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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-02-15 · 4 (15.2.1932) · p. Seite 53

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
4 (15.2.1932)
Date
1932-02-15
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 53 tisch klingt die Einleitung zuin I. Gebot, zugleich Überschrift zu allen zehn Gebgten: «Ich bin der Herr, Dein Gott.» Kleinlaut muß vor diesem großen göttlichen Ich alle menschliche Größe in den Staub sinken und sprechen: «Rede, Herr, Dein Diener hört.» «Ich bin der Herr, Dein Gott, Du sollst keine fremden Götter neben mir haben!» Der eine wahre Gott hat die alten Götter des Heidentums gestürzt, kein Volk darf die alten Heidengötter wieder auf den Thron erheben wollen. Kein Volk darf seinen Staat vergöttern, als ob der Staat die einzige Quelle des Rechtes wäre. KeinVolkdars sein Volkstum zum Abgott machen" (Seite 121). Zum Sabbatgebot gibt Faulhaber die Erklärung: „Fachmänner der Volkswirtschaft und öffentlichen Gesundheitspflege haben die tiefe soziale Weisheit dieses Ruhcgebotes bewundert" (Seite 122). Zustimmen können wir auch Faulhabers Ausführungen zum Gebot der Elternverehrung und Kindesliebe, das die Autorität im häuslichen und öffentlichen Leben und die Pflicht der Unterordnung unter diese Autorität verkündigt und damit eine weitere Tragsäule der gesellschaftlichen Ordnung aufgerichtet... Das 4.1 Gebot «Du sollst Vater und Mutter ehren» hat auch die Autorität der Mutter und der Frau, nicht bloß die Autorität des Vaters und des Mannes, mit dem Siegel Gottes besiegelt. Während in den Zelten der andern Völker rings um den Sinai die Mutter wie eine Sklavin angesehen wurde, hat das göttliche Gebot für Vater und Mutter in gleichem Ausmaß Ehrfurcht, Liebe und Gehorsam gefordert" (Seite 123). Auf die Verirrungen der Gegenwart weist Faulhaber deutlich hin in seinen Bemerkungen zum Gebot „Du sollst nicht töten". „Das 5. Gebot ,D u s o l l st n i ch t t ö t e n'( verbietet mit hocherhobenem Finger Gottes den privaten und völkischen Selbstmord, den Kindermord und alles, was zu den Toren des Todes führt — Du sollst nicht töten! Du sollst die bösen Geister des Hastes und der Rachsucht und der Kriegslust aus deinen Parlamenten und Volksversammlungen verbannen" (Seite 123). Es entspricht auch durchaus der jüdischen Auffastung, wenn Faulhaber zu den Geboten „Du sollst nicht ehebrechen, Du sollst nicht begehren Deines nächsten Weib" bemerkt: Sie „bedeuten für das Gemeinschaftsleben eines Volkes ein Gesetz der Treue, ein Gesetz der Freiheit, ein Gesetz des Lebens. Ein Gesetz der Treue, weil cs um die Gattentreue der Verheirateten und um die keusche Lebensführung der Unverheirateten, also um die Wiege der völkischen Gesundheit und Kraft einen Schutzwall aufrichtet. Ein Gesetz der Freiheit, weil es die Ketten der Leidenschaft zerbricht und die Sklaverei der Seelen abschafft.. So spricht der Herr als Überschrift zu allen zehn Geboten und zum 6. Gebote im Besonderen: «Ich bin der Herr, Dein Gott, der Dich aus dem Lande der Knechtschaft geführt hat.» Ein Gesetz des Lebens, weil es jene Sünden und Seuchen abwehren will, die am Lebensmark des Volkes zehren und zu Totengräbern des stärksten Volkes werden" (Seite 124). Sehr beachtenswert sind auch die Bemerkungen zu dem Gebot „Du sollst nicht stehlen", wegen ihrer aktuellen Bedeutung. Cs „eröffnet zusammen mit dem 10. Gebot «Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Gut» für das volkswirtschaftliche und staatsrechtliche Leben unendliche Höhenwege. In diesen beiden Geboten ist zunächst das Recht des Privateigentums anerkannt und gegen Diebeshände und Diebesaugen versichert. Auch der Staat kann nicht uferlos das Privateigentum seiner Bürger enteignen... Im 7. und 10. Gebot sind auch die feineren Formen des Diebstahls verurteilt, 1 In der Kirche werden die Zehn Gebote anders gezählt als im Iudentuin. die Vorenthaltung des verdienten Arbeitslohnes, die wucherische Preisgestaltung, die Aufspeicherung der Lebensmittel, die kapitalistische Wirtschaftspolitik, überhaupt alles, was die Kluft zwischen Arm und Reich erweitert, die Grenzsteine zwischen Mein und Dein vom Platze rückt" (Seite 125). Eine zeitgemäße Mahnung knüpft der Verfaster noch an das letzte der Zehn Gebote. „Die beiden letzten Gebote, «Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Weib und Gut», bilden den Höhepunkt der altbiblischen Sittenlehre... Cs ist nicht genug, das sündhafte Wort und Werk zu erreichen, es müssen auch die tiefsten Wurzeln des Bösen aus dem Herzen entfernt werden. Vor den staatlichen Gesetzen sind die Gedanken zollfrei, nicht aber vor dem göttlichen Gesetz. In diesem Punkt ragt der sittliche Gehalt des Dekalogs weit über die weltlichen Gesetze hinaus. Die Zeiten werden erst dann besser, wenn zuerst die Menschen besser werden, und die Menschen werden erst dann besser, wenn sie ihr Gewissen an den Zehn Geboten Gottes schulen" (Seite 126). Faulhaber gelangt daher zu dem Ergebnis:_Die höchsten Wertgüter des Gemeinschaftslebens stehen und fallen mit den Zehn Geboten Gottes. Wehe dem Volke, das die Tafeln vom Sinai zerbricht! Sein Anteil wird statt der Ordnung der Umsturz sein, statt des Friedens der mörderische Krieg, statt der Keuschheit das Verhänignis von Sodoma, statt des Fortschritts der schleichende Selbstmord" (Seite 126). Ganz im Sinne der jüdischen Auffassung beurteilt der Kardinal die Sttaf- und Lohnverheißungen des Dekalogs. „Mit diesem Hinweis auf Gottes Kraft und Gottes Lohn will die Offenbarung nicht die sklavische Furcht vor Sttafe, nicht die kaufmännische, «undcutsche» Lohnsucht großziehen und heilig sprechen. Auch die Sittcnlehrc des Evangeliums läßt die Frage gelten: Meister, ,was wird uns dafür ein Lohn werden'? Mögen die sittlich Großen auf den Höhen der reinen Liebe zu Gott und zum Guten wandeln, ohne an Lohn oder Sttafe zu denken, der gewöhnliche Mensch braucht in Stunden der Müdigkeit und Versuchung einen sittlichen Halt, und das ist der Hinweis auf Lohn oder Strafe" (Seite 127). In seiner aufrichtigen Bewunderung für das sinaitischc Zehnwort sagt daher Faulhaber am Ende des Hirtenbriefes: „Das Zehngebot wurde erstmals einem einzelnen Volke verkündigt,... Heute ist es ein Gesetzbuch der guten Sitte für alle Zeiten und Zonen. Auf Tafeln von Stein geschrieben, also unauslöschlich. Gleichsam in die Felswand gemeißelt, also auch den kommenden Geschlechtern leserlich. Zweitausend Jahre nach Christus noch ebenso Gradmesser der Völkerkultur und Seclcnkultur wie tausend Jahre vor Christus. Vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang steht die Kultur der Völker im Lichte dieser Gebote... Als der Herr unter Blitz und Donner das Zehngebot am Berge Sinai gab, hielt er die höchsten Kulturwerte für das Gemeinschaftsleben, aber auch die höchsten Seelenwertc für die Einzelmenschen in seiner Hand... Sollen wir nicht niederknien und die heiligen Tafeln mit dem Gelöbnis entgegennehmen: „Ja, Dein Knecht will sie beobachten" (Seite 129). Vermag es uns nicht in der Tat mit großer Genugtuung zu erfüllen, daß in einer Zeit, in der der Judenhaß nicht einmal unsere Bibel verschont und ihren unvergänglichen Wert mit längst widerlegten Methoden zu verdunkeln versucht, ein Kirchenfürst von der Bedeutung des Kardinal Faulhaber mit so uneingeschränkter Bewunderung vom Kernstück der jüdischen Bibel, vorn sinaitischen Zehnwort, redet? Bezirksrabbiner Dr. Ernst S t e ck e l m a ch e r, Bad Dürkheim. ver Lerer Nebbe fährt ins heilige Land Den folgenden Reisebericht entnehmen wir der letzten Nurnincr des „Israelit" vom 4. Februar 1932. In Ger Wie bekannt, hat sich der G e r e r Re b b e auf den Weg nach Erez Jisroel begeben. Es ist das viertemal, daß der Rabbi die Reise nach dem Heiligen Lande macht. Sein Hofstaat besteht aus 18 Personen. In seiner Gesellschaft befindet sich auch sein Schwiegersohn, der bekannte Agudaführer in Polen, I. M. L e w i n. Auch die „Rebbczin" und andere Darnen der Familie fahren mit. Eine heilige Erregung erfaßte die ganze chassidische Iudcnheit Polens. In einer bitterschwercn Zeit sieht man den gefeierten Rabbi als Abgesandten der Gemeinschaft, der an den heiligen Gräbern die Tränen und die Gebete der Hunderttausende weinen und beten wird. Andere hoffen von der vierten Palästinafahrt des „Gerer" eine Erschließung neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten in Palästina, und neue Wege für Einwanderung aus Polen, wieder andere erwarten die Herstellung des Friedens zwischen den einzelnen Gruppen. So kommt es denn, daß Hunderttauscnde im Geiste die Reise mitmachen. Die Abschiedsfeicrlichkeiten begannen schon am Sabbat pisns (16. Januar 1932) in der ländlichen Residenz des Rabbi in G er. Tausende waren nach Ger wie zum hohen Feiertage gekommen. Bei des Rebben Tisch drehte sich an diesem Sabbat alles, auch die üblichen Thoraworte, um Erez Jisroel. Mit Sabbatausgang begann die Abschiedscour, die bis Montag dauerte. Montag mittag um 1 Uhr stand eine vieltausendköpfige Menge im und vor dem Hose des Rabbi, der Abfahrt der Autos harrend. Cm

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