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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-01-15 · 2 (15.1.1932) · p. Seite 20

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
2 (15.1.1932)
Date
1932-01-15
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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2Ö Bayerische Israelitische Äemeindezeituttg Nr. 2 Begabten des Landvolkes zwecks Übernahme von Führeraufgaben in den Großstädten. Anderseits läßt sich auf Grund verschiedener Einzeluntersuchungen annehmen, daß die im biologischen Sinne „Minderwertigen" über einen recht großen Nachwuchs verfügen. Das führt angesichts des beschleunigten Aussterbens der erbgesunden Familien zu wachsendem Gewicht der Minderwertigen im Volksganzen. Wie weit hier Stadt und Land beteiligt sind, steht nicht fest, jedenfalls aber wird die Aufzucht von minderwertiger Nachkommenschaft durch das ausgedehnte System der großstädtischen Fürsorge begünstigt. Auf kulturellem Gebiete haben sich die hier unbestreitbaren Führerleisiungen der Großstädte teilweise in einer Verflachung des allgemeinen Kulturniveaus, in einer Verarmung des Gcmütslebens bei Bereicherung der rein äußerlichen Lebensformen ausgewirkt. Demgegenüber erscheinen zahlreiche kleinere Gemeinden als Bewahrer wertvoller kultureller Überlieferung, um deren Pflege und Fortbestand sie redlich bemüht sind. Auch am lebendigen Kulturfortschritt der Gegenwart nehmen sie nach Möglichkeit teil. Somit scheint sich im ganzen die Herstellung eines neuen harmonischen Verhältnisses zwischen Stadt und Land, das durch die stürmische Entwicklung der Großstadt zeitweilig gestört war, anzubahnen. Indessen wird es auch jetzt noch reichlicher bewußter Pflege bedürfen, um das Gefühl zum Schwinden zu bringen, als ob das Land- und Kleinstadtleben etwas Minderwertiges wäre und. das Bewußtsein zu wecken, daß auch auf dem Lande eine bessere und höhere Lebensform bestehen kann. Das geschieht durch Fortführung und neuzeitliche Fortbildung der ländlichen Tradition, ohne daß jedoch Abgestorbenes künstlich zu beleben wäre, sowie durch Übernahme neuen Kulturgutes im Wege innerlicher Aneignung und Ausgestaltung. Damit erschließt sich die Möglichkeit, die Land- und Kleinstadtbevölkerung wieder fester an die Scholle zu binden und die in ihr verkörperten, freilich schon gefährdeten, Kraftreserven dem Volksganzen zu erhalten. Die verliner luden' Die Entwicklung Berlins zur Großstadt (1750: 113 289 Einwohner) und Millionenstadt (1880: I 123 208 Einwohner) war von einem fortgesetzten Wachstum feines jüdischen Bcvölkerungsteils begleitet. Während die Zahl der Juden I75O erst 2188 betrug — 1,9% der Einwohnerschaft —, waren es 1880 bereits 53 949 — 4,8% — und 1910 90 013 — 4,4%. Seitdem hat sich unter den besonderen Einflüssen der Nachkriegszeit das Zuwachstempo bei den Berliner Juden noch verstärkt; 1925 zählte man innerhalb der neuen Grenzziehung Groß- Berlins 172 672 — 4,3% — gegen 144 007 — 3,9% — auf dem gleichen Gebiete im Jahre 1910. Die Zunahme beträgt also von 1910 bis 1925 19,9%, während die Gesamtbevölkerung nur um 7,8% gewachsen ist. Mit diesem Bestände von 172 672 sind 42,7% der Judenschast Preußens bzw. 30,6% der Judenschaft des Reichs in Berlin konzentriert. Die starke Umrechnung der Berliner Juden ist nur durch Zuwanderung bedingt. Hierbei sind wohl sämtliche übrigen Reichsteile, die abgetretenen Gebiete und — nicht zuletzt — das Ausland beteiligt. Schon die Ausgliederung nach der Staatsangehörigkeit läßt erkennen, daß rund ein Viertel der Juden Berlins (43 383) außerdeutschen Staaten angehört bzw. staatenlos ist. In erster Linie handelt es sich hierbei um sogenannte „Osijuden". Faßt man als solche die Staatsangehörigen von Österreich, Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslavien, den Balkan- und baltischen Staaten, Polens, Rußlands und der asiatischen Staaten zusammen, so beträgt deren Zahl 36 420. Da vermutlich unter den „Staatenlosen" auch zahlreiche Ostjuden sein werden, dürfte ihre Gesamtmenge etwa 40 000 betragen: rund 90% der jüdischen Auslän- . der stammen sonach aus dem Osten. Demgegenüber wird im Wege der natürlichen Bevölkerungsentwicklung kein Zuwachs mehr erzielt; 1928 betrug die Zahl der von jüdischen Müttern Lebendgeborenen 1543, die Zahl der gestorbenen Juden aber 2574, so daß sich ein Sterbefallüberschuß von 1031 ergibt. Dabei ttafen auf rein jüdische Chen nur 1332 Lebendgeborene. Ferner entstehen erhebliche Verluste durch die Konversionsbewegung. Im Jahre 1928 ttaten 472 Personen aus der jüdischen Gemeinde aus, während nur 92 llbcrttitte zum Judentum zu verzeichnen waren. Die geringen Regenerationsleistungen der Berliner Juden lassen in ihrem Altersaufbau die Kinderbasis schmal, das erwerbsfähige und das Greisenalter aber mit erhöhtem Gewicht erscheinen: Es standen im Alter von Jahren Altersklasse Juden Gcsamtbevölkerung absolut % % bis 15 27 161 15,7 16,6 15 bis 65 132 432 76,7 77,8 über 65 13 079 7,6 5,6 zusammen 172 672 100 100 Dem Erwerbsleben gehörten von den Juden 84 540 an, also 49,0% der Gesamtheit. Diese Quote erscheint im Vergleich zur Berliner Gesamtbevölkerung, welche zu 54,0% erwerbstätig ist, gedrückt. Das erklärt sich, wie anderwärts-, aus der geringeren Beteiligung der jüdischen Frauen am Erwerbsleben. Von diesen waren 25,3% (22 344) erwerbstätig gegen 37,0% bei der Gesamtbevölkcrung. Dagegen reicht die männliche Crwerbsziffer mit 73,1% (62 196) nahezu an den Stadtdurchschnitt— 74,8% — heran. Die jüdische Crwerbsbetätigung spielt sich in traditioneller Weise vorwiegend — zu fast 80% — im Rahmen von Handel, Bekleidungsgewerbe, freien Berufen und Gesundheitswesen ab, während bei der Gesamtbevölkcrung diese Berussgruppen nur mit 37,4% besetzt sind: Berufsgruppe Erwerbstätige Juden Crwerbstäti überhaupt absolut % % , Handel 41 396 49,0 19,4 Bekleidungsgewerbe 14 337 17,0 11,1 Freie Berufe 5 780 6,8 4,0 Gesundheitswesen 4 557 5,4 2,9 Ein ganz ähnliches Bild zeigt bereits die für 1852 vorgenommcne Berufsgliederung der Berliner Juden. Von 3548 Erwerbstätigen gehörten damals 2177 dem Handel und 252 den freien Berufen (Lehrer, Ärzte, Vorsteher usw.) an, also ebenfalls nahezu 70%. Bei näherem Eingehen auf die persönlichen Berufe treten 1925 in erster Linie hervor: Die kaufmännischen und Büroangestellten (mit Einrechnung der Kontore und Büros auch außerhalb des eigentlichen Handels, z. B. in Fabriken, Behörden, Verkehrsunternehmungen); die Selbständigen im Handel; gewisse „geistige Berufe", die in selbständiger wie in abhängiger Stellung ausgeübt werden, und zwar: Arzte, Rechtsanwälte, Architekten, Zahnärzte und Zahntechniker, Musiker, Lehrer, Schriftsteller, Schauspieler, Sänger, Apotheker, bildende Künstler, Redakteure; Selbständige im Bekleidungsgewerbe, und zwar in Schneiderei (Konfektion), Wäscheherstellung, Mützen- und Hutmacherei, Schuhwarenherstcllung, Kürschnerei; Arbeiter im Bekleidungsgewerbe, und zwar in Schneiderei, Näherei, Pußmacherei, Kürschnerei. Diese Kategorien wiesen folgende Besetzung auf: Kaufmännische und Büroangestellte 29 188 Selbständige im Handel 21 786 Geistige Berufe 8 368 Selbständige im Bekleidungsgewerbe 6 022 Arbeiter im Bekleidungsgewerbe 2 887 1 Quellen: H. Silbergleit, Die Bevölkerungs- und Berufsverhältnisse der Juden im Deutschen Reich. Erster Band. Berlin 1930; Statistisches Jahrbuch der Stadt Berlin 1930. 2 Vergl. Berufsgliederung der Juden in Bayern, in dieser Zeitung 1930, S. 53 ff. BiOX- ULTRA °° Zahnpasta der Dame verhindert Zahnsteinansatz, Lockerwerden der Zähne, spritzt nicht u. ist hochkonzentriert! daher so sparsam. BiOX-ULTRA fördert gesunde Speichel- ■ekreUen und erhält Zähne und Mund gesund.

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