Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 4 (15.2.1932)
- Date
- 1932-02-15
- Page
- Seite 56 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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56 »ayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 bereits einen erheblichen jüdischen Anteil an der Metallindustrie-Arbeiterschaft, am Bcrgwcrkbau, an der Landwirtschaft, an der roten Armee usw. Der Fünfjahrcsplan bedeutet die Mobilmachung aller Kräfte. B i r o b i d j a n ist die intercstanteste Siedlung. Einreihung der jüdischeu Jugend in das Proletariat. Das jüdische Handwerk wird gefördert I. durch Qualifizierung der Kurse, 2. durch Kooperation. Birobidjan, doppelt so groß wie Palästina, ist nur für jüdische Siedlung freigcstcllt. 1,83 Millionen Hektar Boden sind geeignet; das Klima ist gut. Im Jahre 1930 bereits 37 000 Einwohner. Es herrscht natürlich die Kommune. Ein kultureller und wirtschaftlicher Aufstieg; 67 Schulen, ein jüdisches Technikum, 138 000 Traktoren, Möbelfabriken und sonstiges. Die einzige Schwierigkeit ist die, genügend Menschen herbeizuschaffen. „National ist die Judcnfragc nur durch Kolonisation zu regeln." Die Sowjet-Union als Nationalitätcn-Bundesstaat duldet jüdischnationalcn Willen. Einheitliche Sprache, das Jiddische. Die Lösung der Judensrage ist eine ganz einfache: gänzliche Anpassung an das Wirtsvolk, d. h. Verprolctarisicrung. Die Jugend hat sic bereits vollzogen, das Alter sieht kopfschüttelnd beiseite und verzweifelt. „Ahasverus junior erobert sich eine neue Welt." Ein Wort der Kritik. Alles schön und gut. Beneidenswert unsere Brüder in Rußland. Sie dürfen und können arbeiten — mit dem Hammer, mit der Sichel. Ihr Volkstum wird nicht verhöhnt, erniedrigt. Heute nicht. Wie steht es aber mit der Lösung der Judensrage? Die Wirtschaft wider den Geist? Die Sowjet-Union als Ideal? Nein, nein. Der russische Traktor kann nicht das Judentunr erlösen. Olim. Schochtim-Verband Bayerns. Durch Verwaltungsbeschluß wurde der Jahresbeitrag unserer Mitglieder auf NM. 8.— inklusive Neichsverband reduziert. Die Kollegen werden höfl. ersucht, den Halbjahrcsbcitrag für 1932 von NM. 4.— aus Postscheckkonto Nr. 36 569, Amt Nürnberg (unter I. Lubinski) einzuzahlcn. Schwcinfurt, den 9. Februar 1932. Lubinski, Kassier. Jüdischer Kulturverein I. L. Perez, München. Saurstag, den 20. Februar, abend 8.45 Uhr: Lessingsaal, Herzog-Rudolf-Straße 1_, Unterhaltungsabcnd. Samstag, den 27. Februar, abends 8.45 Uhr: Lessingsaal, spricht Herr Kapcllincisicr I. Ziegler über Betrachtungen in der jüdischen Musik. Samstag, 5. März, abends 8.45 Uhr: Lessingsaal, spricht Herr Dr. R. Levi über den Geist des Talmuds. vücderschau Müller-Freienfcls Richard: Beiträge zur Raffenpsychologie. Zeitschrift für angew. Psychologie, Band 39, 1931, Heft 1/3. Der bekannte Psychologe, der unter anderen: auch eine von B r c y s i g als hervorragend bezeichnetc „Psychologie des deutschen Menschen" geschrieben hat, gibt einen kritischen Überblick der Hauptgrundlagcn in: heutigen politischen Kampf, näurlich des Rasscnbegriffs. In der Zoologie bezeichnet Rasse bekanntlich nicht ein Natursondern ein Kulturprodukt..Auch können die zoologischen züchterischen Erfahrungen keineswegs in dem Sinne gedeutet werden, daß die Rasse konstant sei; sie ist wandelbar und es gibt für den Züchter eine unbegrenzte Zahl von Nassen. Für den Züchter ist die Rasse ein Wert, und zwar durch rationale Zwccknräßigkeit als Wert nachweisbar. Dein gegenüber sprechen die Rasscnschriftsieller von der Rasse als der Ursache natürlicher Unterschiede zwischen den Menschen, sie nehinen eine begrenzte Anzahl von Urrasscn an und der Wert der Rasse liegt für sie nicht in der rationalen Zwcckerfüllung, sondern in der Reinheit der Rasse selbst. Dieser Gebrauch der Rasse ist völlig nythologisch und ungerechtfertigt. Urrasscn und Erbtypen gibt es nicht und jede Hochkultur ist mehr auf dem Boden reinen, sondern gerade gemischten Menschenmaterials erwachsen. Die sogenannten Rassenmerkmale spielen sich alle an der Oberfläche ab; Hautfarbe, Haarfarbe, Augcnfarbe sind äußerst wandelbar und daß sie typisch erscheinen, hängt damit zusanrmen, daß sie nicht objektiv, sondern als Begriffsfarben wahrgcnoininen werden, verändert durch typisierende Erinnerung und Erwartung. Die Schilderung der Rassenmerkmale ist um nichts besser als das Bilderbuchbild, das die Völker von einander haben. Die Erfahrung zeigt, daß die sogenannten typischen Merkmale höchst selten sind; der Slave z. B. ist vorwiegend nicht dunkel, sondern blond und der Deutsche ist nicht, wie er in der Karrikatur der Romanen erscheint, kurzbeinig und fett. Die Schädelform ist ein höchst variables Merkmal, wie inan sie an den Nachkommen der nordamerikanischen Einwanderer zeigen konnte. Bei dieser Wandelbarkeit des somatischen Typus ist es natürlich vollkommen unmöglich, die Rasse den: Körperbau abzulesen, was auch übrigens K r e t s ch m e r, einer der besten Kenner der Konstitutionstypen ablehnt. Was aber den Zusammenhang zwischen Geist und Körper überhaupt angeht, so ist er natürlich nicht zu leugnen, aber es gilt hier das Schillersche Wort, daß cs der Geist sei, der sich in den Körper baut und nicht umgekehrt. Wie denn auch Erlebnisse den Körper aufs tiefste verändern können. Ihrerseits ist die Crlebnisweise durch gruppenmäßige und soziale Faktoren mitbedingt und so sind letzten Endes psychologische und soziologische Tatsachen dasjenige, wovon die sogenannte Rasse abhängt, nicht umgekehrt. Die sogenannten Rasscnforscher verwechseln in der naiven und geradezu' indiskutabelsten Weise Phänotypen und Genotypen. Sie nehmen kurzerhand alle Erscheinungsweisen für Crbformen an. Aber was noch schlimmer und geradezu grotesk ist, wenn sie Bilder- und Kunstwerke zuin Beweis ihrer Phantasie heranziehen, vergessen sie, welch außerordentliche Rolle die Mode gespielt hat. Die Römerinnen trugen als falsche Haare das blonde Haar der Germaninnen, ebenso war es in der Renaissance. Und solche Modetorheiten kommen bei allen Natur- und Kulturvölkern vor. Der Bilderbuchtypus des Deutschen im deutschen Bilderbuch mit dem mächtigen Bartwuchs ist der Modetyp von 1870. Bei den: Jneinandcrflutcn ist es natürlich ausgeschlossen, daß es so etwa wie einen Rasseninstinkt gibt. Und in der Tat Liebe und Haß zwischen Menschen •— allerdings Grundphönomen menschlicher Beziehung — gehen oft gewaltig in die Irre. Den stärksten Haß findet man doch so häufig zwischen Mitgliedern derselben Familie. Die scheinbare Evidenz der Antipathie beruht in Wahrheit auf dein Gesetz der Verallgemeinerung der Gcfühlsobjckte, deren Anlaß vergessen wird, so daß das ganze Erleben aus unbewußten Tiefen, Urtriebcn aufzusteigcn scheint. 'Aber die Torheit von Vorurteilen schließt ja ihre ungeheure soziologische Bedeutung nicht aus. Völlig gemischte, aber kulturell verschiedene Bevölkerungen pflegen sich aufs ingrimmigste zu bekäurpfen, wie in Böhmen Deutsche und Tschechen, in Kleinasien Osinancn und Armenier; und die Führer der einen Partei haben oft sehr oft Namen, die ihre Herkunft von der anderen Partei beweisen. Die strengen Maßnahinen (Verfenrungen) der Verbindung zwischen Negern und Weißen in Amerika beweisen nicht etwa, daß hier ein Naturinstinkt waltet, sondern im Gegenteil, daß er nicht vorhanden ist, und daß an seiner Stelle willkürliche gesellschaftliche Maßnahmen stehen. So ergibt sich als Schluß der Ausführungen, daß der Rassebegrifs, wie er heute verwendet wird, ohne jede Grundlage ist und inan wohl nur mit der mißtraurischen Frage cui bono? ihm entgegentreten darf: Der Rassenbegriss ist ein Mittel im Kaiirpfe um die Macht und weiter nichts. Aus den: Kampf ulir die Macht nur durch scharfe Scheidungen, durch Entgegensetzungen der Gruppen gefübrt werden kann, erklären sich alle seine Übertreibungen und Fälschungen. C l i a s b e r g (München). Fritz Roscnthal: Die seltsame Gemeinde. Ein Legendenkreis. Heim-Verlag Adolf Dreßler, Radolfzell a. Bodcnsee. Ein Kreis seltsamer Legenden, herüberklingend aus alter Zeit gleich einer alten Melodie.. — Öb wir den Lehrer Mcnuchim mit seiner wundertätigen Geige durch den abendlichen Wald schreiten sehen oder miterleben, wie der Schüler Chananja mit dem erhobenen Flammenschwcrt der Makkabäer die Räuber und Judenfeinde nicderschmettert, immer wieder entstehen vor uns klare Bilder von tiefer Religiosität. Wohltätig empfindet der Leser hier einen Geist, der mit großer Liebe die Sprache formt; kein noch so freier jüdischer Mensch wird sich der großen Tradition des biblischen Geschehens entziehen können. Ein verheißungsvolles Erstlingswerk des jungen Autors. Alfred O b e r m a y e r Der Große Brockhaus. Handbuch des Wissens in zwanzig Bänden. Fünfzehnte, völlig neu bearbeitete Auflage. Zehnter Band. Kat- Kz. 800 Seiten. Leipzig. F. A. Brockhaus. 1931. Der neue Band, mit welchem die erste Hälfte des Großen Brockhaus abschließt, enthält eine Anzahl umfassender Artikel, die besonders Ge- Fortsetzung Seite 59. Kaffee-Konditorei Feldherrnhalle Inhaber: ADOLF ZIMMER, früherer langjähriger Direktor Hotel Exelsior Fernsprecher Nr. 914 47 Wiener Kaffee und nur erstklassige Getränke Feinste eigene Konditoreierzeugnisse mit garantiert reiner Butter! Lieferung frei Haus