Gemeindevertretung aufzustellcn, so daß Wahlkämpfe vermieden werden, die im Hinblick auf die gegenwärtige allgemeine Lage nicht erwünscht sind. Der diesmalige Wahlabschnitt soll aber nach Ubcreinkunft der Parteien auf drei Jahre verkürzt werden. Um dies zu ermöglichen wurde eine vcrfastungsändernde Bestimmung einstimmig be- . schlossen. In geheimer Sitzung wurden anschließend Personalfragen behandelt. Vorträge Münchener Redner im Januar und Februar. Herr Rabbiner Dr. B a e r w a l d hielt, wie wir der Deutschen Israelitischen Zeitung entnehmen, in Regcnsburg im Verein für Jüdische Geschichte und Literatur einen Vortrag „Der soziale Gedanke im Judentum". — Herr Manfred Sturmann las nach den Münchener Neuesten Nachrichten im Baseler „Literarischen Zirkel" aus eigenen Werken. — Herr Dr. W. Elias b erg hielt in der Münchener Kantgcsellschaft einen Vortrag über „Das Problem der Ideologie in der deutschen und rustischen Wirtschaft". — Herr Dr. Ludwig Feuchtwanger sprach in Stuttgart im Rahmen der Veranstaltungen des Jüdischen Lehrhauses über den Anteil der Juden an der öffentlichen Meinung der Gegenwart. Vereine Am Mittwoch, dem 24. Februar 1932, abends 8.15 Uhr, findet in den Räumen der Gesellschaft Concordia, Pranncrstraße 4, ein Vortrags- und Ausspracheabend des deutschjüdischen Arbeitskreises, München, statt. Dr. Alfred Werner (München) spricht über „Gedanken und Ziele im deutschen Judentum der Gegenwart". Die ganze jüdische Jugend Münchens ist freundlichst eingeladen (vcrgl. Inserat in der gleichen Nummer). Ortsgruppe München des Jüdischen Frauenbundes. Fräulein Rechtsanwalt Dr. Elisabeth K o h n spricht am 25. Februar, abends 8.15 Uhr, im Bibliotheksaal der Gemeinde über: Die politischen Parteien in ihrer Stellung zur Frauenfrage. Wir bitten unsere Mitglieder und Freunde um zahlreichen Besuch. Jüdischer Jugendverein München. Donnerstagabende: Lessingsaal. Beginn 20.30 Uhr. 18. Februar: Vortrag Geheimrat Dr. Docrnberger: „Die Reisezeit der Jugend." 25. Februar: Vortrag Dr. M. Marx: „Die Heilung durch den Geist." (Stefan Zweig zum 50. Geburtstage.) 3. März: Vortrag Cd. S ch o e p f l i ch : „Aus der Geschichte der Juden - in München." Zionistische Ortsgruppe München. Die Zionistische Ortsgruppe veranstaltet am M i t t w o ch , d e m I 7. F e b r u a r, abends halb 9 Uhr, im Kunstgewerbesaal, Pfandhaussiraße 7/1, einen Vortragsabend mit Herrn Kurt B l u m e n f e l d, dem Vorsitzenden der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, der über das Thema „Zionismus und neudeutscher Nationalismus" sprechen wird. Herr Blumenfeld ist als einer der intcresiantesten und gedankenreichsten jüdischen Politiker in Deutschland bekannt; seine Ausführungen über die Wandlungen der jüdischen Situation und die jüdische Zukunft dürften größtes Jnteresic beanspruchen und dementsprechend auch ein zahlreiches Publikum finden. Goethe-Feier des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus, Ortsgruppe München. Die Feier findet am 10. März im Konzertsaal des Bayerischen Hofes statt. Die Gedenkrede hält Herr Rabbiner Dr. Baerwald. Einladungen durch Herrn Carl von Sandt, München 13, Jakob-Klar-Straße l 1. Näheres Programm über den Abend in der nächsten Nummer. Die Lösung der Judenfrage in der Sowjet-Union. Im Jüdischen Jugendverein sprach Herr Direktor Richard Scheid vom Russischen Reisebüro „Jntourist" über dieses Thema. Das vor kurzem erschienene Buch von Otto Heller „D er Untergang des Judent u m s" wurde sehr häufig zitiert und bildete die Grundlage des Vortrages. (In der Gemeindezeitung wird dieses wichtige Buch demnächst ausführlich behandelt.) Politische Ereignisse, soziale Umwälzungen, wirtschaftliche Leistungen, statistische Aufzeichnungen gewinnen Leben; die jüdische Geschichte der Gegenwart erschöpft sich nach Heller in ihnen. Vor dem Kriege 5,5 Millionen Juden im russischen Ansiedlungsrayon, davon 49 Prozent nicht werktätige Menschen. Nach dem Kriege die große Frage: „Kann die Assimilierung an das Proletariat gelingen?" Darum dreht sich alles, denn Händler, Agenten, Luftmenschen haben keine politische Daseinsberechtigung. Folge: Umschichtung allergrößten Stils. Die Bilanz des Jahres 1919: 200 000 Juden von den weißen Banden erschlagen. Fünf Jahre später wird den Juden von den Sowjets Land zugewi.esen. Agrojoint, Jca, Ozet und andere Organisationen Helsen mit. 1930 wohnen 34 000 jüdische Familien auf 541 000 Hektar Boden. In der Krim sollen 240 000 jüdische Menschen angesiedelt, drei weitere jüdische Rayone in der Ukraine bereitgestcllt werden. Das Jahr 1929 verzeichnet