Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. Seite 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2727810-2727950-2727951--08467-2741654
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

6 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 den Zeiten, da das Christentum lebendig war, mehr als bloße Anhänger ihres Clans und ihrer Volkssippe. Sobald das Christentum nur ausnahmsweise das volle Leben der Seele dem einzelnen Volksgenossen spendet, ist ein anderer Aufruf und Anruf zur Volksmenschlichkeit vonnöten. Er ist im Dasein des Juden gesetzt, denn er zwingt den Eingeborenen dazu, das Menschliche jenseits des tierischen zu suchen. Auf der Basis des bloß Natürlichen bleiben sich Jude und Heide fremd. In der Seele können sie einander begegnen. Die französische Revolution hat den weltlichen Staat geschaffen. Im Weltkrieg beanspruchte die französische Republik keine Gebete für den Sieg ihrer Waffen — wie die französischen Protestanten uns Deutschen wegen unseres „deutschen" Gottes gern vorgehalten haben. — Dieser weltliche Staat bewährt sich also im konkreten Fall daran, ob er gleiches Recht bei Christen und Nichtchristen gewährt. Deshalb ist die Affäre Dreyfus von solcher Wichtigkeit geworden. Um einen geschehenen Verrat zu decken, wurde ein unschuldiger, aber jüdischer Hauptmann als Spion verurteilt. Alle alten Mächte Frankreichs, Royalisten, Adel, Militär, Klerus, das ancien regime stand geschlossen gegen Dreyfus. Alles Moderne, alles Republikanische, Zola, France, die Liga für die Menschenrechte standen für Dreyfus. L'humanite hieß die Zeitung, in der Zola sein us,daskI'accuse L’humanite hieß die Zeitung, in der Zola sein J’accuse veröffentlichte. Die Ideen von 1789 triumphierten keineswegs in vollem Umfange — Dreyfus ist zuerst nur begnadigt worden! Das katholische Frankreich, Heer und Kirche, zeigten, wie mächtig sie noch waren. Aber daö bürgerliche Frankreich hatte dennoch in der Affäre seine Probe bestanden, daß es ihm ernst war mit seiner Idee der Humanität, mit seiner Verwirklichung der Iudenemanzipation. Hundertjahrfeier der luden in Württemberg Die Israelitische Religionsgemeinschaft Württembergs hatte arn Sonntag, dem 13. Dezember 1931, einen großen Tag. Nachdem am Sabbat eine gottesdienstliche Feier in den Synagogen des Landes vorangegangen war, beging sie die hundertste Wiederkehr des Tages, an dem die Israelitische Oberkirchenbehörde zu ihrer ersten Sitzung zusammengetreten war, durch einen Festakt in Stuttgart, bei dem sich die Glaubensgenossen aus Stadt und Land in überaus großer Anzahl, die Vorsitzenden und Mitglieder der Vorsteherämter, die Rabbiner und Religionslehrer mit den Mitgliedern der Israelitischen Landcsversammlung und des Oberrats selbst und zahlreichen Ehrengästen, mit dem württembergischen Staatspräsidenten Dr. Bolz an der Spitze, zusammenfanden. Als solche waren weiter der württembergische Kultusminister Dr. Bazille, der Vizepräsident des Württembergischen Landtags R.-A. Dr. Göz, Ministerialdirektor Dr. Meyding vom Kultusministerium, Polizeipräsident Dr. Klaiber, Oberbürgermeister Dr. Lautenschlager (Stuttgart), Vertreter des Evangelischen Kirchenpräsidenten — das Bischöliche Ordinariat hatte Glückwünsche gesandt —, des Wehrkreiskommandos, der Oberrechnungskammer, der Hochschulen von Tübingen, Stuttgart und Hohenheim, der Minisierialabteilung für die höheren Schulen, des Evangelischen und Katholischen Oberschulrats sowie des Preußischen und Bayerischen Landesverbandes israelitischer Gemeinden und des Oberrats der Israeliten Badens erschienen. Nach einer weihevollen Einleitung durch Werke des jüdischen Komponisten Salomone Rossi Cbreo (1567—1628), der im Zeitalter Paläsirinas in Mantua gewirkt hat und von dem eine vierstimmige Hymne „Adon olam"" von Mitgliedern der Jüdischen Gemeinde Stuttgart klangschön zu Gehör gebracht wurde, begrüßte der Präsident des Oberrats, Ministerialrat Dr. Hirsch, die Festversammlung, die er als ein Spiegelbild des eigentümlichen Gepräges des Württembergischen Oberrats bezeichnete. Der Redner beschrieb dann im einzelnen Wesen und Entwicklung dieser Organisation. Er kündigte ferner das Erscheinen einer Geschichte der Württembergischen Israelitischen Oberkirchenbehörde und eines Bilderwerks mit Aufnahmen jüdischer Gotteshäuser und Friedhöfe und mit Nachweisen über das Alter aller jüdischen Siedlungen in Württemberg an, das die Verbundenheit der Juden mit schwäbischem und deutschem Boden recht eigentlich vor Augen führen werde. Er schloß mit der Erklärung, daß der Israelitische Oberrat ein bescheidenes, aber festes Glied in der Kette sein und bleiben wolle, die unser Volk in allen seinen Gruppen zu hingebender Arbeit zu neuem Gedeihen unzerreißbar zusammenschmieden solle. Die Festrede hielt das theologische Mitglied des Oberrats, Stadtrabbiner Dr. Rieger, der die Entwicklung vom Schutzjuden zum freien, gleichberechtigten Staatsbürger und vom Staatskirchentum zum freien Kirchenwesen, insbesondere in Württemberg, umriß, die Entstehung der ehemaligen Oberkirchenbehördc, als eines von einem nichtjüdischen Beamten geleiteten Kollegiums von Laien unter Hinzuziehung eines jüdischen Theologen, die Entwicklung dieser Behörde bis heute und ihre Bedeutung für die württembergische Iudenheit darstellte und die schwäbische Note, die ihr Wirken immer gehabt habe, betonte. Hieraus folgte eine große Reihe von Begrüßungsansprachen. Staatspräsident Dr. Bolz hob hervor, daß der württembergische Staat, indem er die israelitischen Gemeinden Württembergs vor 100 Iahren zu einer Einheit zusammengeschlosscn und seither die Israelitische Religionsgemeinschaft neben den christlichen Kirchen gefördert habe, nur seiner Pflicht zur Unterstützung und zum Schutz der religiösen und kulturellen Werte entsprochen habe. Sie werde er auch in Zukunft erfüllen. Er rühmte anerkennend Geschichte, Tradition und reiche Früchte des Judentums. Namens der Regierung, die vor einigen Fahren anläßlich des Bischofswechsels in Rottenburg und des Reformations-Jubiläums auch die katholische und evangelische Kirche bedacht hatte, übergab er dem Obcrrat eine Geldspende. Die Wünsche des Landtags überbrachte Vizepräsident Dr. Göz, Oberbürgermeister Dr. Lautenschlager gratulierte für die Stadt Stuttgart, R.-A. Dr. Hayum für die Israelitische Landesversammlung, N.A. Dr. Gumbel (Heilbronn) für sämtliche Gemeinden Württembergs, in deren Auftrag er eine Jubiläumsstiftung von 5000 NM. zur Ausbildung bedürftiger Juden in Handwerk und Landwirtschaft überbrachte. Bezirksrabbiner Dr. Tänzer (Göppingen) überbrachtc die Wünsche des Württembcrgischen Rabbinervcrbandes, Direktor Rothschild (Eßlingen) die der Religionslehrer, R.-A. Dr. Klee (Berlin) sprach für die Reichsarbeitsgemeinschaft, den „Preußischen Landesverband" und die Jüdische Gemeinde Berlin. Die Begrüßungsansprachen wurden in würdiger Weise gekrönt durch die Rede von Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer (München) für die „Süddeutsche Arbeitsgemeinschaft" und den Bayernverband. Wir lassen den Wortlaut der Rede folgen: Sehr geehrte Festversammlung! Ich bringe dem Oberrat und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs die wärmsten Glückwünsche der Arbeitsgemeinschaft der Verkaufsstellen 2 Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 370646 Glückstraße 10 Fernsprecher 2 96944 Thiersdistraße 19 Fernsprecher 220 82 Franz-Josef-Straße 29 Fernsprecher 30452 SchleißheimerStraßelOO Fernsprecher 370 326 Winzererstraße 92 ßelgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur BoschhofsVorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-VerkaufszentraleSchleißheimer Straße 100/ Tel. 370326

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.