Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Bayerische Isracltlische Gemeutdezetlung 9 einer Nähe und Verbundenheit, wie wir sie etwa nur noch aus Opatoschuß „Letztem Waldjudcn" xennen. Und dennoch ist Morgen und Abend, Tag und Nacht eingebettet und dicht umhegt durch die Formensprache der jüdischen Sitte . . so eng, daß das Gebot zum Leben wird. In der Zenne Nenne, dem Volksbuch der alten Zeit, an das wir hier ständig erinnert werden, heißt es, Tag und Nacht habe Gott der Herr nur für seine Juden erschaffen: die Nacht zum Lernen, „denn da ist es schön ruhig, da kann man gut lernen . . ." So weiß auch das Kind in Sislowitz, daß die beiden Flüsse, deren sich das Städtchen rühmt, ihren jüdischen Beruf haben: Scheidungen kann man nur an fließendem Wasser aussprechen, weshalb die Juden aus Lapitz und Cholni und anderen verlorenen und flußlosen Orten nach dorthin kommen müssen und Taschlich machen ... da geht man an die Sisla und „schleudert seine Sünden hinein in dem beruhigendem Bewußtsein, daß sie zum fernen Dnjipr und von dort zum Schwarzen Meer getragen werden..." In dieser erfüllten Kindheit gibt es zwei Großmächte, die über die Kindcrseele herrschen: Haus und Schule. Auf gut jüdisch gesprochen: Familie und Cheder. Denn die Familie in Swislowiß — die trägt nur ganz entfernte Ähnlichkeit mit jenem verkümmerten, krisenhaft bedrängten Gebilde, das wir Großstadtjuden Familie nennen: noch der Mann sieht sie als eine stattliche Allee von Bäumen, Vater, Mutter, Großeltern... und eng um sie geschart alle Verwandten, Vetter, Gerschom, Muhme Faige und wie sie alle heißen — Verwandte „bis ins hundertste Geschlecht"... Das heiße ich noch eine Familie! Mitten inne aber „Anfang des Lebens und Pulsschlag des Seins" sicht die Mutter. Und diese Fraucngestalt — Elke Mendels Tochter — erglüht in so zarten und leuchtenden Farben, daß nicht nur das Herz des Sohnes, sondern auch der Griffel des Künstlers dies Bild entworfen zu haben scheint. Hier steht eine jüdische Frau und spricht zu uns — vertraut, als hätten wir immer mit ihr gelebt. Sie trägt keinen Heiligenschein — und das ist gut. Wir sehen sie wie sie ist: leidenschaftlich, ungestüm — und unendlich gütig. Wie sie im Städtchen herumgeht als eine „Doktorin", von jedem hergerufen, dem es irgendwo weh tut, und niemals um einen Rat verlegen: an jene geheimnisvolle Frau „Cm" mag man dabei denken — die Frau, die nur unter ihrem Mutternamen weiter lebt, und von der schon der Talmud eine Reihe hygienischer Vorschriften herlcitct. Wie sie dem Kinde, aus ihrer eigenen Kraftquelle, der Zenne Renne schöpfend, erste lebendige Kunde von den Gestalten der Bibel vermittelt; und wie sie selbst von den Nichtjudcn des Städtchens so geliebt wird, daß, als sic erkrankt ist, alle Glocken läuten „wir gehen zur Kirche, für Elke zu beten!". — Hier spricht eine Frau für viele ihrer namenlosen Schwestern; als eine der sprechendsten Ausprägungen der viel verkannten „Jüdin des Ghetto" in all ihrer Tapferkeit, Lebendigkeit, Menschlichkeit. Daß uns Schemarja Lcvin diese Gestalt erhalten hat, das ist ein ganz besonderes Verdienst seines reichen Buches. Aber das milde Reich der Mutter ist bald zu Ende. Das Kind kommt ins Cheder, und mit dem Honig auf den Blättern des ersten Siddur, der den kleinen anlocken soll, beginnt der schlimmste Kampf dieser Kindheit. Noch heute ergrimmt der Mann, wenn er von den abscheulichen Quälereien des ersten Lehrers, Mottke der Bohne, berichtet; man kennt diese entsetzliche Welt des Cheders aus allen Ghcttobüchern. Und man atmet auf mit dem Kleinen, da er in das Cheder mesukan — die höhere Schule — eintritt und in Juda Ortzer das' Ideal eines Lehrers findet. Jetzt beginnt auch das Cheder für den begabten Schüler inehr und mehr zum „Debattierklub" zu werden — Kraft und Schwäche einer jeden jüdischen Schule — und voll Ergriffenheit erleben wir mit dem Schüler den Augenblick, da der Lehrer, der seine beste Kraft der Erziehung weiht, das große Wort sich zu eigen machen darf, das G'tt der Herr von unern Weisen sagte: „Meine Söhne haben mich besiegt!" Nachdenkliche Worte fallen dabei ab wie Früchte von einem Baum im Herbst: über die verschiedene Wirkung des Bibel- und des Talmudunterrichtes auf den kindlichen Geist; und über die Verwandtschaft dieser klassischen Erziehung mit jener andern, die das Ideal des klassischen Altertuins vor der jungen Seele aufstcllte — Wert und Gefahr zugleich. Um Haus und Schule nun gruppiert sich das ganze vielfältige Leben der kleinen Stadt: so viel Köpfe, so viel Originale... Da ist Tscherne, die Witwe — eine Gestalt wie aus einer« Rubensschen Gemälde; und Bcntsche, der Komödiant — Charlie Chaplin im Ghetto; und Lasar, der Badcdiener; und Ascher Pakesch, der Einfältigste von allen. Und gerade dem wird das Glück zuteil, den Propheten Elia zu Gesicht zu bekonrrnen ... Aber das muß man selbst lesen. Inmitten dieses bunten Mcnschenknäuets vollzieht sich nun die Enrwicklung des Chederknäbleins zum Barmizwah. Der Tag erscheint, da der Lehrer selbst bekennt: „Ich kann Dich nichts mehr lehren.." Da aber winken schon von ferne die Flammenzeichen einer neuen Zeit. Russische Umwälzung, jüdische Revolte, wie sie ihm Perez Smolenskin verkörpert... am Horizont erscheint der Chederjunge als der künftige Abgeordnete der Stadt Wilna. Morgenröte einer neuen Zeit: für die Juden wie für die Russen. Davon werden uns — mit Ungeduld erwartet — die ferneren Bände dieser Lebensgeschichte erzählen. Neben allem Dank und aller Freude eine bescheidene Bitte an den Autor des schönen Buches. Sollte es bei einer hoffentlich rechr bald erforderlichen Neuauflage nicht möglich sein, die Übersetzung an manchen Stellen zu ändern? — Das Kleid, in welchem sich vieles reiche Buck uns darbictet, das . . . paßt ihm nicht recht. Gewiß, die Übersetzung ist flüssig und „in einer gebildeten Sprache" geschrieben. Allzu gebildet, wie mir scheint. Denn sie überträgt die volkstümliche Ursprünglichkeit ins Land des Papiers. Wer im Leben wird glauben, daß Tscherne, die Witwe, eine der saftigsten und blutvollsten Figuren des Städtchens, wenn sie ihr althergebrachtes Recht des Unterbrechens der Thoravorlesung ausübl und sich mit ihrer ganzen Breite am Almemor aufpflanzt, gerufen bat: „Ick inhibiere die Vorlesung!" Das aber sind Schönheitsfehler — gering und leicht bei einer neuen Auflage auszumerzen. Denn dies Buch, so scheint mir, ist aus dem Stoffe, aus dem jüdische Volksbücher gemacht werden müssen_o hätten wir viele seinesgleichen! Bertha B a d t - S t r a u ß. ttus der Semelnde München Soziale Aufgaben der jüdischen Gemeinde ' Die Münchener Kultusgemeinde veranstaltete in der ersten Hälfte dieses Winters eine Reihe von Vorträgen über soziale Fragen, um das soziale Verständnis der Gemeindemitglieder in diesen Notzeiten zu vertiefen. In zwei religiösen Vorträgen in der Synagoge entwickelte zunächst Herr Rabbiner Dr. Baerwald die sozialen Gedanken und Einrichtungen des Judentums. Die klassischen Lehren des Judentums über Nächstenliebe und Förderung des Gemeinwohls wurden von dem Redner systematisch vorgeführt. Von den Vorschriften der Bibel und des Talmud über das Mittelalter zum neueren jüdischen Schrifttum wird dem jüdischen Gemeindemitglied Solidarität und Selbftentäußerung eingeschärft. Der Hauptgrundsah ist dabei die uneingeschränkte Ausdehnung der Betätigung der Nächstenliebe über die Volksmm MM füg DAS PREISWÜRDIGE MÜNCHNER TUCHHAUS |s O NNENSTRASSE PHÖBUSPALAST