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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1932-01-01 · 1 (1.1.1932) · p. Seite 3

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
8 (1932)
Issue
1 (1.1.1932)
Date
1932-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 1 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 3 von Percikowitsch, um einen ersten Begriff von der Stoffbehandlung zu geben. Die modernste, allgemein verständliche Orientierung über arabisch-klassische Poesie bietet heute das schöne Werk des 1917 verstorbenen Baseler Professors für orientalische Sprachen, A. M e z: „Die Renaissance des Islams" (Heidelberg, Winter, 1922; besonders S. 244 ff.). Das Problem der Literaturübertragungen ist von größter Bedeutung für die Entwicklung jedes Schrifttums. Ein Volk, das fremde Geistesprodukte in seine Sprache überträgt, schafft sich damit eine Quelle der Bereicherung, Erneuerung und des Fortschrittes. Eine Übersetzung in, wahren Sinne ist jedoch allein bei einem Volke höherer Kultur möglich; denn nur ein solches kann die Feinheiten der fremden Sprache und des fremden Geistes erfassen, sprachlich wiedergeben und zu seinem geistigen Eigentun, machen. Das Judentum, vor allen, das nachbiblische, ist darin einen besonderen, eigenartigen Weg gegangen. In verschiedene Erdteile und Länder zerstreut, wurden die Juden von fast allen großen Kulturen der Erde beeinflußt; ihre Literatur hat beinahe alle großen Ereignisse des geistigen Lebens der Menschheit in sich ausgenommen. „Griechische Weisheit, persische Religionsanschauung, römisches Recht, arabische Philosophie, spanische Poesie, deutsche Sagenkreise: alles assimiliert sich dieser Literatur und alles reiht diese an die Bibel.... an" (Karpeles). Die Juden haben verschiedenartige Literaturen ausgenommen und sie auf ihrem Wandcrweg in der Diaspora, von Land zu Land, auch anderen Völkern zugänglich gemacht. Eine bedeutende Rolle spielt in der Geschichte der Literaturübertragungen der Juden die geistig-fruchtbare Periode der jüdisch-arabischen Literatur in Spanien. Die Epoche der arabischen Herrschaft war für das kulturelle Leben dieses Landes eine glanzvolle Zeit. Unter den Omajjaden (750—1031) begannen sich dort Wissenschaft und Kunst, Philosophie und Poesie zu entwickeln. Damit nahm auch das geistige Leben der spanischen Juden einen großen Aufschwung und gelangte zu voller Blüte. In der Geschichte der Juden und ihrer Literatur in Spanien bezeichnet man die spanische Periode des XI. und XII. Jahrhunderts als „das goldene Zeitalter". Neben anderen Geistesarbeiten wurde auch die Kunst, aus dem Arabischen ins Hebräische zu übersetzen, sehr gepflegt. Diese „Übersctzungspcriode", die sich hauptsächlich über das XII. und XIII. Jahrhundert ausdehnt, und ihre Bedeutung für die Poesie und Wissenschaft der Folgezeit ist noch nicht genügend erforscht und gewürdigt. M. Steinschneider hat durch sein enzyklopädisches Werk „Die hebräischen Übersetzungen des Mittelalters" sehr viel zu dieser Forschung beigetragen. In dieser Blütezeit der Übersetzungen treten besonders die Übersetzer aus der Familie Jbn-Tibbon und Al-Charisi hervor. Die Tibboniden befaßten sich nur mit wissenschaftlichen Werken als übcrsetzungsstoff, während Al-Charisi nicht nur Werke mit philosophischen, theologischen und medizinischen, sondern auch ein Werk mit poetischem Inhalt übersetzt hat, nämlich die Makamen des Al-Hariri. Die Makame spielt eine bedeutende Rolle in der hebräischen Literatur. Mit ihrer Einführung in die jüdische Welt durch Jehuda ben Schelomo al-Charisi um 1213—16 war sie eine Zeitlang die herrschende Form in der profanen Literatur. Al-Charisi war der erste, aber nicht der letzte, der sich diese Literaturforn, zu eigen machte: Über 50 Dichter bedienten sich ihrer. Auch in der neuen hebräischen Poesie erwachte das Interesse für die Makame. Der bedeutendste jüdische Dichter der Gegenwart, Chajim Nachman Bialik hat 1928 ein Märchen in, Stile der mittelalterlichen Makame verfaßt. Die Makame ist keine jüdische Literaturforn,, sic wurde vielmehr von den Arabern übernommen. Um 800 n. Chr. setzte eine mächtige Gärung in der arabischen Literatur ein, eine Reaktion gegen die überlieferten, längst nicht mehr genügenden Formen des Schrifttunrs. Gefördert durch den Verkehr mit der persichen Bevölkerung nach der Ausbreitung des Islams entsteht eine weltliche, städtische Kultur. Die aus ganz anderen Lebensverhälmissen entstandene alte Poesie verliert an Bedeutung und das Verlangen nach neuen Formen und Inhalten wird dringend. Altes Seltsame, bisher Unbekannte, vor allem Geistreiche zieht man der früheren ruhig-bedächtigen Schreibweise vor. Cs erwacht auch ein starkes Interesse für die Sitten der städtischen Bevölkerung, namentlich für die untersten Stände. Ein zweiter Faktor, welcher neben der neuen Geschmacksrichtung für die Entstehung der Makamenform von bestimmender Bedeutung war, ist die Entwicklung der Reimprosa, der uralten Kunstform der Araber, die in den ersten zwei Jahrhunderten des Islams verpönt war. Ursprünglich bedeutet das arabische Wort „M a k a m e" (al-Makamah — DlpQ — Ort) einen Versammlungsort zum Zwecke der Unicrhaltung. Später bezeichnet dieses Wort die Unterhaltung selbst, bzw. einen Vortrag oder eine Predigt, und endlich seit seiner Verwendung durch Al-Hamadani (968—1007) in dem Titel seines Werkes eine geistreiche Unterhaltung, die zu einer besonderen Art der arabischen Poesie geworden ist. Diese Art der Poesie ist ihrer Form nach eine dramatische Erzählung in Reim Prosa abwechselnd mit Gedichten. Inhaltlich gibt die Makame meistens ein unkompliziertes Abenteuer wieder, an dem hauptsächlich zwei Helden beteiligt sind. Der erste Vertreter der Makame war der Dichter Al-Hamadani. Seine Makamen haben zu ihrer Zeit so großes Aufsehen erregt, daß er „Wunder der Zeit" genannt wurde. Den Höhepunkt ihrer Entwicklung aber erreichte die Makame 100 Jahre später mit dem klassischen Werke des Al-Hariri aus Basra (1054/5—1121/3), deutsch übersetzt von Friedrich' R ü ck e r t. Der Dichter und Übersetzer Jehuda ben Schlomo Al- Charisi, wahrscheinlich aus Granada (geb. zwischen 1165—70, gelt, um 1225—55), übertrug aus Verlangen von jüdischen Mäzenen aus Spanien die Makamcn des arabischen Dichters Al-Hariri aus Basra in das Hebräische unter dem Titel „Machberot Jtiel". Später (um 1218—1220) verfaßte Charisi nach dem Vorbild der Haririschen Makamen seinen Tachkemoni. Dieses Werk stellt keine bloße Nachahmung Al-Harisis dar, sondern ist eine selbständige Weiterbildung innerhalb der hebräischen Literatur. Charisi wollte damit zeigen, daß die hebräische Sprache der arabischen nicht nachstehe. Machberot Jtiel bildet in der hebräischen LiteraMr ein bedeutsames Ereignis. Al-Charisi hat die Makamen Al-Hariris in die hebräische Literatur übertragen und dadurch einen großen Einfluß aus deren weitere Entwicklung ausgeübt. Al-Charisi, ein in der Welt der Bibel und des Talmuds heimischer Dichter, übersetzt ein Werk der arabischen Rethorik; in die Sprache der Thora werden Landstrcicher-Makamen übertragen. Und doch ist diese der hebräischen Literatur fremde Dickrungsgattung von der jüdischen Welt mit Beifall ausgnommen worden. Die wissenschaftliche Literatur über die Poesie Al-Charisis besaßt sick hauptsächlich mit dem Tachkemoni. Dieses Werk ist mehrmals edierr und in ausführlichen Abhandlungen untersucht. Machberot Jtiel ist dagegen nur einmal ediert und zwar von Th. Chenery, London 1872. Als literar-historisches Dokument ist diese Sammlung von Dicktungen von größter Bedeutung. Man lernt hier ein mittelalterliches hebräisches Sprachdenkmal und eine der Übersetzungsartcn in der hebräisch-arabischen Literatur kennen; man gewinnt so einen tieferen Einblick in den Vorgang der Literaturübertragung im damaligen arabischen Spanien. Das Werk von Percikowitsch „Al-Charisi als Übersetzer der Makamen Al-Hariris" unternimmt cs, Al-Charisi als Übersetzer der Makarnen Al- Hariris darzustellen, d. h. seine Übersctzungsgrundsätze zu untersuchen, ihre Anwendung in Machberot Jtiel nachzuprüfen, sowie die ganze Eigenart dieser Übertragung zu zeigen. Daran schließt sich eine Untersuchung und Emendation der Ausgabe Chenerys aus Grund der Orforder Handschrift der Machberot Jtiel und des arabischen Orginals. Oie ludenemanzipalion Von Professor Eugen Rosenftock Es besteht nicht die Absicht, das Goethe-Jahr 1932 in diesen Blättern mit konventionellen Aufsätzen über „Goethe und die Juden" zu belasten. Aber der deutsche Jude nimmt dieses kritische Jahr erster Ordnung doch vielleicht zum Anlaß, seine eigene Situation bis auf den Grund dadurch zu erkennen, daß er sich daraus besinnt, wie diese Situation eigentlich geworden ist. Dazu ist es nötig, an die Geburtsstunde der Gestalt des modernen deutschen Juden, nänrlich an das am Alter der Judenheit gemessen recht junge Ereignis zu denken, das wir abgekürzt „Emanzipation" nennen. Die Goethe-Zeit, von der in diesem Jahr so viel gesprochen werden wird, ist die Zeit der Judenemanzipation. Begriff und Vorgang der „Emanzipation" ist heute, nach kaum 150 Jahren, mit einer solchen Staubschicht hergebrachter Redensarten, historisch-antiquarischen Kleinkrams und gleichgültiger Schul- und Festaufsätze bedeckt, daß wir nach einer Deutung und Beschreibung suchen müssen,

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