Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 3 (1.2.1932)
- Date
- 1932-02-01
- Page
- Seite 35 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 3 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 35 vie staatlichen Leistungen an die Neligionsgesellschaiten in IZayern Einern Bericht der „Augsburger Postzeitung" vom 16. Januar entnehmen wir folgendes: Bei den Verhandlungen des Vcrfassungsausschusscs des bayerischen Landtages über die Anträge auf Verminderung bzw. Streichung der Schlachtsteuer war auch ein sozialdemokratischer Antrag eingebracht, den durch eine Beseitigung der Verdoppelung der Schlachtsteuer entstehenden Ausfall in Höhe von nahezu 8 Millionen Reichsmark durch eine entsprechende Kürzung der, Leistungen des Staates an die Rcligionsgescllschastcn auszuglcichcn. Staatsrat Schaffer machte schon bei den Dienstag- Verhandlungen (12. Januar) darauf aufmerksam, daß diese Leistungen iur Zuge der Kürzung der Beamtengehälter um rund 5,5 Millionen RM. bereits gekürzt sind und daß eine weitere Kürzung um diese 8 Millionen NM. nicht vertretbar sei. Bei den Mittwoch-Verhandlungen (13. Januar) des Ausschusses bestätigte Kultusminister Goldenbcrger diese Angaben des Staatsrats Schäffer und führte dazu iur wesentlichen noch aus: Nicht nur bei den sogenannten freiwilligen Leistungen sei gespart worden, sondern nach Möglichkeit auch bei den vertragsmäßigen. Pari passu mit den Kürzungen der Staatsbeamtcnbezüge seien auch jene der Mitglieder des bayerischen Episkopates, der Domkapitel, die Bauschbcträge an die evangelischen und protestantischen Kirchenregierungen, die Auschüsse an die katholischen Emeritcnanstaltcn und für die Ruhestands- und Hintcrbliebenenversorgung der evangelischen und protestantischen Geistlichkeit gekürzt, bei diesen Versorgungseinrichtungen außerdcnr durch Hercinnahme der Mitgliedcrbeiträge zur Verwendung als laufende Ausgaben eine namhafte Einsparung an den staatlichen Zuschüssen erzielt worden. Ferner hätten die Zuschüsse an die Bischöflichen Seminare ungeachtet der Erhöhung der Zahl der Knaben- und Klerikalseminarisien schon seit längerem keine Erhöhung mehr erfahren. Was speziell die sogenannten freiwilligen Leistungen anlange, insbesondere also die Seelsorge- Einkommensergänzung, die Dckanatszulagen, die Bezüge der hauptamtlichen bischöflichen Sekretäre, die Zuschüsse für die evangelische und protestantische Generalsynode und für die evangelischen und protestantischen Predigerseminare, ferner die Zuschüsse für die Ruhestands- und Hinterbliebenenversvrgung der evangelischen und der protestantischen Geistlichen, so seien dafür im Voranschlag 1930 vorgesehen rund 30 Mill. RM. Im Voranschlag für 1932 würden für diese Zwecke rund 22,9 Mill. RM. vorgesehen. Die Kürzung betrage also über 7 Mill. RM. oder rund 25 Prozent. Wenn von sozialdemokratischer Seite an Ausführungen des Ministerpräsidenten im September 1930 erinnert worden sei, wonach die genannten bisherigen freiwilligen Leistungen für kirchliche Zwecke noch weitere Einsparungen erfahren sollen, so könne er darauf Hinweisen, daß der Aufwand für die Seelsorgcr-Cinkommensergänzung pro 1930 auf rund 28 Mill. RM., pro 1931 auf rund 25 Mill. RM. veranschlag! war und daß der Aufwand pro 1932 mit etwas über 21 Mill. RM. veranschlagt werden würde. Die Senkung dieses 'Aufwandes für 1932 gegenüber 1930 betrage also rund 25 Prozent. Der Herr Ministerpräsident habe bei seinen 'Ausführungen selbstverständlich nicht an eine ausnahmliche Maßnahrne gegenüber der Seelsorgegeistlichkeit, vielmehr an ein Verfahren pari passu gedacht und an die Wahrung des Eristenzminimurns. Nun sei anerkannt, daß die Staatsbeamten der alten Gruppe 10 und davon abwärts heute schon soweit gekürzt seien, daß hier eine weitere Kürzung nicht inehr wohlerwogen werden könne. Das Einkommen der Seelsorgegeistlichen werde aber bei den Pfarrern gar nicht auf die vollen Bezüge der alten Gruppe 10 ergänzt, die Hilfsgeistlichen bleiben um rund 20 Prozent oder mehr dagegen zurück. Ein weiterer Ausfall an der bisherigen staatlichen Ergänzung könnte also von diesen Geistlichen gar nicht getragen, müßte vielinehr wieder von kirchlicher Seite ergänzt werden. Widerspruchslos habe gestern Staatsrat Schäffer die Auffassung vertreten, daß die Steuerschraube nicht mehr weiter anziehbar sei. Für den Zahlungspflichtigen sei cs wohl gleich, ob die Forderung an ihn herantrete vorn Reich, vorn Land oder von seiner Religionsgcsellschaft. Das ganze kirchliche Steuerwesen leide unter der Rcichseinkommensteuergesetzgebung rnit ihrein unverhältnismäßig hohen steuerfreien Existenzminirnum. Bei den Konfessionen sei das Umlageerträgnis zurückgcgangen um ein Drittel bis ein Viertel gegenüber dem Jahre 1930. Das Umlagencrträgnis der zwei großen Bekenntnisse habe an Landcsumlagen für 1930 etwas über 8 Millionen RM. ausgemacht. Im Jahre 1932 werde wohl kaum mehr als die Hälfte erzielt werden können. Zur Aufbringung eines Betrages von etwa 8 Millionen RM. bei'- einer weiteren Kürzung infolge Ergänzung des Schlachtsteueraussalles würden also die Landesumlagen aus den dreifachen Betrag erhöht werden müssen. Eine solche Erhöhung wäre gänzlich untragbar, unvertretbar für die beteiligten kirchlichen Oberbehörden und kirchlichen Umlagenvertretungskörper. Cr habe vorhin von den sogenannten freiwilligen Leistungen für die Seclsorger-Cinkommensergänzung gesprochen, weil die Staatsregierung bisher stets die Freiwilligkeit dieser Zuschüsse behauptet habe. Er halte selbstverständlich an diesem bisherigen Standpunkt der Staatsregierung fest, möchte aber doch darauf Hinweisen, daß die neueste staatskirchenrechlliehe Literatur (er nenne insbesondere die Namen Kreß und vorzüglich G. I. Ebers) im Gegensatz zur bisherigen Auffassung der bayerischen Staatsregicrung mit sehr beachtenswerten Gründen eine Pflicht des Staates aus dem Reichsdeputationshauptschluß dem Grunde nach vertrete. Der sozialdemokratische Antrag wurde abgelehnt. 6eorg kerschensteiner Von Professor Dr. Fritz K l a t t Professor Dr. Georg Kerschensteiner, der berühmte Münchener Pädagoge und Schöpfer der modernen Arbeitsschule, ist im 78. Lebensjahre in München gestorben. Seine Bildungstheorie und der praktische liberale Geist, von dem er die Volkserziehung beseelt wissen wollte, ist tief mit den Ideen verwandt, die der moderne Jude über eine ideale Erziehung und über wahre Bildung, wenigstens noch bis vor kurzem, in sich getragen hat. In Kerschensteiner ist inehr als ein Gelehrter, inehr als ein Professor der Pädagogik, mehr auch als ein Organisator des Volksschulwesens gestorben: Ein vorbildlicher Mann der alten Generation und ein wirklicher Führer der nach ihm kommenden Generationen. Sein Lebensgang ist vorbildlich für uns, die wir als Jüngere in politisch sehr viel unsichereren Zeiten uns darum beinühen, unsere Gcnerationsideen in die Tat umzusetzen. Kerschensteiners Lebcnsgang ist vorbildlich für alle, die starken Herzens' sind und sich nicht irre machen lassen durch die fortschreitende Mechanisierung des politischen und wirtschaftlichen Lebens. Er war kein Idealist, der jemals in den Verdacht der Weltfremdheit hätte geraten können, sondern ein Mann des praktischen Lebens, aber das nicht in dcnr banalen Sinn, wie wenn er die sture Praxis je überschätzt hätte. In seinein Leben zeigt sich verfrüht und vorweggenommen, worum es der Nachkriegsgcneration im öffentlichen Leben grundsätzlich geht: Verbindung von Theorie und Praxis, von geistiger Planung und sofortiger Anwendung der Gedanken im tätigen Leben und in der lebendigen Volkswirklichkeit. Kerschensteiner war ein Mann, der den Jüngeren heute zeigen kann, wie man, aus kleinen und prolctarisicrten Verhältnissen stammend, doch zu einem folgerichtigen und tatenreichen Leben aufsteigen kann. Dazu ist cs wichtig, sich dieses Leben kurz zu vergegenwärtigen. Georg Kerschensteiner wurde am 29. Juli 1854 in München als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er besuchte das Lehrerseminar in Freising und bestand dort die Volksschullehrcrprüsung. Von 1871—1873 war er praktisch als Volksschullehrer tätig. Diese Herkunft und praktische Lehrertätigkeit ist die Grundlage seiner späteren pägagogischen und organisatorischen Lebensarbeit geworden. Kerschensteiner ist immer Volksschullehrcr geblieben und hat von dieser eigenen Lehrtätigkeit aus Stufe um Stufe die Grundlagen zu seiner Theorie gesunden. Sein von fruchtbarer Unruhe getriebener Geist verharrte aber nicht in der Arbeit der Volksschule. Schon 1873 entschloß er sich zum akademischen Studium, er besuchte dann das humanistische Gymnasium St. Stephan in Augsburg und bestand bereits 1877 ein Abituricntenexamen. Cr studierte dann in München Mathematik und Physik, machte 1881 die Staatsprüfung als akademischer Lehrer und wurde 1883 an der Universität München