Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 4 (15.2.1932)
- Date
- 1932-02-15
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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52 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 Von 1910 auf 1925 ergaben sich also Zunahmen nur in Nürnberg und in Ludwigshafen a. Rh.; dabei ist jedoch für Nürnberg der gleichzeitige Rückgang in Fürth in Rechnung zu stellen und für Ludwigshafen a. Rh. die sonstige starke Bevölkerungszunahme daselbst, an welcher auch daS jüdische Element in gewissem Umfange teilnahm. Wie sich diese Entwicklung seit 1925 gestaltet hat, ist mangels einer neuen Volkszählung, welche aus Sparsamkeitsgründen von Jahr zu Jahr verschoben wird, nicht nachweisbar, doch kann wohl aus den vorliegenden Daten der Bevölkerungsbewegung — über die Zahl der Geborenen und Gestorbenen jüdischen Bekenntnisses — geschloffen werden, daß inzwischen weitere Rückgänge eingetreten sind. In sämtlichen kreisunmittelbaren Städten Bayerns nahm die Bewegung der jüdischen Geburten und Sterbefälle von 1925 bis 1950 folgenden Verlauf: Von jüdischen Müttern lebend geboren: - tTi i ii r§- © fl £ 'S 1925 461 426 524 63 1926 383 343 523 140 1927 347 324 530 183 1928 354 . 332 480 126 1929 321 294 611 290 1930 294 276 519 225 Besonders katastrophal erscheint das seinen allgemeinen sanitären Verhältnissen nach sehr ungünstige Jahr 1929 (große Winterkälte, Grippe-Epidemie); in ihm erreichte die Zahl der von jüdischen Müttern Lebendgeborenen nur rund die Hälfte der Gestorbenen — 52,5% —, geht man vollends von den in rein jüdischen Ehen Geborenen aus, so trafen auf 100 Gestorbene nur 48,1 Geborene. Auch 1950 erscheint das Verhältnis der Lebendgeborenen zu den Gestorbenen nur wenig gebessert: es stellt sich hinsichtlich der von jüdischen Müttern Geborenen auf 56,6%, hinsichtlich der in rein jüdischen Ehen Geborenen auf 55,2%. Was die Erwerbsverhältnisse der jüdischen Bevölkerung in den bayerischen Städten anlangt, so haben diese eine ähnliche Struktur wie im Gesamtftaat und in anderen Städten? Starkes Übergewicht der Handelsberufe und des selbständigen Elements. In München z. B. standen 1925 von den 10 068 jüdischen Einwohnern im Erwerbsleben 4522, lebten von Renten, Pensionen, auch Unterstützungen 1522, waren Familienangehörige ohne eigene Erwerbsquelle 4224. Die meisten jüdischen Erwerbstätigen waren in Berufen des Handels und Verkehrs beschäftigt, nämlich 2770. Dabei entfielen im einzelnen auf: Beruf männlich weiblich zusammen Selbständige im Waren- und Produktenhandel 1047 103 1150 Verkaufspersonal im Waren- und Produktenhandel 546 190 736 Selbständige im Bankwesen 74 — 74 Büropersonal im Bankwesen 88 34 122 Handelsvermittlung, Selbständige 199 12 211 In gewerblichen Berufen waren 1054 Juden erwerbstätig, davon 474 in selbständiger Stellung; 99 Selbständige entfielen allein auf das Schneidergewerbe (wohl meist Konfektion). Von den stärker besetzten „geistigen Berufen" seien genannt: Beruf Rechtsberater in selbständiger Stellung Bildende Künstler^ Privatgelehrte, Schriftsteller Arzte in selbständiger Stellung männlich weiblich zusammen 132 — 132 52 19 71 152 12 164 In den übrigen bayerischen Städten, welche für die Entfaltung „geistiger Berufe" geringeren Raum bieten, erscheint das Gewicht der Handelsberufe noch höher, zumal wenn die Industrie schwächer entwickelt ist. 1 Vergl. in dieser Zeitung „Berufsgliederung der Juden in Bayern" 1930, Seite 53 ff., sowie „Die Berliner Juden" und „Die Frankfurter Juden" 1932, Seite 20 ff. Kardinal §aulhaber über die Zehn Sebote Kardinal Faulhaber hat soeben im Verlage Herder & C o., Freiburg i. Br. eine Sammlung von Predigten, Reden und Hirtenbriefen unter dem Titel „Rufende Stimmen in der Gegenwart" veröffentlicht. Der jüdische Leserkreis stellt auch bei diesem neuen Werk fest, wie Faulhaber immer wieder mit uneingeschränkter Bewunderung vom Kernstück der jüdischen Bibel, den Zehn Geboten, redet. Die Zitate, die wir im folgenden anführen, mögen dies dartun. „An den Zehn Geboten schult sich das christliche Gewissen... Nicht neue Gebote brauchen wir, sondern neue Gewissenhaftigkeit für die alten Gebote" (Seite 30). „D i e Zehn Gebote Gottes sind die Grundschule für jede sittlich geordnete Lebensführung" (Seite 31). In einem den Zehn Geboten gewidmeten Hirtenbriefe „Die Zehn Gebote im Volks- und Völkerleben" führt Faulhaber einleitend aus: „Die Gesetzbücher der Völker wurden im Laufe der Zeit immer wieder umgearbeitet oder ergänzt oder ganz außer Kraft gesetzt. Ihre Herrlichkeit war wie die Blume des Feldes und wie die Schrift im Schnee. Cs gibt aber ein Gesetzbuch, das die Herrlichkeit des Herrn offenbart, vom Finger Gottes in Stein geschrieben, eine unwandelbare Verfassung jeder sittlichen Lebensordnung, im Laufe der Jahrtausende nicht umgearbeitet und heute noch gültig. Ich meine das kleine Gesetzbuch der Zehn Gebote Gottes. ... Jedes Schulkind kennt die Zehn Gebote, das ABC der kindlich einfachen religiösen Unterweisung. Und doch sind diese zehn Gedanken- Gottes von unendlicher Tiefe und Höhe. Auch die größten Gottesgelehrten können sie nicht bis auf den tiefsten Grund erforschen, auch die größten Heiligen können sie nicht in den höchsten Zielen erreichen. Unsere Aufgabe ist es die Zehn Gebote Gottes nach der Zählung und dem Wortlaut des Katechismus immer wieder zu überdenken, und zwar als Sittenspiegel des völkischen Gemeinschaftslebens und als Heilquelle der staatlichen Wohlfahrt. Wir sehen die vielgerühmte Kultur der neuzeitlichen Staaten wanken und schwanken wie eine Burg im Erdbeben und möchten wenigstens den Felsenboden zeigen, auf dem die Wohlfahrt der Völker fest gegründet werden könnte. Kulturgeschichtlich ragen diese wie in Stein gemeißelten Sätze des mosaischen Gesetzes, das unter Blitz und Donner vom Berge Sinai verkündet wurde, bergeshoch über alles hinaus, was die Kultur der alten Völker auch nach den neuen Ausgrabungen an rechtlichen und sittlichen Urkunden aufzuweisen hat. Auch im Neuen Bunde bleiben die Zehn Gebote ein Katechismus der Sittenlehre, weil Christus sie als Weg zum Leben bestätigt und für sein Reich übernommen hat;" (Seite 119 f.). Zum ersten und zweiten der Zehn Gebote bemerkt Faulhaber, indem er deutlich auf die Wirrnisse der Zeit hinweist: ,-,Wie feierlich und majestä-