Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 2 (15.1.1932)
- Date
- 1932-01-15
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 19 sonders begabte Menschen hervorstechende elterliche Qualitäten besitzen und daß ihre geistigen Qualitäten ihren Kindern ein besonders wertvolles somatisches Erbgut vermitteln. Nur im Vorbeigehen sei hier daran erinnert, daß nach den -historischen Tatsachen — wenigstens für den M o n a r ch e n b e r u f — je befriedigender das Familienleben der Throninhaber war, desto schwächer die Geschichte ihre Leistung als Staatslenker findet. Es sei hier der reizvollen Versuchung ausgewichen, diese Erscheinung auf andere Berufe auszudehnen; aber die Weisheit des Eheverbotes der katholischen Kirche für ihre Führer darf hier nicht unerwähnt bleiben. Der natürliche gute Mutterboden für die Regeneration einer Bevölkerung bleiben trotzalledem die Individuen, welche sich selbst nicht durch Höchstleistungen auszeichnen. Das Dasein eines solchen Vegetationsstammes der „Mittelmäßigen" ist das wichtigste Kennzeichen eines gesunden Volkes. Die Kinderarmut der Intelligenten und kulturell hochstehenden Gesellschaftsmitglieder gehört zur natürlichen Zuchtwahl der Völker.^- Jedenfalls wird heute von den Kennern der biologischen und bevölkerungs-politischen Tatsachen die relative Geburtcneinschränkung im Interesie der Gesunderhaltung der Nation gutgeheißen. Ein Schlußfolgerung aus dieser optimistischen Theorie für die jüdische 1 „Eugenik" als planmäßiger Willen zur Aufzucht einer lebenstüchtigen Generation wird heute von der ernsthaften Forschung in ihrem Ergebnis sehr skeptisch beurteilt. So sagt Jaspers, der berühmte Heidelberger Philosoph und Psychiater in seiner neuesten Arbeit „Die geistige Situation der Zeit" (S. 47): „Eugenik wird das Erhalten der Schwachen und die in unseren Zuständen vielleicht unaufhaltsame Rastenverschlechterung nicht hindern; denn man hat keinen objektiven Maßstab zur auslesendcn Wertbeurteilung, vielmehr steht dieser vermöge der Mannigfaltigkeit ursprünglicher Mcnschenartung in unversöhnlichem Widerstreit seiner Möglichkeiten." Bevölkerungsentwicklung soll hier angesichts der unaufhaltsamen Tatsachen nicht gezogen werden. Biologie und Ethik klaffen wie auch sonst in der Frage der Geburtenbeschränkung weit auseinander. Die physiologischen Tatsachen sind: Bei gesunden Ehegatten ist vom 23. bis 43. Lebensjahr der Frau ein Kind alle \Vi—2 Jahre das Gegebene, das macht im ganzen rund zwölf Kinder. Das ehrwürdige religiöse Gebot sagt darauf einfach: „Glauben, Gehorchen, Beten und Danksagen." Spengler sagt: „In der Großstadt ist ein Vater mit vielen Kindern eine Karikatur." Unbestreitbar ist: Der soziale und wirtschaftliche Zwang, besonders die tatsächliche Volksmoral, hat sich längst für die Geburtenbeschränkung entschieden. — Aber was ist die Wahrheit? Auch hier geht es wieder um die Kardinalfrage: Was ist mehr, eine tote Wahrheit oder eine lebendige Lüge? Und die 'Antwort kann wieder für den Denkenden und Prüfenden (für den „Praktischen" und „Tüchtigen" ist hier gar keine Frage offen) nicht zweifelhaft sein: „Die tote Wahrheit, für den Praktischen und Tüchtigen tot, aber in sich lebendig, ist um eine Unendlichkeit mehr als eine lebendige Lüge, und gewänne diese auch die ganze Welt und kleidete sich auch in alle Macht und Pracht dieser Welt." Verständlicher vielleicht in der heutigen Zeitungsmischsprache ausgedrückt: Die schlimme Situation von heute ist 8ub 8peci6 nelernit»ti8 Episode; zeitlose Wahrheiten und Forderungen werden dadurch nicht erschüttert. Jeder Generation sind besondere Aufgaben gestellt; daß unter ihrer Last der Blick für den gesamten übersehbaren Geschichtsvorgang von Anfang an bis heute nicht ganz erblinde, dafür muß allerdings immer wieder energisch gesorgt werden. Heben sich die den Blick hindernden Nebel, dann ist auch jeder Anlaß zur Erhitzung und Aufregung über die Zerrüttung und Verwahrlosung der Welt und über den „Untergang der Juden" beseitigt. flacbtetle der ßrofojtaötentwichlung1 Von Dr. Philipp S ch w a r tz (München) Wenn die Zeichen der Zeit nicht trügen, so scheint das Wachstum der deutschen Großstädte gegenwärtig an seinem Endpunkt, mindestens aber an einem entscheidenden Nuhepunkt angelangt zu sein. Die abgelaufene Entwicklung ist gekennzeichnet durch eine großartige Wirtschafts- und Kulturentfaltung im Rahmen der Großstädte, die aber auch von zahlreichen Nachteilen begleitet war. Der großstädtische Mastenbedarf an Arbeitskräften zog nämlich nicht nur den eigentlichen „Überschuß" der Land- und Kleinstadtbcvölkerung an sich, sondern darüber hinaus auch einen Teil der auf dem Lande und in den kleineren Städten benötigten Arbeitskräfte. So kam es, daß diese unter dem Schlagwort „Landflucht" bekannte Wanderbcwegung auf dem Lande Arbeitermangel, in den kleineren Städten, ja auch in gewisten östlichen Großstädten, Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und in den Großstädten vielfach Arbeitslosigkeit hervorrief. Auch die 'jetzige Masten- und Dauerarbeitslosigkeit ist eine vorwiegend großstädtische Erscheinung. Die im Wesen der modernen Großstadt liegenden^ besseren Erwerbs- und Fortkommensmöglichkeiten erscheinen damit in ihr Gegenteil verkehrt. In sozialer Hinsicht gibt die großstädtische Mastcnanhäufung wirtschaftlich abhängiger Personen, namentlich solcher des Arbeiterstandes, zu schweren Besorgnissen Anlaß. In den Ruhrstädten z. B. umfaßt die 'Lohnarbeiterschaft bis über 70% der Einwohner. Demgegenüber ist auf dem Lande und in den kleineren Städten das selbständige Clement — Betriebscigentümcr und -Unternehmer nebst mithelfenden Familienangehörigen — nach wie vor in großer Stärke vertreten. Dazu sind dort die sozialen Spannungen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern weit geringer als in den Großstädten. Indessen zeigen auch Großstädte von alter Kultur noch jetzt eine gesunde Mischung der sozialen Schichten. So gehören z. B. in München, Wiesbaden, Karlsruhe, Münster nur 27—34% der Bevölkerung der Arbeiterschaft an. Noch schwerer aber fällt'ins Gewicht die den Verstadtlichungsprozeß * Unter Berücksichtigung neuerer Gesichtspunkte dem Bericht des Reichswirtschafts-Cnquete-Ausschustes: „DasWirtschaftsleben der Städte, Landkreise und Landgemeinden", Berlin 1930, C. S. Mittler & Sohn, sowie meinem gleichnamigen Auszug daraus in „Schmollers Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft", München 1931, Heft 2, Duncker & Humblot, entnommen. begleitende Bedrohung der Volkskraft. Die höhere gesundheitliche ^und sittliche Gefährdung der eng zusammengedrängten Menschcnmapen, das übertriebene Streben der einzelnen Familien, durch Beschränkung der Kinderzahl den Lebensstand zu heben, der teilweise Zerfall des Familienlebens, der Freude am eigenen Heim und an der Erziehung eines gesunden Nachwuchses sind zu ernsten Problemen geworden, von deren Lösung letzten Endes die gesunde Fortentwicklung von Staat und Volk überhaupt abhängt. Cs sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, daß die Juden als vorwiegend stadtansässiger, seit Jahrhunderten urbanisierter Volksteil durch den Geburtenrückgang in besonders hohem Maße bedroht sind. Demgegenüber verfügt die Land- und Kleinstadtbevölkerung über einen noch verhältnismäßig festen Familienzusammenhalt. Seine Wurzeln liegen teils auf wirtschaftlichem Gebiet, im Interesse des Bauern- und sonstigen Mittelstandes an der werktätigen Mithilfe von Frau und Kindern im eigenen Betriebe, teils entspringen sie der auf dem Lande stärker fortwirkenden religiösen Tradition. Freilich macht sich schon seit einigen Jahren eine drohende Angleichung der ländlichen an die städtischen Geburtenziffern geltend. Indessen dürften wohl auch in Zukunft die besonderen wirtschaftlichen Verhältnisse auf dem Lande und in den kleineren Städten, die andere geistige Einstellung daselbst eine höhere Geburtenfrequenz begünstigen, als sie die größeren und Weltstädte ausweiscn. Innerhalb der Großstadtbevölkerung selbst zeigen sich keine nennenswerten Unterschiede in der Nachwuchsgestaltung, wie sie sich früher nach sozialer Stellung und Wohlstand ergaben. Die vormals mehr auf die wohlhabenden Kreise bcfchränkte „Geburtenregelung" ist jetzt „Gemeingut" sämtlicher Schichten geworden. Darüber hinaus verdient die qualitative Seite des Geburtenrückgangs ernste Aufmerksamkeit. Ist doch die Beschränkung der Kinderzahl in den einzelnen Familien zwangsläufig mit einer gewissen Verschlechterung des Nachwuchses verbunden, da erfahrungsgemäß die Erst- und Zweitgeborcnen eine geringere Lebenstüchtigkcit mitbringen als die Spätergeborenen. Hinsichtlich der Großstadt erscheint besonders bedauerlich das rasche Aussterben der dort ansässigen Führerschicht, denn damit geht das in ihr verkörperte Erbgut an geistigen Werten dem Gesamtvolk verloren und entsteht die Gefahr einer stets schnelleren Auslese unter den