Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 8 (1932)
- Issue
- 1 (1.1.1932)
- Date
- 1932-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung damit hat sie die Rückkehr ins anoien reZirne endgültig vereitelt. Als Napoleon 1804 Kaiser wurde, da bestand die Gefahr, daß er selbst — vom Papste geweiht — legitim wie ein Bourbone enden könnte. Sein neuer Adel, sein Konkordat mit Rom, alles wies in diese Richtung. Aber Napoleon ist ein Kind der Revolution. Die große Leidenschaft zu Iosephine trägt ihn empor. Man hat von ihm sagen können: seine Feldzüge in Italien seien nur ein einziges Geschenk der Liebesraserei, ein großes Huldigungsgedicht an Iosephine. Er ist also genial wie der Geist von 1789, er ist ein Mensch des eigenen Vollbringenö: „In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne." Napoleon also beweist die Allgemeingültigkeit des Menschentums. Er beruft 1803 den großen Sanhedrin der Juden — die am zahlreichsten im Elsaß waren, im ganzen nicht 100 000 — und gibt ihnen die staatsbürgerliche Gleichheit. Er reiht sie ins Heer ein. Börne kann Beamter werden unter der Franzosenherrschaft, während ihn die deutschgewordene Reichsstadt erneut ins Ghetto verschicken will. Der Vater von Karl Marx kann Notar werden in Trier, ohne daß diese Männer ihren Glauben abschwören müssen. Viele von ihnen lassen sich aber aus Dankbarkeit taufen. Die Judenemanzipation in Europa beginnt. Ricardo und Marx erforschen das Wirtschaftsleben. Disraeli und Kardinal Newman erneuern das alte Leben in England, Gabriel Riesser, Eduard von Simson, Julius Stahl, Eduard Lasker werden Vorkämpfer des modernen Nation- und Staatsgedankens in Deutschland. In Frankreichs politisches Leben ist außer Gambetta wohl kein Mann ersten Ranges aus dem jüdischen Lager gekommen. In diesem Lande war aber die Iudenemanzipation das Siegel unter die Religionsfreiheit von 1789. Die Juden erlangen nicht wegen der Verdienste einiger tüchtiger Juden die Emanzipation, weder Moses Mendelssohns, noch der Rothschilds, noch Heinrich Heines wegen. Diese ganze Erörterung über Fehler und Vorzüge einzelner von ihnen schied ganz aus. Sie sind im ganzen emanzipiert worden als Menschen, als die ersten Nichtchriften, deren man habhaft werden konnte, um die Redlichkeit der eigenen Humanität zu erweisen. So wie d'Alembert dem alten Fritz wegen MoseS Mendelssohn das Witzwort schrieb, er sende ihm „comme philosophe mauvais catholique au philosophe mauvais Protestant un philosophe mauvais juif“. D'Alembert irrte sich in Mendelssohn, aber der Zeitgeist der philosophischen Revolution hat so argumentiert. Natürlich kam der Emanzipation die wirtschaftliche Zuordnung von Juden und Großbürgern zustatten. Aber se allein hätte ja genau so gut im entgegengesetzten Sinne wirken können, nämlich im Sinne der Niederhaltung der Konkurrenz. Wie haben die lutherischen Patrizier der Reichsstädte etwa die reformierten Kaufleute als Konkurrenten niedergehalten und schikaniert! Erst 1780 - also fast gleichzeitig mit dem Baftillesturm — durften die reformierten reichen Handelsherrn sich in Frankfurt eine Kirche bauen. Die Konkurrenzgefahr hätte also auch den Juden gegenüber sicher die nun herrschende Klasse, die Bourgeoisie, bewegen müssen, die Juden nicht.einzubürgern. Man erklärt heut gern das Wesen der Juden durch ihre wirtschaftliche Funktion als Händlervolk. Das stellt die Tatsachen auf den Kopf. Denn im Handel haben die Juden stets christliche Konkurrenten gehabt, auch im Geldgeschäft. Sondern der Handel war die nächste Lebensform, um sich unter den Völkern dieser Erde als erdloses Volk zu behaupten. Die Fortdauer der Synagoge, des ewigen Juden, des Volkes Israel ist aus keiner Wirtschaftsfunklion allein erklärt. Essen mußten sie natürlich. Und so haben sie die verkümmertste und allgemeinste Funktion ergriffen. Aber um als Juden zu existieren, nicht um als Wirtschaftsorgane zu funktionieren. Niemand hat übrigens grimmiger über den Juden als Wirtschaftsfaktor geurteilt als Karl Marx. Er, der Zögling der französischen Aufklärung, verdammte ihre kapitalistische Funktion und erkannte eine andere, die jüdische, so wenig an wie seine Lehrmeister. Auch er verlangt daher das Verschwinden des Juden. Die Rolle der Juden in der Wirtschaft entspringt aber der Aufgabe der Juden. Man kann kurz sagen: Wenn die Juden eine Mission haben, müssen sie sich irgendwie auch erhalten. Trotzdem sie hierbei Konkurrenten der Christen sind, werden sie emanzipiert. Denn nicht die Selbstsucht ist die Mutter der Revolutionen, sondern die Selbftvergessenheit. Die Bourgeoisie forderte das Opfer aller Privilegien am 4. August 1789 von den ersten Ständen. Und Adel und Klerus entsagten ihren Vorrechten. Der dritte Stand konnte daher nicht murren, als auch er sein Privileg opfern und in Verfolg der eigenen Grundsätze nun den jüdischen Konkurrenten einlassen mußte. Er konnte nicht murren. Einzelne haben gemurrt. Alle Kleinbürger sind Antisemiten. Die Antisemitismus wird weitgehend genährt von dem Wunsche, einen überlegenen, fleißigen, gefälligen Konkurrenten zu dämpfen und zu hindern. Aber der dritte Stand als ganzer war an seine Glaubenssprache gebunden. Sein Katechismus der Menschenrechte duldete keine Ausnahme; dort wo Vermögen und Moral sind, dort war auch der Bürger des neuen Gemeinwesens gegeben. Die großartige weltgeschichtliche Folge der Iudenemanzipation war - wie immer das Großartige — Folge, nicht Absicht dieser Tat. Das erste, zweite und dritte Menschenalter hat geglaubt, die Iudenfrage sei nun gelöst. Die Juden gingen unter den Völkern auf. Das ist nicht geschehen. Denn die Juden sind ja den Völkern dieser Welt beigesellt, solange bis diese wirkliche Christen geworden sind. Solange wird es Juden, Christen und Heiden geben. Das Große seit 1789 ist nun, daß die Offenbarung an die Heiden nicht mehr allein durch die Kirche herangebracht wird, sondern auch und unmittelbar durch die Juden. Die Juden sind den Christen gleichzeitig geworden. Bis 1789 waren sie durchaus nur Zuchtmeister auf Jesus Christus hin, den die Kirche den Menschen brachte. Die Kirche hat weitgehend aufgehört, als Offenbarungsträgerin an die Menschen heranzukommen, aber an die, die die Kirche verwerfen, kommen die Juden heran, zu Liebe und zu Leide, immer als harte Tatsache. Das Dasein der Juden ist so tatsächlich, wie das eines römischen Kardinals oder eines Mönches. Die Philosophen und das Jahrhundert der bürgerlichen Philosophie, das neunzehnte, haben von der Kirche keine Belehrung mehr angenommen. Das Dasein einer jüdischen Frage gibt die Möglichkeit, den Geist der Philosophen von einer ihnen ganz unerwarteten Seite her zu missionieren, nämlich den Glauben der Christen an den lebendigen Gott, der da sein wird, der er sein wird, in der verachteten jüdischen Synagoge wieder zu entdecken, so wie es gerade in Frankreich dem katholischen Paktiere ergangen ist. Er entdeckte, dort wo die Revolution Adam gesucht hatte, „das unbekannte Heiligtum". Die Iudenemanzipation hat aber noch eine andere Wirkung gehabt. Sie hat neben die Schichtung in Landschaften und Landsmannschaften in dem jüdischen Menschenschlag jeder Nation einen „Grenzstamm", wie ihn ein Jude genannt bat, beigesellt, einen Grenzslamm, der sie tatsächlich auf ihre allgemeine menschliche, ihre ökonomische Weltbedeutung festtegt. Der Jude wird französischer, englischer, deutscher Jude. Und jede Nation hat die Juden, die sie verdient. Aber jeder Jude, genau wie jeder Christ, ist mehr als Franzose, Engländer und Deutscher. Auch der englische Christ, der französische Christ, der deutsche Christ waren in