Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 7 Süddeutschen Jüdischen Landesverbände und im besonderen die herzlichsten Wünsche aus Bayern. Der Herr Vorredner (Rechtsanwalt Dr. Klee, Berlin, Vertreter der Arbeitsgemeinschaft dex Jüdischen Landesverbände des Deutschen Reiches) hat von der vergänglichen Mainlinie gesprochen. Cs möchte einem Außenstehenden vielleicht erstaunlich sein, daß in dem großen deutschen Judentum die süddeutschen Verbände sich zu einer besonderen Gemeinschaft zusammengefunden haben. Allein es entspricht ja unserer Eigenart, daß in dem großen Ganzen die einzelnen Teile ein gewisses Eigenleben führen und doch wieder zum Wohle der Gesamtheit unbedingt und treu zusammenstehen. So haben sich die süddeutschen Verbände zu einer Arbeitsgemeinschaft vereinigt, durch örtliche und nachbarliche Beziehungen zusammengeschlossen und verbunden durch eine mehr geistige und gefühlsmäßige Einstellung zu den Dingen. Wir sehen in der Religionsgemeinschaft Württembergs und ihrer ausgezeichneten Leitung eine Aufbauzelle kulturwilliger Menschen und wir haben das Vertrauen, daß sie in besonderem Maße befruchtend und führend bei der Bildung einer jüdischen Gesamtorganisation im Reiche Mitwirken werden. Wenn wir, wie dies bei den Festen von Jubilaren sich ziemt, an diesern 100jährigen Geburtstag Ihrer Gemeinschaft zurückschauen, da tut sich uns eine Fülle des Segens und kluger, warmherziger, erfolgreicher Arbeit auf; wenn wir aber, was sich gleichfalls ziemt, uns anschicken, dem Geburtstagskinde frohe Jahre der Zukunft zu wünschen, so schwankt ein wenig unser Sinn und es zögert die Sprache und von der freundlichen, hergebrachten Art der Beglückwünschung fällt unser Blick auf das Allgemeine, wir suchen auf den Grund der Dinge und der Menschen zu sehen und die Zukunft unserer Gemeinschaft zu schauen. Das Judentum ist nach seinem Wesen und nach seiner Geschichte die erlebte Überzeugung von der geistigen Welt. Der Gedanke, daß nur Ideen die Menschheit tragen, ist heute erschüttert und zu einem nicht geringen Teile ausgelöscht. Der Festredner dieser Versammlung (Stadtrabbiner Dr. Rieger, Stuttgart) hat ausgeführt, daß es Nacht zu werden scheint. Der Morgen, der kommt, wird sicher nicht ohne Religion sein. Das Judentum ist zu seinem bescheidenen Teil dazu berufen, die Überzeugung von der geistigen Welt in den neuen Morgen mit hinüberzutragen und hier die höchste sittliche und religiöse Kraft zu entfalten. Dem Judentum eignet der Optimismus, aber auch der Wirklichkeitssinn. Es schaut zu den Sternen und bleibt doch auf der Erde haften. Es schaut das Schicksal der Zukunft und bekennt sich mit dem großen deutschen Dichter zu der Arbeit des Tages. Es bekennt sich zu dem Worte seiner Festgebete: Diesen Tag hat uns der Herr gegeben und wir freuen uns an ihm. So löst dieser Tag der Jubelfeier die fteudigsten Gefühle in uns aus, das Gefühl des Dankes und der Anerkennung für das, was Ihr Verband an Werten geschaffen, an Werten werktätiger Liebe und enger Verbundenheit und er weckt in uns das Gefühl der Hoffnung und der Zuversicht, daß Sie diese Werte hüten und weiter entwickeln werden zum Stolze Ihrer schwäbischen Heimat, deutschen Judentums. Dies ist unser Geburtstagsgruß am heutigen Fest. Line Rückkehr Ludwig Lewisohns neueste Bücher: Adam, A dramatic History (New Dork, Harper & Brothers, 1929); Stephen Escott, A Novel (Leipzig, Tauchnitz Verlag); The last days of Shylock, A Novel (New Dork, Harper Lr Brothers, 193l). Leben und Schaffen des Deutsch-Amerikaners und Juden Ludwig Lewisohn zeigt eine fast symbolhafte Bedeutung für unsere Zeit: man müßte diesem Manne seine Aufmerksamkeit zuwenden, auch wenn sein Künstlertum nicht so stark wäre, wie es sich in seinen besten Stunden offenbart. Lewisohn — er selbst hat uns sein Leben einmal erzählt, und seine Werke erzählen es uns immer aufs neue — kommt aus einem jüdischen Hause in Berlin der achtziger Jahre, wo der Weihnachtsbaum statt der Menorah strahlte; Kind einer Generation, der das Deutschtum alles bedeutete — das Judentum nahezu nichts. Früh nach Amerika verpflanzt, gibt er in der ersten Hälfte seines Lebens all seine Kraft der selbstgewählten Aufgabe hin, Vermittler zwischen der Kultur des alten und des neuen Vaterlandes zu sein; auch dies vielleicht im Streben' des Brückenbauens eine typisch jüdische Aufgabe. Er übersetzt eine Reihe der stärksten deutschen Dichter in die neue Muttersprache, die er bald wie wenige echtbürtige Amerikaner meistert; er ist der Kritiker des führenden literarischen Organs — fast eine Stellung, wie sie etwa Maximilan Harden in Vorkriegszeiten in Deutschland einnahm. Sein Weg scheint vorgezeichnet. Da aber bricht der Krieg aus, und tut Lauf dieser vier Jahre zeigt sich ihm immer deutlicher das amerikanische Antlitz — und sein eigenes Antlitz. Es ist eine dieser umstürzenden Erkenntnisse, die Dante meint „nel mezzo del camin..mitten auf dem Wege unseres Lebens. Mit plötzlich schmerzhafter Klarheit erkennt er, daß er Jude ist, und daß er in diesem einst so gastlichen Lande einsam ist wie in der Wüste. Aus diesem Paulus wird wieder der Saulus, der seiner Väter gedenkt und als Glied sich an die unendliche Kette reiht. Zuerst freilich scheint diese blitzartige Einsicht ihn zu zerschmettern. Eignes trübstes Erlebnis einer unglücklichen Che, deren Tragik ihn in den Augen der moralheuchelnden bürgerlichen Welt Amerikas verfehmt, kommt dazu: der Schluß seines ersten Bekenntnisbuches „Upstream“ („Gegen den Strom") atmet vollkommene Ratlosigkeit. Aber er findet seinen Weg, und dieser Weg heißt — Israel. Don nun an kann er kein Wort mehr schreiben, ohne daß die Sphinx jüdischen Schicksals ihm mit ihrem Rätsel gegenwärtig ist. Da erlebt er einen „Römischen Sommer" mit Glut und Sonnenuntergängen in der Campagna; der Sohn des alten Volkes aber sieht von der Herrlichkeit des antiken Rom, von allen Göttern und Tempeln zuerst und zuletzt den Titusbogen und in ihm das Denkmal der Erinnerung an den Unglückstag Jerusalems. Denn er entdeckte in seiner Brust jenes „Eiland im Innern", wie der Titel seines bekanntesten Buches es faßt. In der Entwicklungsgeschichte einer jüdischen Familie stellte er dann das „Erbe im Blut" dar, das sein ganzes Leben von nun an beherrschte. Seit diesem diesseits und jenseits des Ozeans vielgelesenen Buche hat nun Ludwig Lewisohn eine Reihe von neuen Büchern geschaffen, jedes von ihnen lebendiger Ausdruck jüdischer Seele: es ist, als ob ein lang versiegelter Brunnen durch Zauberkraft plötzlich wieder zu strömen beginne —> der rauscht nun doppelt machtvoll, als wolle er alles schmerzlich Versäumte nachholen. Zuerst erschien die Fortführung seiner bereits erwähnten Lebensbeichte „Midchannel", die Geschichte seiner Wanderungen zu den Juden in aller Welt. Nun aber gesellten sich zu ihm in rascher Folge noch zwei Romane und — zum ersten Male in seinem Schaffen: ein Drama „The last days ok Shylock“* heißt das erste dieser Bücher. Cm Roman — und doch kein Roman. Lewisohn hatte den kühnen — allzu kühnen! — Einfall, den Wegen des Shakespeareschen Juden von Venedig mit jüdischen Augen nachzusehen. Ein Gedanke, der in alter und neuer Zeit manch fühlendes Herz verfolgt hat; mancher wird hier an die schöne Engländerin denken, die in Heines „Jessica" der Überzeugung des Dichters Worte verleiht „The poor man is wronged!“ — „Dem armen Manne geschieht Unrecht!" ruft sie und kann sich nicht beruhigen. Lewisohn geht andere Wege. Ohne sich auf die Probleme des Dramas selbst einzulassen, verfolgt er den doppelt beraubten Juden, der um sein Recht und um seine Tochter betrogen wurde, seit dem Augenblick, da der Vorhang auf der Bühne fällt —• und manch jüdisches Herz im Auftuhr zurückläßt. So erspart er sich den ewigen Kampf mit Shakespeare um die innere Gerechtigkeit seines Dramas, der überall dort ausgetragen wird, wo jüdische Augen dies schöne Monstrum anschauen — es will uns scheinen, als ob dieser Kampf auch im Herzen der jüdischen Darsteller des Shylock brennt und die Gestalt eines Schildkraut, eines Kormer so unvergeßlich machte; und gelangt auf seinem eigenen Wege zu einer neuen Art von poetischer Gerechtigkeit, die ihm zugleich vergönnt, die verschlungenen Pfade der jüdischen zeitgenössischen Geschichte an der Hand dieses millebenden Wegweisers zu wandeln. Shylock vermag, nachdem er in grauenvoll erschütternder Szene in San Marco sich der Taufe unterwerfen mußte, durch die Hilfe seiner jüdischen Brüder zu fliehen; er wird Geschäftsführer * Die deutsche Ausgabe erschien soeben unter dem Titel „S ch e i l o ck s letzte Tag e" im Verlag von Paul List in Leipzig und wurde hier unter „Büchcrschau" (Jg. VII, Nr. 24) bereits besprochen.