Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 24 (15.12.1931)
- Date
- 1931-12-15
- Page
- Seite 377 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 377' für die Zukunft ift", die „mildtätigste und eifrigste", sogar „feurigste" der Welt. Die Juden in Tetuan, Alcazar Kabir, Larache, lassen sich durch diese Komplimente glücklicherweise wenig stören. Sie wandeln in ihren schwarzen Kleidern zwischen Fez, Burnus und Jillaba wie katholische Geistliche durch einen Karneval, meistens schweigsam wie ihre Frauen, die man nur selten sieht und dann nur zu vieren oder fünfen in einer Reihe, eingehüllt in einen kremefarbigen Schal, der im Dreieck vom Kopf über die Schultern bis zur Erde fällt. Sie sprechen das Spanisch des 15. Jahrhunderts, sogar mit den Worten und der Diktion des Jahrzehnts, in dem sie ausgetrieben wurden, und sind wie in ihrer Sprache, so auch in allen religiösen und kulturellen Fragen ebenso konservativ wie überall in der Welt. Sogar in ihren Ehekontrakten ist das Wort „Kastilien" noch nicht gestrichen, obgleich der jahrhundertealte Fluch der Rabbiner über die, die nach Kastilien zurückkehren, für viele noch heute so lebendig ist, daß sie zwar nach Gibraltar fahren, aber nicht eine halbe Stunde weiter, nach Algericas. Ihr Leben ist dasselbe wie überall. Abgesehen von den Reichen, die sich außerhalb der Stadtmauern europäische Häuser bauen ließen, wohnen sie in engen Straßen und kleinen Zimmern, die sich von den Quartieren der Araber nur wenig unterscheiden. Häufig lebt eine ganze Familie, vom Großvater bis zum Enkel, in einem einzigen Raum, der — ohne Ironie — als „palaeio", als Palast bezeichnet wird. In den ärmeren Häusern besteht der Hausrat nur aus einigen Tontöpfen, die an den Wänden hängen, einem Reibstein, einigen Tassen und zwei vergoldeten Leuchtern. Hin und wieder findet man auch zwei oder drei Stühle, einen kleinen, sehr niedrigen Tisch und ein Eisenbett, das aber nur zur Parade da ist und selbst bei Krankheit nicht benutzt wird, weil alle behaupten, daß sie seekrank würden, wenn sie einen dreiviertel Meter über dem Boden liegen. Sie ziehen es vor, auf der Erde zu schlafen und benutzen nur ein sehr schmales Kissen für den Kopf, das meistens so lang wie das ganze Zimmer ist und wie eine Rolle an der Wand liegt. Selbst die ärmsten Juden sprechen außer Spanisch noch Arabisch, häufig sogar Französisch, das sie in der Schule lernen. Das Vermögen der Reichen stammt aus dem Handel mit den Ländern dieser drei Sprachen: Nordafrika, Frankreich, Südamerika. Vor allem durch den Handel zwischen Nordafrika und Südamerika haben diese Juden daher handelspolitische, exakt die Bedeutung, die Spanien in Marokko erstrebt. flbenteuer und Werk eines deutschen §orschers Ein neuer Beitrag zum Problem der altorientalischen Berlin hat eine neue Sehenswürdigkeit erhalten. In der Franklinstraße 6 hat der Archäologe Max Freiherr von Oppenheim das „Tell- Halaf-Muscum" eingerichtet. In diesen Blättern hat Dr. Ernst Weil (München) in Nr. I des laufenden Jahrganges auf das Epochemachende dieses Museums hingewiesen. In einer ehemaligen Maschinenhalle und dem Direktorialgebäude einer früheren Fabrik haben seltsame Riesengötterstatucn, Tierkolosse, verschleierte Sphinxe, Reliefplatten, bunte Keramik und andere Zeugen längst versunkener Welten ein neues Heim gefunden. Der Gründer des Museums hat alle diese wertvollen Altertümer selbst entdeckt und ausgegraben. Unter welchen abenteuerlichen Umständen die Funde geborgen wurden, erzählt von Oppenheim in seinem bei F. A. Brockhaus erschienenen Buch „Der Teil Halaf. Eine neue Kultur im ältesten Mesopotamien", mit 131 bunten und einfarbigen Abbildungen sowie 2 Karten. Geheftet RM. 12.—, Leinen RM. 14.—. Zu dem Thema „Die altorientalische Umwelt der Bibel" liegt hier ein neuer großartiger Beitrag vor. Diese Aufzeichnungen lassen den Leser die drei Jahrzehnte harter Arbeit mitcrleben, die v. Oppenheim für die Sicherstellung und Auswertung seiner Forschungen gebraucht hat. Seine Ausgrabungen im nördlichen Mesopotamien begannen bereits im Jahre 1899. v. Oppenheim weilte damals als deutscher Diplomat bei dem mächtigen Beduinenpascha Ibrahim Pascha. Am Rande des Tektekgebirges hatte Ibrahim sein Riescnzelt aufgeschlagen; die Männerabteilung allein faßte wobl 2000 Menschen. Hier spielte der Zufall wieder einmal den großen Inspirator: v. Oppenheim hörte gerüchtweise von seltsamen Statuen, die einige Eingeborene bei einem Begräbnis auf einem Hügel, dem Tell Halaf, gefunden bätten. Der Freiherr ahnte eine große Entdeckung. Eine neue Epoche der Kunst sollte beginnen... Auf dem Tell Halaf und dem benachbarten Hügel Djebelet el Beda wuchs eine Forscherstadt riesigen Ausmaßes aus dem Boden. Selten sind Ausgrabungen in so großem Stile vorgenommen worden. Nicht weniger als 550 Beduinenarbeiter wühlten den heiligen Boden um, etwa ein Dutzend wissenschaftlicher Mitarbeiter half Oppenheim bei der Bewältigung der geistigen Aufgaben. Und über den ganzen, großen Zeltlagern wehte als stolzes Symbol die deutsche Flagge. Aber Schwierigkeiten über Schwierigkeiten wuchsen über Nacht. Das verheerende Klima warf die Widerstandskraft der meisten Ausgräber nieder, einer, der tüchtige Dr. Löffler, starb, ein anderer, der Franzose Josephe Darrous, wurde von einem Beduinen überfallen, getötet und beraubt. Die halbwilden Arbeiter selbst, die lieber kämpfen und plündern wollten, gaben oft Anlaß zu ernster Beunruhigung. Die türkische Regierung mußte eine starke Wache in diesen Wetterwinkcl legen. Aber vor den" Angriffen der Natur konnten auch die Soldaten Oppenheim nicht schützen. Man muß die eiserne Energie, die unendliche Geduld, das Umwelt der Bibel. Von Bernard R. Friedrichs diplomatische Geschick und das bedeutende Organisationstalent dieses Mannes bewundern, der trotz aller Fehlschläge unentwegt auf sein hohes wissenschaftliches Ziel zusteuerte. Dann kam'der Krieg, verwandelte das friedliche Feld des Ausgräbers in ein wüstes Chaos. Das Expeditionshaus Oppenheims fiel dem Geschützfeuer zum Opfer. Oppenheim hatte Glück im Unglück. Die zusammenstürzcnden Lehmziegelmauern bedeckten die kostbaren Monumente; der Krieg gab sich hier sonderbar genug als — wissenschaftlicher Konservator. Die Funde wurden zum zweiten Male begraben und dem Zugriff verständnisloser Eingeborener entzogen. Im Jahre 1927 war endlich die Stunde der Erfüllung gekommen, v. Oppenheim kehrte in das Land seiner Sehnsucht zurück. Wie sind nun die wissenschaftlichen Ergebnisse der Ausgrabungen Oppenheims beschaffen? Die Forschungen haben bewiesen, daß im alten vorderen Orient neben der ägyptischen und babylonischen Kultur eine dritte, große, selbständige und gleichwertige KulMr — die „subaräische" — bestanden hat. Diese Kultur ist bis in das vierte Jahrtausend vor Christi nachzuweisen. „Bisher war man gewohnt, die Erzeugnisse der zu dieser Kultur gehörigen Kunst ,hettisch' zu nennen. Das ist zu ändern, denn die indogermanischen ,Hettiter' sind erst um das Jahr 2000 v. Chr. nach Vorderasien gekommen..." Die von Oppenheim entdeckten einzigartigen Steinbilder sind die ältesten, die der Welt bisher bekannt sind. Oppenheim hat diese steinernen Bilder auf dem Djebelet el Beda ausgegraben. Auf dem Tell Halaf dagegen hat— was zu unterscheiden ist — die prunkvolle Hauptstadt Kaparas, des Königs der Aramäer, gestanden. Kaparas Metropole ist um 1100 v.Chr. von dem machtvollen assyrischen Herrscher Tiglat-Pilesar I. zerstört worden. Oppenheims Funde stehen in ihrer Originalität so vereinzelt da, daß es keinesfalls unbescheiden ist, wenn er die bedeutende Rolle hervorhebt, die der Tell Halaf und der Diebelet el Beda in der Geschichte der Alten Welt zu spielen berufen sind. Sie stellen sich den Entdeckungen im Grabe Tut-ench-Amuns (s. Howard Carter und A. C. Mace, „Tut-ench-Amun. Ein ägyptisches Königsgrab") und den Funden C. Leonard Woolleys in Ur (s. Woolley, „Ur und die Sintflut") ebenbürtig zur Seite. Besonderen Wert erhalten die von Oppenheim ausgegrabenen Monumente bei Vergleich mit griechisch-römischen Kunstformen, die zweifellos von dem Tell-Halaf-Stil beeinflußt worden sind. Das Buch „Der Tell Halaf" ist eine der wenigen menschheitsgeschichtlichen Sensationen, die dem einzelnen in der kurzen Frist seines Daseins zu erleben vergönnt sind. Dem großen deutschen Archäologen Max Freiherrn von Oppenheim ist die Welt für dieses in seiner Bedeutung ungewöhnlich weitteichende, unerwartete Erlebnis zu außerordentlichem Dank verpflichtet.