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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. Seite 8

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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8 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 der Grazia Nassi, der ersten jüdischen Politikerin, geht als Vertrauensmann ihres Schwiegersohnes Joseph Nassi, des Herzogs von Naxos, nach Liberias, erlebt Anfänge und Mißlingen der Kolonisationsversuche seines Gönners, und darf schließlich sogar die verirrte Jessica wiedcrfinden und in ihren drei Söhnen, die er Abraham, Isaak und Jakob nennt Und als Juden erzieht, sein eigenes jüdisches Fortleben verkörpert sehen. Der Plan des Buches entbehrt nicht einer gewissen Größe, aber die Kraft der Ausführung kann mit dem Entwurf nicht Schritt halten — und so bestehen große Teile des Buches aus ungeformtem historischenr Material. Und dann ... der in Erz gegossene Shylock des Dramas wird bläffer und blässer, je weiter das Buch fortschreitet. Der Greis, der am Herzen seiner Tochter stirbt, mag ins Gan-Cden eingehcn; hinter ihm erhebt sich drohend Shylocks Schatten und spricht „Wer bist Du?" — Denn es ist schließlich doch nicht so leicht, einem Adler eine Feder aus den Flügeln zu reißen . . . „Was man vom Homer gesagt hat, cs lasse sich eher dem Herkules seine Keule als ihm einen Vers «bringen, das läßt sich vollkommen auch vom Shakespeare sagen. Auf die geringste von seinen Gestalten ist ein Stempel gedrückt, welcher gleich der ganzen Welt zuruft: ich bin Shakespeare! Und wehe der fremden Schönheit, die das Herz hat, sich neben sie zu stellen!" Viel fester auf seinem eigenen Boden steht Lewisohn in dem zweiten dieser Bücher, der amerikanischen Gegenwartserzählung „Stephen Escott". Da ist alles scharf gesehen und scharf geformt. Lewisohns eignes Leid und Leben spricht hier zu uns — und ergreift uns. Der Gegensatz zwischen einem ehrlichen Kämpfer für Gerechtigkeit und Menschlichkeit, dem jüdischen Rechtsanwalt David Sampson, und der verlogenen amerikanischen Umwelt, verkörpert durch die Gestalt des Schulfreundes Oliver Adam Clayton, der „von der Bibel spricht und Baumwolle meint". Und die eigenste Tragödie des Verfassers, die unbefriedigende und zermürbende Ehe, die an der Verständnislosigkeit der Gefährtin für das Tiefste und Nächste im Manne scheitern muß. Dieser amerikanischen Tragödie stellt Lewisohn das Bild einer jüdischen Che gegenüber, das bei aller Treue im Kleinen von verklärendem Lichte umstrahlt ist. Ein Sabbatabend im Hause des Mannes, der durch seinen Kampf ums Recht vor den Augen der Welt Schiffbruch gelitten hat, und doch in seinem Hause den Gottesfrieden wieder findet, schließt das Buch harmonisch ab. Als merkwürdigstes unter diesem Dreigespann von Büchern erscheint mir das zeitlich älteste von ihnen, das Drama „Adam", das schon im Jahre 1929 entstand, aber bisher noch vergeblich seiner Uraufführung harrt; obwohl unfern revucgewohnten Augen diese Reihe von zum Teil stark packenden Bildern recht bühnenwirksam erscheint. „Adam" — das bedeutet nicht etwa die Geschichte des ersten Menschen, sondern hinter diesem Adam Elhar verbirgt sich jener bekannte belgische Finanzmann und abttünnige Jude, der Baron Löwenstein, dessen geheimnisvolles Ende — er verschwand aus dem Flugzeug und es ist bis heute nicht geklärt, ob Selbstmord, ob Unglücksfall sein Ende herbeiführte — vor einigen Jahren die Gemüter erregte. Nur diese beiden Tatsachen, der plötzliche Tod eines getauften Juden, scheinen Lewisohn bekannt zu sein. Aber mit großer Kunst baut er daraus die Geschichte eines Abtrünnigen in unserer Zeit. Ohne daß wir diesen Adam Elhar je zu Gesicht bekommen — ähnlich formt Werfel seinen Juarez, der uns auch niemals gegenübertritt —, lernen wir ihn aufs Genaueste kennen. Wir sehen ihn mit den Augen der Umwelt, die ihm mißttaut, mit den Augen der nichtjüdischen Frau, die ihn flieht, mit den Augen seiner jüdischen Brüder, die vergebens um ihn werben. Endlich enthüllt ein Gespräch seiner Eltern im kleinen ostdeutschen Städtchen die Entwicklung des begabten jüdischen Kindes, das über die Eltern hinaus wollte und von den christlichen Schulgenosscn aufs bitterste verletzt, vor Jahren für alle verschwand und als Adam Elhar endlich wieder auftauchte. Und dann schließt den Abtrünnigen Anfang und Ende des Dramas an die Vergangenheit und Zukunft seines Volkes und rnacht aus ihm eine Neugestaltung des Ewigen Juden, der verflucht ist, weil er sich gegen die eigene Seele verging — dem aber Erlösung zuteil werden kann, wenn ein neues jüdisches Geschlecht auf altneuem Boden Blüte der Jugend und Blüte der Kraft willentlich dahingibt, damit jüdische Kinder der Zukunft vor dem Schicksal des Adam Elhar bewahrt „unter den ihren leben — im eigenen Lande — in Frieden." Mag sein, daß diese erste und letzte Szene — der Prolog spielt zwischen Rabbi Akiba und seinen Genossen, die sich zum Märtyrertum bereiten, der Epilog zeigt uns ein junges Menschenpaar in der Kewuzah — allzu unverbunden neben der Haupthandlung stehen. Vielleicht sind auch gerade diese beiden Szenen — offenbar die wichtigsten für ihren Schöpfer — mehr gedacht als geformt. Aber dem dramatischen Wurfe als Ganzem kann die Treffsicherheit und Bühnenwirksamkeit nachgerühmt werden, die schon den Leser des Stückes packt und sicherlich den Zuschauer der Aufführung noch stärker packen würde. — Wir hören, daß Habimah seit langem nach Erweiterung ihres Stoffkreises strebt: ehe man zu Shaw und zu Somerset Maugham greift, sollte man sich um Ludwig Lewisohns Adam bemühen. Denn das andere können die anderen auch. Dies aber ist Fleisch von unserm Fleisch und Blut von unserin Blut. Bertha Badt-Strauß. Schemarja Levin erzählt fein Leben' Schemarja Levin ist vielleicht der letzte „Große Maggid", dessen unsere papierne Zeit sich rühmen kann. Unsere Zeit, die vom vielen Büchermachen übersättigt wie „dermaleinst Koheleth vor den Büchern zu fliehen beginnt" — auf! hinaus ins weite Land — ins Leben. Wenn dieser Mann sein Leben zu erzählen anfängt: wer wollte da nicht zuhören? „Kindheit im Exil" heißt das merkwürdige Buch, das zuerst von dem auch bei uns wohlbekannten Maurice Samuel ins Englische, dann von Elsa Fleischmann ins Deutsche überttagen wurde und in Amerika und England schon Tausende von Lesern fand. Exil? da steck ich schon... Götter im Exil; Helden im Exil; Schemarja Ha-Levi, Sohn des Samuel Chaim Ha-Levi aus Swislowitz — der ist im G o l u s aufgewachsen. Golus lebt in diesem Buche: in einer Farbigkeit und Fülle wie wir sie seit Schalom Asch nicht sahen; in einer Tiefe erfaßt, die Schalom Asch Himer sich läßt. Denn fast zum ersten Male seit den jüdischen Volksbüchern des 17. 1 Schemarja Levin, Kindheit im Exil. .Ernst Rowohlt Verlag, Berlin 1931. Jahrhunderts — der Zcnnc Renne, dem Maassc Buch — ersieht hier wieder bei aller Buntheit und Dichtheit der Gcgenwartsbilder eine Ahnung von der Doppclwelt, in der das Kind des Golus lebt, dem Miteinander und Nebeneinander von Tag und Ewigkeit — Einst und Jetzt — Swislowitz und Ercz Israel. Der Schuljunge träumt eimnal, wie sich das Rote Meer spaltet: das Wasser steigt gleich zwei Mauern in die Höhe, in der Mitte ist ein breiter Sandweg mit Millionen glatter Kieselsteine wie an den Ufern der Sisla. Auf diesem Pfade schreiten die Juden in Feiertagsgewändcrn . . . unter ihnen erkennt er seinen Großvater, den Raw der Stadt, und manche andere vertraute Gestalten. Und es konnnt ihm nicht in den Sinn, daß sein Großvater mit dem Zug durchs Rote Meer nichts zu schaffen hat . . . denn auch er ist — wie die Pessach- Haggada will — selbst mit aus Ägypten in die Freiheit gezogen . . . Wie kann sich diese Doppclwelt in einem Kinderhcrzcn ausbaucn? Denn es ist ja zum Glück durchaus kein Stubenhocker und Musterknabe, der dies große Erlebnis an sich erfährt. Die Wälder rings um seine Heimat mit ihren Bucheckern und Haselnüssen, die Felder mit dem reifenden Getreide, die beiden Flüsse, die der Schuljugend von Swislowitz Gelegenheit zum Schwimmen im Sommer und zum Eisläufen im Winter bieten: alles spricht zu diesem kraftvollen, helläugigen Kinde urit Kaffee-Konditorei Feldherrnhalle n‘beÄ^ Inhabers ADOLF ZIMMER, früherer langjähriger Direktor Hotel Exelsior Fernsprecher Nr. 91447 Wiener Kaffee und nur erstklassige Getränke Feinste eigene Konditoreierzeugnisse mit garantiert reiner Butter! Lieferung frei Haus

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