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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. Seite 4

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 1 die einen möglichst unbefangenen und unmittelbaren Blick für das verrät, was hier tatsächlich vor sich gegangen ist. Wir stoßen auf dieser Suche auf ein höchst aktuelles, erregendes Grundwerk: „Die europäischen Revolutionen — Volkscharakterc und Staate nbildung" von Eugen Rosenstock (Verlag Eugen Diedcrichs, Jena 1931). Ein dickleibiges Werk, das nichts geringeres ist als eine vergleichende Geschichte der Revolutionen, von der ersten großen europäischen Revolution an, dem Kampf, den Gregor VH. im 11.Jahrhundert dem Kaisertum ansagte, über die Reformation, die englische Parlamcntsrevolution, die französische Revolution, die Revolution der deutschen Großmächte bis zur bolschewistischen. Das einzelne revolutionäre Ereignis ist bei dieser Darstellung ganz sekundär; dem Verfasser ist es vielmehr um die Ablaufgcsctze, um den Sinn der äußeren Geschehnisse, um die allen Zeiten gemeinsamen menschlichen Gesetzmäßigkeiten zu tun. Als grundstürzcndes echt revolutionäres Ereignis wird in dieser Darstellung die Iudcncmänzipation gedeutet. Eugen R o s c n st o ck ist ein berühmter christlicher Historiker, Jurist und Soziologe; er wirkt als ordentlicher Professor an der Universität -Breslau. Seine Arbeiten aus den genannten Gebieten sind anerkannte wissenschaftliche Leistungen, deren Wirkung weit über die Fachkreise reicht. In dein großen dreibändigen Sanrmclwcrk „Das Alter der Kirche", in seinen Aufsätzen im „Hochland", zuletzt in der wichtigen Abhandlung „Sitte und Symbol als Lebensinächte" („Erziehung", Jahrgang 1929) hat sich Rosenstock als glänzender und tiefer Schriftsteller erwiesen. Aber seine bisherigen Bemühungen werden von dieser faszinierenden Soziologie der europäischen Völker in den letzten 1000 Jahren übcrtroffen. Die Rolle, die dabei der Eintritt der Juden in die abendländische Welt als gleichberechtigter „Bürger" (im Gegensatz zu den bis dahin gültigen christlichen Vorstellungen) spielt, behandelt der Verfasser in dem folgenden Abschnitt. Der Stolz des Menschen sagt: Die moralische Kraft der einzelnen kann die Welt auch ordnen und besser ordnen als die Mächte des ancien regime. Wenn das wahr ist, so muß der moralische Mensch an sich zum Bürger 'dieser Welt befähigt sein. Die Revolutionen des Auslandes waren christliche Revolutionen gewesen. Das war notwendig deshalb, weil sie alle eine Antwort geben wollten auf die Mission der Kirche. Alle Revolutionen sind der Widerhall aus der Völkerwelt aus die christliche Predigt. Die Völker sind getauft worden. Nun sind sie begierig, ihren Menschen bervorzubringen, das verheißene Ebenbild. Kein Wunder, daß dieser Widerhall im Kreuzzugszeitalter, im Kampf von Ghibellinen und Guelsen, in der Reformation christliche Züge trägt. Dankbar erwidert man in der Sprache der Einladenden. Und doch war schon das Vokabular innerhalb dieser christlichen Nationalantworten mitnichten einheitlich gewesen. Kirchlich sprach Innozenz III., wie ein Kirchenvater, evangelisch will Luther sprechen. Alttestamentlich reden die Puritaner. Fühlt Luther sich als der wiedergekehrte Apostel Paulus, so wollen die Engländer so etwas wie die verlorengegangenen zehn Stämme Israels sein. Vor mir liegt der Spectator vom 24. Mai 1930, wo der Anglo-IsraelitismuS in einer Anzeige von zwölf Spalten erneut proklamiert wird. Auch die französische Revolution gibt Antwort. Auch sie will -vollenden, was verheißen ist. Die großen Ideen der Menschheit sollen Wirklichkeit werden. Wer kann Träger der Ideen von 1789 sein? Patristik, Altes und Neues Testament sind verbraucht. Auf die Offenbarung kann diesmal nur eine Sprache antworten, die selbständig der religiösen Sprache entgegentritt. Jede Revolution übersetzt die frohe Botschaft in ihre Sprache. Nicht nur Luther hat die Bibel übersetzt. Giotto und Cromwell baden das auch getan. Auch die französische Revolution übersetzt - sie übersetzt in die Sprache der Menschlichkeit. Die Humanität wird die Religion von 1789. Die Menschenrechte sind ihre Dogmen. Diese Sprache der Menschlichkeit ist eine Verbindung philosophischer Gedanken aus Hellas und Rom mit mohammedanisch deistischen Vokabeln. Goethe dichtet ganz im Sinne der Weltbürger von 1789: Allah braucht nicht mehr zu schaffen; wir erschaffen seine Welt. Paris, die alte christliche Theologenhochburg, wird das „Mekka" der Zivilisation. Der große Weltenmeister taucht in Schillers Lied an die Freude auf. Überall wird der christlich-religiösen Sprache ausgewichen. 0 Daneben greift man auf Griechen und Römer zurück: Napoleon wird Cäsar, Andre Chenier dichtet wie Horaz und Tibull, Xenien, Distichen, Elegien, Epigramme beherrschen die schöne Literatur. Winkelmanns Klassik bleibt kein Buch. Sie ist die große Mode in den Pariser Salons des Empire. Aber die Humanität herrscht, und die Klassik dient ihr nur als Ausdrucksmittel! Wo daher Klassik und Natur in Widerstreit geraten, muß die Klassik der Natur weichen. Bald wird die Klassik sogar von den Romantikern benutzt, um die Flammen der Revolution zu dämpfen, die Humanität kann dann auch ohne Klassik auskommen. Sie entwickelt immer reiner eine „menschliche" Sprache des Wahren, Guten, Schönen; abgelöft von antiken oder außereuropäischen Attributen wirkt sie um so reifer und selbstsicherer. Fast alle nichtrussischen Sozialisten Europas sprechen heute diese humane Sprache; Ramsay MacDonald, Briand, Eduard Bernstein sind die letzten großen Humanisten. Freilich diese ethische Sprache des Humanismus bleibt eine halbe Sprache, wo sie nicht Anleihen bei Apollon, den Grazien und Musen, Allah oder Zarathustra aufnehmen kann. Sie hat nämlich keine Namen. „Ich habe häufig die Bemerkung gemacht, daß die gegenwärtige Generation die Gabe, Namen zu geben, verloren hat — Was für ein Talent ist denn besonders erforderlich, um einen Namen zu geben? Eine gewisse geniale Einsicht, der sich irgendeine wahre Eigenschaft des Dinges offenbart. Sehr wenig genügt; aber ein wenig muß davon sein. Wir können jetzt nicht einmal mehr Spottnamen erfinden" (Carlyle). In einer Waren produzierenden, Produkte ausftellenden und Güter konsumierenden Gesellschaft bleiben alle Dinge namenlos abstrakt. Und deshalb ist die Sprache dieser Idealisten, Ethiker, Pazifisten gefüllt von Gemeinplätzen und ohne Farbe. Von Robespierre bis zu Gambetta und Clemenceau spricht man leicht diese Sprache der abstrakten Tugenden. Auch Viktor Hugo ist immer wieder dieser Klippe der Deklamation erlegen. Die ,,menschliche", die humane Sprache ist eine Sprache, aus deren Zauberkreis alle Dinge draußen bleiben müssen. Die rein menschliche Welt kann sie umfassen. Aber während die Schöpfung draußen auch Namen trug, Tausendgüldenkraut, Maßliebchen, Ochs und Esel, kann der Bürger die Dinge entweder nur griechisch-römisch oder statistisch erfassen. Jenes ist eine auf Waren ausgeklebte Etikette, dieses eine abstrakte Zahl. Aber dieser Mensch von 1789 bleibt kein Abstraktum. Die „humane" Antwort der Franzosen auf die ökumenische Mission des Christentums wird saus phrase gegeben. Den Menschen abzüglich seiner Religion, den moralischen Menschen gilt es vorzuzeigen: Adam, der natürliche Mensch, wird als Träger der Menschenrechte im 18. Jahrhundert gern angeführt. Adam, der Mensch vor der Rassentrennung, vor Abraham und Noah. Jeder ist dieser natürliche Mensch. Man weiß, wie sehr die Franzosen ihre Schwarzen kajolieren. Keine Nation ist so weitherzig in der Negerfrage. Aber zuerst wurde sie auf eine direktere Probe gestellt. Die „natürliche" Revolution stößt an das große Ärgernis der Christenheit. Und, treu ihrer Sendung, emanzipiert die französische Revolution die Juden. Damit und vielleicht nur

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