Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 24 (15.12.1931)
- Date
- 1931-12-15
- Page
- Seite 378 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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378 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 „vie Rircbe als Semeinfckakt und Gesellschaft"" Das Buch gehört zu den besten Stücken der bekannten Sammlung; cs stammt von dem Bonner katholischen Theologen und Vertreter der Apologetik an der dortigen katholisch-theologischen Fakultät und entstand aus Vorlesungen an der Universität Bonn sür Hörer aller Fakultäten. Wer in dem Schrifttum der katholischen Apologetik, des Kirchenrcchts und der Kirchengeschichte Bescheid weiß, erkennt aus jedem Satz und jeder Wendung das Ergebnis selbständiger Forschung und gleichzeitig das verantwortungsvolle apologetische Werk eines bedeutenden Kirchenlehrers, der sich an die Welt wendet. Die Darstellung erfreut durch absolute Klarheit, durch Schlichtheit des Ausdruckes, ohne daß an irgendeiner Stelle die Wohlabgcwogenheit und der Nuancenrcichtum des Vortrages leidet. Wir haben vor uns eine formvollendete, auf dem Boden des katholischen Dogmas stehende erschöpfende Erklärung des katholischen Kirchenbegriffs, des Wesens der katholischen Kirche als menschlichen Gescllschafts- und als göttlichen Gcmeinschaftsverbandcs nach katholischer Lehre. Das von dem Altmeister der deutschen Soziologie, Ferdinand Tönnies, eingeführtc Begriffspaar „Gesellschaft" und „Gemeinschaft" wird in fruchtbarer Abwandlung auf die Kirche angewandt, auf die Kirche als „unsichtbare und sichtbare, mystische und rationale, transzendentale und empirische, jenseitige und diesseitige, göttliche und menschliche, ewige und zeitliche, heilige und mit menschlichen Makeln behaftete Realität". Die Kirche ist Gesellschaft und Gemeinschaft zu gleicher Zeit; die Gemeinschaft, ein vitales und spirituelles Gebilde, ist in der Erscheinung Gesellschaft, ein demokratisch verfaßter, rationaler Zweckverband. Die katholische Kirche ist die Erfüllung der Religion, der Religion als sittlicher Tugend, besonders auch als Erkenntnis aller incnschlicher Pflichten als göttlicher Gebote und der Religion eines vitalen, unreflektierten Akts wie auch als bewußter religiöser Übung. Das katholische Christentum wird absolut gesetzt; die Kirche ist in dieser Darstellung wesensnotwendig die eigentliche Erscheinung des Christentums, das äußere Reich Gottes als der Abglanz des inneren oder vielmehr realisierten Christentums. Der Verfasser leitet aus dem Begriff der Kirche als einer Einheit von Gemeinschaft und Gesellschaft ihr „Lcbensgcsetz" ab: „Die Kirche Gottes kennt keine Selbstbegrenzung"; sie ist nicht gebannt in Zeiten oder in die Schranken von Ländern oder menschlichen Einrichtungen. Der Standpunkt des modernen Staates, die christlichen Gemeinschaften als Konfessionen einzuschätzen und neutral darüber zu stehen, ist nach dieser Lehre eine Fiktion Auch die äußere Sttuktur der Kirche spiegelt diesen ihren Ewigkeitscharakter. Die Gemeinschaft hatte von allem Anfang an und wesensmäßig schon Amt und Recht in sich (S. 64). Nach einem inneren biologischen Prozeß, nicht nach einer bloßen äußeren Bedürfnisnotwendigkcit wird der gemeinsame Glaube zum D o g m a; denn das Irrationale des Glaubens kann rational nur im geformten Dogma gefaßt werden. „Das Dogma ist nicht bloß eine von den Leitern der kirchlichen Gemeinschaft zweckhaft eingeführtc Maßnahme, damit das Geheimnis der Vernunft nahegebracht werde oder damit der Glaube als Lcbcnsäußcrung und jederzeit freie Entscheidung in einer Vereinigung von irrtumsfähigen Menschen durch eindeutige Fassung in Vernunftsätzen behütet werde, sondern ist eine mit dem Setzen des Glaubensaktcs innerlich verbundene Vernunftäußcrung." Radcmachcr unterschreibt Heilcrs Zurückweisung der noch heute üblichen Bettachtungswcisc: „Die Kirche des Dogmas.... ist nicht durch Abfall vom Evangelium oder durch hellenistische Umbiegung desselben entstanden, sondern ist seine wescnsnotwendige Verkörperung." Aus der so begriffenen Kirche werden ihre Liturgie, ihre Kirchenverfassung und ihr unfehlbares Lehramt erklärt. „Der Amtsträger kann noch in der Hülle das Heilige bewahren, wo cs an Geistträgcrn gebricht, ja auch dann noch, wenn er selbst den Geist verloren hat." Dieser dogmatische Standort schließt die rein historische, sozioligische oder anthropologische, also unsere Betrachtungsweise aus. Die Kirche 1 Die Kirche als Genrcinschaft und Gesellschaft. Eine Studie zur Soziologie der Kirche. Von Professor Arnold Rademacher (Bonn a. Rh.). Litcrar. Institut Haas und Grabherr, Augsburg 1931; Kirche und Gesellschaft (Soziologische Veröffentlichungen des katholischen Akadcmikerverbandes, Band Y). 190 S. Brosch. 3.50 RM. hat im Syllabus von 1864 den Satz verworfen, „die Menschen könnten in der Pslege jedweder Religion den Weg des ewigen Heiles finden und das ewige Heil erlangen". Das wichtige Hauptkapitel über die Lcbensäußcrungen der Kirche bespricht zuerst die Frage: Wozu all die Äußerlichkeit in der Kirche? „Auch viele von den unsrigen nehmen nur ungern an dem Gemeinschaftsleben der Kirche teil und würden es lieber sehen, wenn die Kirche solche äußere und öffentliche Gottcsverehrung nicht verlangte, und nur aus Ehrfurcht und in: Gehorsam fügen sie sich dem Verlangen, weil der einzelne doch nichts ändern könne." Ruhig und erschöpfend werden die besten Cinwände und Rechtfertigungen, die über die Äußerlichkeit des religiösen Verhaltens vorgetragen wurden, behandelt. Der Verfasser erwidert darauf: „Grundsätzlich gehören Gesetz und Form zum Wesen der Kirche als einer Vereinigung sichtbarer Menschen" (S. 96); er sucht den gegen die katholische Kirche erhobenen Vorwurf des „Sakramentisinus und Magismus" zu entkrästigen. Die Grundhaltung des Werkes kann man vielleicht am kürzesten in den Satz zusammcnfassen: Alle persönliche Frömmigkeit hat ihr Maß an der öffentlichen Lehre und dem öffentlichen Leben in der kirchlichen Gemeinschaft. Die Einrichtungen der Kirche sind nicht „zweckmäßig", sondern aus ihrem innersten Wesen vital herausgcwachscn. Dies wird in einigen ausnehmend instruktiven Abschnitten über das Gebetsleben und die Sakramente der Kirche gezeigt. Aus den Kapiteln über Taufe, Eucharistie, Buße, Priestertum, Ehe erfährt man überall eine tiefbegründete Belehrung, natürlich nicht dogmcngcschichtlich, sondern „systematisch" im Sinne der katholischen Lehre. Nach Behandlung der inneren Struktur, der äußeren Form, des inneren Lebens und der Lebensäußerungen der Kirche als Gemeinschaft und Gesellschaft geht der Verfasser zu einer Totalbetrachtung der Kirche als Organismus und Organisation über. Die Kirche als Organismus ist „der fortlebende Christus, nicht nur in einem metaphorischen, sondern in einem Sinn, der über alle physische Wirklichkeit hinausliegt". Die Organisation der Kirche lebt dagegen von dem Sclbstbewußtsein der einzelnen, die sich frei zur Erreichung von Zwecken verbunden haben. Wie der Verfasser diese beiden Seiten seiner Totalbetrachtung im einzelnen geistvoll und kirchentrcu zugleich durchführt, kann im Rahmen dieser kurzen Anzeige nicht im einzelnen referiert werden. Die dogmatische Vorstellung vom Wesen der Kirche kennen zu lernen, ist für den modernen Juden so wichtig wie die Kenntnis der Kirchen- und Dogmengcschichte. Oder soll ihm gerade das Wissen um das ihn umgebende geistesmächtige Gebilde der katholischen Kirche fremd oder gleichgültig sein? Nur wenn wir uns an die besten Darstellungen halten, bewahren wir uns von Vorurteilen, die wir bei fremden Betrachtungen unserer eigenen Angelegenheiten so oft abzuwehren haben. Das wissenschaftliche Eindringen in das Wesen der Kirche (für den Juristen gehört cs zur fachlichen Ausbildung) von jüdischer Seite kann um so unbefangener und gewissenhafter erfolgen, als die Grenzen zwischen Iudentutn und Christentum durch Lehre und Leben zweifelsfrei abgesteckt sind. Wir wiederholen die beiderseitigen unangreifbaren dogmatischen Positionen, die natürlich mit der bürgerlichen „Toleranz" gar nichts zu tun haben. Das Judentum über das C h r i st e n t u m : „Jesus mußte entweder die hohen Mcssiashoffnungcn seines Volkes erfüllen, oder er mußte seine Messiasansprüche feierlich widerrufen. Cr hat keines von beiden getan und rückte damit in die Reihe der falschen Messiassc, die in jenen Jahrzehnten das Volk verwirrten. Durch den Tod sollte er seine Lästerung büßen und sein Fiasko besiegeln. Das war die Entscheidung des Syncdriums. Die Christen aber haben an seiner Mcssianität festgchaltcn, nicht genug, sie haben die Grenze zwischen Mensch und Gott verwischt, die Geltung des Gesetzes und die Souveränität der göttlichen Gnade durch den Mittlergedanken untergraben und den Monotheismus verraten. Damit rückt das Christentum in die Reihe gnostisch-heidnischer Kctzergruppen, mit denen das Judentum dem Glauben nach nichts zu schaffen hat" (vgl. die jüdischen Belege bei Stauffer in der Zeitschrift für Theologie und Kirche 1931). Das Christentum über das I u d e n t u m (Robert John ' im „Hochland" August 1930): „Die Kirche hat, seitdem der Heiland am Kreuze verblutend das: Vater, verzeih ihnen, sie wissen nicht, was Kaffee-Konditorei Feldherrnhalle Inhaber: ADOLF ZIMMER, früherer langjähriger Direktor Hotel Exelsior Fernsprecher Nr. 91449 Wiener Kaffee und nur erstklassige Getränke Feinste eigene Konditoreierzeugnisse mit garantiert reiner Butter! O Lieferung frei Haus