Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 3 (1.2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 36 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung dir. 3 Dr. phil. Im selben Jahre war er. auf kurze Zeit Assistent der meteorologischen Zentralstation seiner Vaterstadt. Dann lehrte er am Gymnasium und war als Mathematiker und Physiker erst in Nürnberg, Schwcinfurt und seit 1893 in München tätig. Er suchte auch seine psychologischen und pädagogischen Kennmisse auf verschiedenen Studienreisen zu verstärken und zu vertiefen. Cr lernte die russischen und die amerikanischen Verhältnisse kennen. 1895 wurde er als Stadtrat an die Spitze des Münchener Schulwesens berufen. Von nun an war all sein Sttebcn der gründlichen Reform des Volks¬ und Fortbildungsschulwesens gewidmet. Seine Reformgcdankcn in München wurden auch bald von anderen Städten als vorbildlich nachgcmacht. Sein Grundbcstrcben, die eigentliche pädagogische Idee seines Lebenswerkes, war, die Volksschule zur Vorschule der praktischen Arbeit zu machen. Entsprechend gestaltete er die Fortbildungsschule zu einer Berufsschule um, die den wahren Bedürfnissen des tätigen Lebens angepaßt war. So schuf er die moderne Berufsschule mit ihrem Werkstättcnuntcrricht. Wesentlich war ihm als Volksschullchrer, der er immer geblieben ist, das Problem der Masscncrzichung. Aber nicht in dem Sinne der Bewältigung der Masse durch suggestive Methoden, sondern durch die möglichst weite Entfaltung schöpferischer Persönlichkcitswerte in jedem einzelnen. So war das Menschenbild, zu dem hin Kerschensteiner zu erziehen versuchte, der praktische und berufstüchtige Staatsbürger, der sich zu einer eigenständigen Persönlichkeit entwickelt hat. Seine zahlreichen Vorträge haben ihn in allen Teilen des Reiches weiteren Kreisen bekannt gemacht, als cs gewöhnlich den Pädagogen von Fach bcschieden ist. Und auch im Ausland ist er durch seine Vorträge bekannt geworden. Seine Bücher und Aufsätze, die zu dem klassischen Bestand der heutigen Pädagogik gehören, sind in einem klaren und allgemeinverständlichcn Stil geschrieben. Besonders hcrvorgehobcn werden muß feine „Staatsbürgerliche Erziehung der deutschen Jugend" sein „Begriff der Arbeitsschule", das „Grundaxiom des Bildungsprozesses" und „Die Seele des Erziehers". Bedeutsam ist auch, daß Kerschensteiner von 1912 bis in die Kriegsjahre hinein dem Deutschen Reichstag angehörte und dort jede Gelegenheit wabrgenonnnen hat, seine pädagogischen Ideen zu vertreten. Sein Ziel ist die Arbeitsschule gewesen, er wollte das unlebendige Buchwissen durch praktische, durch Handarbeit ersetzen. Und das zweite, was er lebenslänglich vertreten hat, ist die Forderung der Einheitsschule. Er kannte die Volksschule wie die höhere Schule aus eigener Anschauung. Cr wollte die Kluft dazwischen schließen. Das Bild seiner Persönlichkeit wird allen, die ihn gekannt haben oder auch nur einmal haben sprechen hören, lebendig in der Erinnerung bleiben. Sein scharfgcschnittener Kopf, von weißem Haar und Bart uinrahmt, seine klaren und guten Augen, seine sprühende Art zu sprechen, sind unvergeßlich. Cs gibt nicht viele Menschen, die so folgerichtig und schön und, ohne Schaden an ihrer Seele zu nehmen, alt werden. Kerschersteiner hat die Einheitlichkeit seiner Person, den Anfangswillen, mit dem er als junger Mann in seine Zeit eingrisf, durchgehaltcn, ohne doch starrsinnig zu werden. Seine Kraft liegt in seinem unerschütterlichen Glauben an die Freiheit des Menschen. Diese Freiheitsidee hat es bewirkt, daß er in den letzten Jahren, wo die neue Jugend aus Grund zunehmender politischer Radikalisierung nach Bindungen rief, hier und da als zu „optimistisch", als „zu guten Willens", als „zu liberal" angesehen wurde. Das gilt vor allem von seinen Schriften, die viel gelesen und zu dem Grundstock der Universitätsseminare wie auch der pädagogischen Akademien gehören, die aber doch hier und da schon von den jungen Semestern als „historisch" empfunden werden. Aber gerade in Kerschensteiner ist erhaben über dem politischen Tagcskampf die alte liberale Idee in ihrer menschlichen Reinheit verkörpert, der Glaube, daß die Persönlichkeit nur aus ihrer menschlichen Verantwortung und auf sclbsteigencr Bemühung wachsen kann, und daß allein so Gemeinschaft, Gesellschaft und Staat geformt werden können, auf Grund des freiwilligen Zusammenschlusses von Menschen, die zu persönlicher Selbständigkeit erzogen worden sind. Das Pathos dieser freiheitlichen Grundidee vom Menschen, die im Augenblick schwerster wirtschaftlicher und geistiger Krisen im parteipolitischen Tageskampf keinen sehr hohen Kurs hat, wird sich trotzdem bei der Erziehung des Nachwuchses als die tragende pädagogische Idee geschichtlich durchsetzen. Momentaufnahme: James Joyce Zum 50. Geburtstag am 3. Februar 1932 Von Lutz Weltmann Im Kriege lebte der Ire James Joyce in Zürich. Dort schrieb er, wenige Häuser von Lenin entfernt, sein Hauptwerk „Ulysse s". Keiner wußte vom andern. Ein Literaturrebell der eine, ein politischer Revolutionär der andere. Als der „Ulysses" vor zehn Jahren erschien, wurde er wie eine Kopernikustat begrüßt, man verglich das Werk — der Vergleich mit der „Odyssee" war durch das Thema gegeben — mit der „Göttlichen Komödie", den Autor mit Swift und Rabelais. Joyce revolutioniert die Romanform: nicht äußere Ergebnisse pflegen für unser Leben das Entscheidende zu sein, sondern innere Entwicklungen, Einflüsse aus blutmäßiger Belastung, Eindrücke unserer Bildung, Abhängigkeiten von unserer somatischen Konstitution, soziale Konstellationen, das Darstellcnswerte sind Gedankengänge, Kindheitserinncrungen, Lesereminisccnzcn, Augenwahrnehmungen von der Außenwelt, Melodien, die im Geiste haften_ Das hat Schule gemacht. Aber Stuart Gilberts Kommentar „Das Rätsel Ulysses" (wie alle Werke von Joyce deutsch im Rhein-Verlag, Zürich, erschienen) zeigt den Abstand dieses Werkes vom „verwilderten" Roman— es ist gesetzmäßig gefügt, streng gebaut wie Dantes Epos, mit dem es übrigens durch scholastische Gedankengänge des Iesuitenzöglings Joyce und seines Selbstporträts Stefan Dädalus — seine Entwicklung ist im „Iugcndbildnis" dargestcllt — unterirdisch verbunden ist. Jede Episode entspricht einem Vorgang der Odyssee: Stefan ist Telemach, der seinen Vater sucht; Circe eine Bordellmutter, Nausika ist ein Dubliner Mädel, das den Odysseus des Buches, den jüdischen Annoncenaquisiteur Leopold Bloom, fast verführt, der Cyklop ein betrunkener Nationalist, Aeolus ein Redakteur und so fort. Die Analogien sind bis ins letzte durchgeführt: der Grotte der Calypso entspricht der Locus, der Zurückhaltung des Ajax im Hades eine Begegnung des Helden auf dem Friedhof, dem Meer im Proteus-Abenteuer Ebbe und Flut von Reden und Gedanken, Scylla und Charybdis der haltlosen Metaphysik und dem sturen Realismus zweier Shakespearedeutungcn, den Sirenen die Barmädchen, den Lothophagen der Genuß eines Bades, der Ankunft des Odysseus in Jthaka Blooms Rückkehr durch den Küchencingang, weil er den Hausschlüssel vergessen hat. Außer den Parallelen zu Homer, für die psychoanalytische Erkenntnisse häufig fruchtbar geworden sind, hat jedes Kapitel ein besonderes Farbensymbol, das Beziehung zur katholischen Liturgie hat, hat jedes Kapitel eine eigene Technik (Monolog, Erzählung, Katechese, Parodie u. a.), die dem Inhalt angepaßt ist, das Sirenenkapitel hat die Form einer Wort- Fuge, außerdem beziehen sich fast alle Kapitel auf bestimmte Körperteile — hier scheinen noch Abhängigkeiten astrologischer Natur mitzuspielcn, die bisher keine der vielen Schriften über Joyce nennt. Es scheint gegen das Werk zu sprechen, daß man den Schlüssel eines vom Autor Eingeweihten kennen muß, um es ganz zu verstehen, für das (mit dem Verstand errechnete) Werk spricht seine Unausschöpfbarkeit. Joyce verdeutlicht seine Zeichensprache, wenn im Zyklopenkapitel immer wieder vom Auge die Rede ist, wenn er sich im Kapitel von den Irrselsen, die er aus der Argonautensage in seine moderne Odyssee einfügt, den romantischen Scherz erlaubt, den Leser iminer wieder irrezusühren, er erschwert das Verständnis, wenn seine Symbole in einer Art Seelenwanderung bei ein und derselben Person wechseln. Aber, das ist keine dichterische Lässigkeit, diese Freiheit ermöglicht es ihm, sich über Raum und Zeit hinwegzuseßeN: im Schlußmonolog wandelt sich die Penelope- Frau Bloom aus einer bürgerlichen Madame Bovary in die mythische Große Mutter, und die Geschichte eines einzigen Dubliner Tages — der Tageslauf des Ulysses Leopold Bloom war ursprünglich nur als eine Novelle des Bandes „Dublin" geplant — kann zum Epos der modernen Menschheit werden. Wenn James Joyce in seinen: neuen Werk, an den: er arbeitet, die Form des „Ulysses" aufgibt, so bekundet das nicht nur seine Erperimentierfreude, sondern mehr noch: daß der „Ulysses"-Versuch.unwiederholbar ist. Der Roman bleibt geistesgeschichtlich bedeutsam als Verbindung katholischer Glaubenstraditon rnit antiker Mystik, deren östliche Ursprünge Hölderlin zuerst erahnt hat.