Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 3 (1.2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 37 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 37 Der Ulysses von James Joyce ist ein Jude. „Nicht als Individuum, sondern als Typus" meint des Autors wesentlicher Kritiker Ernst Robert Curtius. Aber das Jüdische ist nur Analogie zu dem Phönikiertum des Odysseus; Joyces Homerdeutung geht nämlich auf die semitischen Schifffahrtsmärchen zurück, die dem griechischen Epos zugrundeliegen. Kein äußeres Merkmal Leopold Blooms verrät den Juden: fischäugig nennt der Verfasser ihn einmal, ein anderesmal zeigt er, daß er leise -spricht, schließlich erwähnt er sein schnelles Herz — was allenfalls eine Umschreibung für unarische Hast sein könnte. Wie ist die geistige Charakterisierung? Starkes Interesse für materielle Einzelheiten — das ist wohl jüdisch, aber nicht spezifisch jüdisch. Der Orientale in ihm ist immer auf der Suche nach dem Wort. Das ist ein Widerspruch, aber einer jener Widersprüche, die von der Einheitlichkeit der dichterischen Vision zeugen, bei zusammengesetzten Charakteren pflegen derlei Unstimmigkeiten nicht vorzukommen. Bloom ist Freirnaurer, bedauert die Untreue seiner Frau, schreibt sie aber duldsam ihrem „spanischen" Blut zu, nimmt es mit der ehelichen Treue nicht sehr ernst, das sind individuelle Züge, aber sie brauchen sich auf keinen Juden zu beziehen. Einmal erregt Bloom durch Unvorsichtigkeit fast ein Pogrom. Er ist dem betrunkenen Sinn-Feiner unsympatisch. Aber Blooms Verhalten wird nicht von dem Jüdischen in ihm bestimmt, vielmehr von seiner Analogie zum Helden der Odysee: durch Unvorsichtigkeit und Mut, der Kleine überwindet den Großen, Odysseus den Zyklopen, David den Goliath. Das Jüdische bei Bloom ist immer nur Entsprechung zu einer Handlung des Odysseus oder es ist östliche Farbe. Als Politiker huldigt Bloom einem „vagen Sozialismus"; mit der Bemerkung, daß der Stifter der christlichen Religion Jude war, begegnet er antisemitischen Äußerungen, er ist ein wandernder Jude, ein Verbannter, aber seine Rückkehr (nach dem Osten) sehnt er nur halb (im Unterbewußten) zurück. Dieser Leopold Bloom ist keine ahasvcrische Existenz. Dieser unheldische Mensch ist der homo sapiens unter lauter Exzentrischen, „unter Begeisterten, Patrioten, Prahlern die Norm". Warum mag der Ire James Joyce zum Helden seines Buches einen Juden gewählt haben? Diese Wahl ist einmal durch Analogie zu dem phönikischen Urbild Odysseus gegeben. Und das Zurückgreifen auf den semitischen Unterbau der homerischen Epen ist durch die „neue Orientierung", den „Rückzug des westlichen Objektbewußtseins, der seinesgleichen sucht, den Einzug in den geistigen Urgrund des Ostens, wie ihn die kühnste Phantasie nicht erträumen könnte", bedingt. Daß diese Worte von dem Psychoanalytiker C. G. Jung stammen, ist möglicherweise ein Fingerzeig. Der Ire Joyce, welcher der Psychoanalyse so viel verdankt, hat — vielleicht unbewußt —, wenn er seinen Ulysses zum Juden macht, dem jüdischen Entdecker der Psychoanalyse, Sigmund Freud, und dem Dichter, der vor dieser Entdeckung als erster ihre Wege ging und ahnungsvoll zu Ioycens Romantechnik vorstieß, Artbur Schnitzler, ein Denkmal setzen wollen. Mischer Selbsthatz Eine Vorrede zu zwei Biographien Von Israel Der Grundtrieb organischen Lebens ist Selbstbehauptung, ihr psychischer Widerschein die Selbstliebe. Egoistische wie altruistische Moralsysteme stehen auf der Basis dieser Crkennmis. Spinoza nennt die Selbstliebe sogar Erscheinungsform der Selbstliebe Gottes. Und alle höheren Religionen drücken Gleiches aus: sie erklären den Menschen für gottähnlich und somit doppelt liebenswert. Darum ist der Mensch, der sein Menschsein haßt, der Misanthrop, von jeher als anormal, als krank und bemitleidenswert oder gefährlich erachtet worden. Das gleiche Gesetz gilt für soziale Gruppen: Stämme, Völker, religiöse Gemeinschaften. Ihre Selbstbehaupwng auf Grund ihrer Selbstliebe ist eine der Haupttriebfedern der Weltgeschichte. Die Gruppen- Selbstliebe ist die Summierung der Liebe aller einzelnen zu sich selbst und zum Typus der Gesamtheit. In primitiven Zeiten ist sie unbewußt und selbstverständlich, die Kultur erst sucht ihre Begründungen, und unerschütterlich werden sie geglaubt, trotz allen Widerspruchs der Feinde draußen wie der eigenen Kritiker. Darum hat auch der Angehörige einer Gemeinschaft, der seine Art haßt, immer als krankhafter Typus, als bemitleidenswert oder gefährlich gegolten. Wie kann Gruppen-Selbsthaß entstehen? Erklärung ist nur in der Analyse individuellen Selbsthasses zu finden. Nach Freud'schen Gedankengängcn läge ihnr eine seelische Verletzung zugrunde, ein Tramna, und als dessen Folge eine anormale Bewußtseinsfixierung. Alfred Adler würde ihn ein Minderwertigkeitsgefühl nennen, zu Selbsterniedrigung ausgeartet. So oder so: der Betroffene, einem bitteren Schicksal unlöslich verbunden und außer Stande, ihm zu entfliehen, verzweifelt und flieht seelisch vor sich selber. Er spaltet sich, „fährt aus der Haut", fixiert sich auf einen Glücklicheren außerhalb seiner, der meist der Verwundende oder überlegene ist; und da er dies Ideal nicht selber werden kann, versinkt er in Selbsthaß. Ähnliches gilt für Menschengruppcn. Wir begegnen dein Selbsthaß nirgends bei glücklichen, normal lebenden Völkern. Cr entsteht bei historisch verwundeten, unterdrückten, verfolgten, heimatlosen. Gemeinsames Leiden, wo es hoffnungslos dauert oder sich verhängnisvoll wiederholt, kann zu Verzweiflung führen und zum Versuch der Flucht aus dem Schicksal oder aus der Gemeinschaft, die als seine Ursache vor dem Einzclbcwußtsein dasteht. Das Ideal glücklicherer Völker, nicht selten mit dem Verfolgervolk identisch, steht vor den Betroffenen auf; sic umarmen 1 Der Titel dieses Aussatzes ist mit dein Titel des jüngst erschienenen Buches von Theodor Lessing („Der Jüdische Selbsthaß", Berlin, Jüdischer Verlag) identisch. Die hier entwickelten Gedankengänge sind von den Thesen des Buches unabhängig und ebensowenig als ihre Kritik gedacht. t Auerba ch es mit krankhafter Inbrunst, laufen zu ihill über. Gelingt ihnen aber die reale Vereinigung nicht, so verfallen sie der Selbstzerfleischung. Glücklicherweise ergreift der Gruppen-Selbsthaß niemals die nationale oder religiöse Gesamtheit, sondern nur einzelne in ihr. Die Gesamtheit als solche ist ein historisches Reservoir unendlicher Kraft und ewiger Selbsterneuerung durch die Wiedergeburt in den Generationen. Aber die Disposition zur Erkrankung an Selbsthaß kann stärker und stärker werden durch Wiederholung der Katastrophe oder die Dauer der Leiden. Eine Erbmasse an potentiellen Inferioritätsgcfühlen ist alsdann vorhanden — doch die Auslösung der Erkrankung der einzelnen erfolgt stets durch individuelles Erleben! Trifft auf die historische Verletzung der Gesamtheit noch ein persönliches Trauma des Individuums auf der Ebene des Gemeinschaftsbewußtseins, so entfaltet sich der Gruppen-Selbsthaß. Auf solcher Doppelbasis ist der jüdische Selbsthaß entstanden, von den Hellenisten angefangen, über die Apostaten des Mittelalters, bis zu den eigenartigen Selbsthassern unserer eigenen Epoche. Es ist ein Doppeltes, gegen das die jüdischen Selbsthasser wüten: die Rcligionsgebundcnheit und die Rassenzugehörigkeit des Juden. Die Apostaten, resolut und brutal, zerrissen die Bindungen beide; sie liefen zum Feinde über, mischten sich mit seinen Ideen und seinem Blute; sie erkauften das Vertrauen ihrer neuen Freunde stückweise durch immer wiederholten Verrat der alten Gemeinschaft. Der jüdische Selbsthasser von heute ist nicht in solchein Sinne ein Ganzer. Seine Entschlußfähigkeit ist gelährnt durch geschärfte historische und psyologische Einsicht. Er weiß, daß zwar möglich ist, eine Religion zu wechseln, aber eben so gewiß, daß es unrnöglich ist, aus einer Rasse, einer psychophysischen Wesensart auszutreten. In die ist man hineingeboren; in den Adern sitzt sie und in der Haut, im Temperament, in der Dcnkform, in den innerlichsten Neigungen und geheimsten Trieben. Sie haftet unlösbar an. ihm, gibt ihm das Geleite bis zur Stunde des Todes. Und so verbleibt er denn, äußerlich besehen, im Ringe der Gemeinschaft, da cs ja doch keinen Zweck hat, sich aus ihr zu entfernen. Aber sein Haß ist noch brennender, weil sublimierter, weil pervertiert nach innen. Er richtet sich gegen ihn, den Hasser, selber; gegen sein Eigenwesen, seine Einzelzüge, die versteckt werden wollen oder ausgerottct. Das ist die tragische Artung des jüdischen Selbsthasses der Neuzeit. Es wäre ein Irrtum, zu glauben, daß nur die geistig oder moralisch Haltlosen und Wertlosen ihm verfallen. Der moralische Maßstab ist an diese Kategorie überhaupt nicht anzulegen. Ebenso gut könnte inan die unglücklichen Träger der Tuberkulose oder der Krebskrankhcit moralisch oder intellektuell bewerten wollen. Selbsthaß ist eben genau so eine Krankheit. Das ist auch der Grund, warum wir selbst in der Sphäre der menschlich bedeutenden, ja großen neuzeitlichen Juden den jüdischen