Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 3 (1.2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 38 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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38 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 3 Selbsthaß finden — nein, gerade unter ihnen zum Erschrecken häufig. Die Kleinen sind seltener fähig, Tragik zu erleben, vor allem aber sie auszusprcchcn. Den Großen hingegen hat, nach dem bekannten Worte Goethes, „ein Gott gegeben, zu sagen, was sie leiden". Ein Leiden, das die Dimensionen ihres menschlichen Formats hat. An ihnen ist darum die ganze Skala des jüdischen' Selbsthasses abzulescn. Und an ihrer Kette läßt sich die Geschichte des jüdischen Sclbsthasscs schreiben, eines der traurigsten, aber auch eines der lehrreichsten Kapitel der Geschichte unserer Gemeinschaft. Der Jnscrioritätskomplcx, der sich im jüdischen Sclbsthaß manifestiert, ist ein doppelter. Da ist erstens das Gefühl einer wirklich vorhandenen, objektiv sichtbaren Inferiorität: der äußeren Ohnmacht gegenüber nichtjüdischer Macht, der Isoliertheit und Zersplitterung unter koinpaktc Majoritäten, des Verfolgt- und Verachtctseins, der Halbheit und Wurzellosigkeit gegenüber dem Ganzen, Festen, Bodenständigen. Da ist aber auch zweitens das Gcfübl einer unwirklichen, eingebildeten Inferiorität, ein Produkt aus Unkenntnis und Unterschätzung des eigenen Wesens und aus der falschen, verzerrten Spiegelung dieses Wesens durch eine haßerfüllte Uinwelt. Der Choc, das Trauma, die individuelle seelische Verwundung sind daher fast immer gleichfalls doppelte. Zuerst, nrcist in früher Jugend, der Blitzschlag der ersten Schincrzcrfahrung von der wirklichen äußeren Inferiorität; später, meist in der Periode der Pubertät oder der intellektuellen Reifung, der zweite Blitzschlag der vermeintlichen Erkenntnis von der inneren Inferiorität des jüdischen Wesens. Ein klassisches Zeugnis für solchen Choc findet sich zu Beginn des „Lebenslaufs" von Georg Brandes, den sein Biograph,- Henri Nathansen, mit Recht als entscheidend für Brandes' Leben bezeichnet. „Eines Tages", schreibt Brandes, „als ich wieder den Ruf gehört batte, wollte ich Bescheid wissen, und als ich hcimkam, fragte ich meine Mutter: Was bedeutet das? — Jude! sagte Mutter, Juden das sind Menschen. — Garstige Menschen? — Ja, anwortete meine Mutter lächelnd, manchmal recht häßliche Menschen, aber nicht immer. — Kann ich einen Juden zu sehen bekommen? — Das kannst du gut, sagte ineine Mutter und hob mich rasch vor den großen ovalen Spiegel, der über' dem Sopha hing. — Ich stieß einen Schrei aus, so daß meine Mutter inich schnell auf den Fußboden stellte, und ich war so entsetzt, daß meine Mutier bereute, inich nicht vorbereitet zu haben." Armer, kleiner Brandes! Erst die haßvollen, mysteriösen Schmährufe aus der Gasse, die ihn kindlich tief ernpfindcn lassen, wie verfolgt und mißachtet der lüdische Mensch dasieht, und dann die erschütternde Offenbarung, daß er cs ist, er selbst, ein solcher Auswurf der Menschheit! Der- Schlag ist zu furchtbar. Er trifft fürs Leben. Sein Leben lang sucht Brandes fortab, sein Iudescin zu vergessen. Und nichts brennt ihn so, als daß die geliebte unjüdische Umwelt ihn unaufhörlich nrit Hohn daran erinnert. Alles Jüdische — er erfindet dafür den veräcbtlichen Namen „Iudcrci" — ist und bleibt ihm fremd, gleichgültig, unsyrnpatisch. Die Ostjuden sind ihm schmutzig und abscheulich, die Wcsijudcn Sbylocks, die Iudenrcligion Reaktion, jüdisch-nationale Aspirationen Verbrechen, einzig vernünftiges Ziel Aufgchcn und Verschwinden. Nichts, nichts will er sein als Däne — aber er darf nicht! Alles, was er seinem Lande gibt, wird — groteske Tragik — als jüdisch ausgcschrien und abgclehnt! So bleibt ihm nichts übrig, als „Europäer" zu sein, auch im Schicksal, der er iin Geist ohnehin ist. Das heißt heimatlos. Gehetzt flicht er unzählige Male aus Dänemark in eins der europäischen Länder, unzählige Male wieder zurück. In Wahrheit flicht er vor dem jüdischen Selbst — dem einzigen seelischen Ruhebodcn, der ihm hätte werden können. Wenn er ihn gewollt, wenn er ihn gekannt, wenn er ihn in der Frühzeit hätte erleben und lieben dürfen! Aber er hat ihn in der Kindheit nicht erlebt. Er schreibt es ausdrücklich in Briefen: daß Vater und Mutter Judentum kaum je erwähnt, das Wort jüdische Gemeinde nicht gekannt, die Synagoge nie gesehen hätten. Und die kleine Erzählung zeigt scharf genug, wie die Mutter ihn Iuden- - Henri Nathansen „Jude oder Europäer", Porträt von Georg Brandes", Rütten und Loening Verlag, Frankfurt a. M., 1931. turn erleben üeß, wenn es nicht mngangen werden konnte: als Echo der haßerfüllten Stimnren von der Gasse. Dies Nichterlebcn des Judentums, dies jüdische Vakuunr in der Kindcrseele, ist nicht nur hier, sondern in allen Fällen entscheidend für die Tiefe der Wunde, die das erste schmerzliche Iudenerlcbnis schlägt. Der Schlag trifft auf keinen Widerstand, gleitet iricht ab, er schmerzt nicht nur, er überwindet. Der Geschlagene gibt dem Schläger innerlich recht und setzt sich von da ab an seine Stelle. Absoluter noch als für das erste Schmerzcrlcbnis gilt dies Gesetz vom zweiten, von: Blitzschlag intellektueller „Erkenntnis" einer vermeintlichen jüdischen Inferiorität, wie wir es nannten. Auch hier das Vakuunr an Iudcnwisscn und Iudcnglück. Und wenn nun das feindliche, entstellte Bild des Judentums auftaucht — in einem Witz, cinenr Schimpfwort, einer Karrikatur, einer Lektion des Lehrers, in Diskussionen von Freund und Gegner, inr Geschwätz der Presse, in einem Buch, einer Theorie, einem System, in den Deduktionen berühmter geliebter Meister, oder gar in der blind verehrten Wissenschaft — dann ist in der jungen Seele kein Halten. Wie ein Lavastrom, wie eine Offenbarung überstürzt sie die neue „Einsicht". Sie wird kein Wissen, sondern ein Glaube, ungeprüft, unprüfbar und unerschütterlich, ein Aberglaube, ein Mythos. Und ein Unglück für den Gläubigen, da sie ihn doch „entlarvt", deklassiert, in die Hölle derer verdammt, die nicht selig werden können. Es sei denn durch ein Wunder: das Wunder der Selbstentäußerung, der Selbstzerstörung, der Transformation in ein Wesen entgegengesetzter Artung. Wer an diesem Wunder verzweifelt, kann zugrunde gehen, wie der geniale Wciningcr, der sich erschoß, weil er das jüdische Blut in seinen Adern verabscheute und auf Erlösung durch Transfusion nicht hoffen konnte. Nicht so rettungslose Tragik, aber Erschütterndes genug an Selbsthaß, offenbart uns die Biographie^ Walter Rathenaus, die von dem Nichtjuden Harry Graf Keßler staurmt, aber den Menschen Rathenau ebenso überzeugend aus seinem Iudcnproblcm ableitet, wie die des Juden Nathansen den Menschen Brandes. Auch in Nathcnaus Jugend das verhängnisvolle jüdische Vakuum. Auch hier fallen die ersten lieblosen Worte über Iudentmn wahrscheinlich von der sich als unjüdisch empfindenden Mutter, und ebenso wahrscheinlich gegen den Vater, in des kleinen Walter Augen der Grundtyp eines Juden. Der Gegensatz zwischen beiden ist dcnr Kind früh ins Blut gedrungen, mißverstanden als Gegensatz zugleich zwischen Stille und Lärm, Beherrschtheit und Temperament, Geist und Geld, Gefühl und Verstand. Dann folgt das große Schmerzcrlcbnis der Schule, wo ihm derselbe Gegensatz plötzlich als Blond und Schwarz erscheint: das Blonde verherrlicht von allem, was der Knabe hört und liest, das Schwarze verächtlich gemacht und verabscheut. Dieses Blond wird Rathenaus „ovaler Spiegel", aus dem ihm sein eigenes Schwarz, das, wenn auch durch Blauäugigkeit abgcdämpftc, negroide Schwarz seiner Großmutter cntgcgengrinst. Cr sieht sich entlarvt und ausgestoßen. So entsteht der „Judenmythos" Walter Rathenaus, in Wahrheit der Mythus des jüdischen Selbsthasses. Die „großen" Schopenhauer, Gobincau, Wagner, Treitschke, Lagarde, Chambcrlain, Weininger sind die Quellen, aus denen er trinkt, und Nietzsches Herrenmensch-Lehre ist hincingcmischt. Und nun teilt sich in Blond und Schwarz die Welt Walter Rathenaus. Den schwarzen Menschen kennzeichnen ihm Schwachheit, Furcht, Zwccksucht, Egoisinus, Verstand, Materialismus, Masscnmoral, mechanistische Unkulturr; Blond aber heißt Kraft, Mut, Zweckfreiheit, Altruismus, Idealismus, Seele, transzendente Kultur. Schwarz gleich Jüdisch, Blond gleich Nordisch-Germanisch. Das Schwarze verabscheut, das Blonde vergöttert er. (Nie wird Rathenau eine „schwarze" Frau lieben — genau wie Brandes, der es emphatisch betont hat.) Das Ich Nathcnaus bricht unter diesem Mythus entzwei. Das Schwarze in sich haßt er als Scelcnmitgabe der verhaßten Rasse; das Blonde in sich beglückt ihn, scheint ihm ancrzogen, schwer erworben durch innere Arbeit: durch Auslöschung des mitgeborenen Wesens und durch Anglcichung an das Ideal, nrit dem er sich identifiziert hat. Nicht einen Augenblick 3 Harry Graf Keßler „Walter Rathcnau, sein Leben und sein Werk". Vcrlagsanstalt Hermann Kleinnr, Berlin-Gruncwald. Verkaufsstellen 2 Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 370646 Glüdcstraße 10 Fernsprecher 296944 Thierschstraße 19 Fernsprecher 22082 Franz-josef-Straße 29 Fernsprecher 30452 SchleißheimerStraße 100 Fernsprecher 370 3 26 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur Boschhof«Vorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-Verkaufszentrale Schleißheimer Straße 100 / Tel. 370326