Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 2 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- Seite 23 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitunq 23 Cine beschichte des Geschäftsgeistes Der beste englische Kriegsroman „Der spanische Pachthof" (Deutsch auch im Insel-Verlag) stammt von Mottram. Der gleiche Autor bietet uns jetzt „im Lichte seiner 27jährigen Erfahrung inmitten eines der größten Trieb- und Räderwerke, die der Erhaltung und richtigen Unterbringung des durch Kredit ausgedrückten Reichtums dienen", einen, glänzenden und spannenden Traktat über den kapitalistischen Geist, über Glanz und Elend der Spekulation, über den Geschäftsgeist von der Antike bis zu der legitimen Finanzspekulation unserer modernen Verkehrs- und Kreditwirtschaft. Spekulation wird definiert als „Geschäftsgang mit schwankenden Werten". Mottram ist am besten mit unseren Büchern von Werner Sombart über die Entstehung des modernen Kapitalismus und über den Anteil, den Krieg, Luxus und die Juden daran haben, zusammenzustellen. Nach einer amüsanten lexikographischen Einführung über den Bedeutungswandel der Vokabel „Spekulation" und über die Geburt des spekulativen Geschäftssinnes folgt ein sehr flüssiges Kapitel englischer Wirtschaftsgeschichte: „Das gemeine Subjekt." Darin wird sehr lebendig und lehrreich die allmähliche Cntthcologisierung und Entmoralisierung des Geschäftsgeistes und das Aufkommen der Erkenntnis seiner zivilisatorischen und Fortschritt fördernden Macht geschildert. In diesem wirtschaftshistorischen Abschnitt spielt die Wucherbeschuldigung gegen die Juden und ihre Austreibung aus England eine große Rolle. Mottram bemerkt dazu: „Man konnte die Juden Hinauswersen. Freilich ahnte man nicht, welch ungeheuren Witz man machte, als man an ihre Stelle die Venezianer hereinließ." Dem „kaufmännischen Geist" ist das große zweite Kapitel gewidmet. Von der frühkretischen Kultur bis zu den früh kapitalistischen Anfängen in Japan spürt Mottram hinter der fabelbuntesten Sage, hinter den Bauten der großen orientalischen Reiche, hinter der Welt der Bibel die wirtschaftlichen Hintergründe auf. Etwas summarisch spricht er vom Juden vor 2000 Jahren: „Der Jude hatte sich in seinem Wesen damals noch nicht zu dem scharfgeprägten Typ herausgebildet, den wir heute kennen. Die völlige Trennung vom Mutterboden hatte sich noch nicht vollzogen, seine bemerkenswerte geistige Leistungskraft war noch nicht durch Verfolgung geschärft oder durch Notwendigkeit zu besonderer Form entwickelt." ' Im darauffolgenden dritten Kapitel wendet sich der Verfasser der eigentlichen Finanzspekulation, also der Spekulation in Kreditdokumenten zu, unter der Überschrift: „Kredit ist schlummerndes Mißtrauen." Die Aufhebung der baren Schuldenregelung durch England im Jahre 1694, in Frankreich zwanzig Jahre später, ist der Ausgangspunkt der Finanzspekulation. Bis dahin hatte man die Schulden des Königs und des Staates mit Bargeld bezahlt, „das gewöhnlich mit unanständigen Mitteln zusammengebracht war." Am Eingang dieser Wendung zum Handel mit Kreditdokumentcn steht der Schotte Law und der englische Junker Walpole. Der Makler kam auf. Er war eine Plage. Viele Makler waren Juden, die als Gefolgschaft Wilhelms aus Holland gekommen waren. Nach Holland wiederum waren sie nach ihrer Vertreibung aus Spanien gekommen. „Es roch überall nach Emporkömmlingstum." Das goldene beitalter der Gründungen und Finanzierungen war das 19. Jahrhundert mit seinen großen Erfindungen, das beitalter der Eiscnbahnkönigc und des Gründerrausches, namentlich in Deutschland nach 1870. „Alle waren sie eines Sinnes, der Adelige wie der Winkelbankier, der Geheime Rat wie der Dienstbote, kein Rang, kein Geschlecht machte einen Unterschied bei dieser scheinbar so leichten Art, Reichtum zu erwerben." Das jüdische Element trat, vor allem an der Berliner Börse, stark hervor. „Die spekulative Begabung des Juden verknüpst^mit der ihm eigenen feinen Witterung verschaffte ihm von vornherein cine führende Rolle, die das beträchtlich einwandernde Ostjudcntum noch durch eine größere Portion Skrupellosigkeit zu erlangen verstand" (Seite 259). Strousberg, aus Neidenburg in Ostpreußen, war der Typus dieses Gründertums. Der Schweif von Angehörigen des Adels, die protzenhaftc Besetzung von 1 R. H. Mottram, Wesen und Geschichte derFinanzs p c k u l a t i o n. Deutsche A u s g a b e, nach der Übersetzung von Karl L e r b s besorgt von Erich D i t t r i ch. Leipzig, Insel-Verlag, 1 9 3 2. Aufsichtsratsposten mit Grafen und Herzogen fehlte schon damals nicht. Der Höhepunkt des goldenen Zeitalters war das England der neunziger Jahre; die Schilderung dieser Zeit ist auch der Höhepunkt in dem Buch von Mottram. Die Effektenmärkte, die sich bis dahin gebildet hatten, besonders die in Konsols und heimischen Cisenbahnakticn, bekamen nun einen „regelrechten Heiligenschein"; „sie waren sicher wie Abrahams Schoß, heilig wie ein mittelalterlicher Religionsorden, zuverlässig wie ein Rettungsboot und gottgefällig, als stünden sie in der Bibel" (Seite 270). „Aus jenen Tagen . . . stammt der Brauch, die Kapitalien wohltätiger Gesellschaften und die finanziellen Erträgnisse von Cstcvcrträgen, ... die Vermögen geistig zurückgebliebener jüngerer Söhne in den führenden englischen Wertpapieren anzulegcn." Der Prinz von Wales, der spätere König Eduard VII., machte die Börse gesellschaftsfähig. Das 20. Jahrhundert bricht an. Von 1890—1914 genügt in der Welt die bloße Regelung des Diskontsatzes, um alles zu vermeiden, was irgendwie nach Panik im fortschreitenden Gang des Geschäftemachcns aussah; eine Außerkraftsetzung des Bankgesetzes gab es nicht mehr — bis 1914. Die Bezeichnung „Spekulant" verengerte sich in dieser Zeit aus jene Börsenkrcise, die Papiere kaufen oder verkaufen, welche sie nie besitzen wollen oder niemals besessen haben, die es also nur auf die Kursdifferenz abgesehen haben. Die glänzende Schilderung der Epoche 1901—1914 — Mottram nennt das ganze Kapitel „Utopie-A.G." — verrät ein tiefes Eindringen in das Gcsellschafts- und Wirtschaftsgefüge der Zeit. „Es liegt etwas Schicksalhaftes, beinahe beklemmend Unheimliches über diesem Zeitabschnitt, wenn wir ihn vom Heute aus betrachten — wir, die wir wissen, zu was für Ereignissen er das Vorspiel war. Und es fehlte auch nicht an Vorzeichen dafür, daß das Schicksal der ganzen „Utopie-A.G.", die Lenkung der zivilisierten Staaten durch große, unpersönliche, das Finanzwesen überwachende Körperschaften, schwer und unmittelbar . bedroht war" (Seite 332). Die grundlegende Veränderung der Welt, ihrer Begriffe und Gewohnheiten infolge des Krieges ist wohl noch nie so plastisch dargcstellt worden wie hier. Und dann die Neuordnung durch die Friedensverträgc! „Nie hat ein großer Anlaß kleinere Geister gesehen als es die Männer waren, denen man jetzt die Neuordnung der Welt überließ" (Seite 358). Funktion der Börse, das Wesen der Spekulation, die sozial- und wirtschaftliche Verfassung der Welt erfahren von 1914—1931 eine Umkrempelung von der Wurzel auf. Wir stehen mitten in diesem Wandel, dessen Ablauf heute kein Mensch über ein paar Monate hinaus überblicken kann. Die Rolle der Finanzspckulation ist ebenfalls gewandelt. Mottrams ausgezeichnetes Buch verhilft uns jedenfalls zu außerordentlichen Einsichten, die schließlich auch zu einer Rettung Europas mitbcitragen können. F. Kus der Gemeinde München Am 17. Januar d. I. 17 Uhr findet in der Synagoge an der Herzog- Max-Straße ein Wohltätigkeitskonzert statt. Das Konzert, zu dem Herr Profestor H. Sagerer seine freundliche Mitwirkung zugesagt hat, wird nach einem allgemeinen einen liturgischen Teil mit selten gesungenen synagogalen Kompositionen zu Gehör bringen. Die Leitung hat Herr Kapellmeister Josef Ziegler. Es wirken mit: Frau S. Ziegler (Sopran), die Herren Kantoren A. Müller und M. Neu, Kaminermusiker B. Walter (Violine) und H. Schalit (Orgel). Reservierte Plätze (im Mittelschiff) ü RM. 1.— in der Kanzlei der Israelitischen Kultusgcmeinde oder beim Eingang. Sonst Eintritt frei. Programmabgabe gegen freiwillige Spenden. Da s gesamte Erträgnis wird der a l l g e m e i n e n städtischen W i n t erst i l f e z u g e f ü h r t. Die nächste Sitzung von Gemeindevertretung und Vorstand findet am Donnerstag, den 28. Januar 1932, irn Sitzungssaal der Gemeinde abends 8 H Uhr statt. Die Sitzung ist öffentlich. Tagesordnung: 1. Ctalberatung. 2. Sonstiges. Kaffee-Konditorei Feldherrnhalle Inhaber: ADOLF ZIMMER, früherer langjähriger Direktor Hotel Exelsior Fernsprecher Nr. 91447 Wiener Kaffee und nur erstklassige Getränke Feinste eigene Konditoreierzeugnisse mit garantiert reiner Butter! Lieferung frei Haus