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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-12-15 · 24 (15.12.1931) · p. Seite 376

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
24 (15.12.1931)
Date
1931-12-15
Page
Seite 376 (sequence 4)
Language
German
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376 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 24 Marokkanische Juden von Leo Matthias Wir haben jüngst über das packende neue Buch von Leo Matthias „Griff in den Orient" ausführlich berichtet. Cs ist eine der wenigen zeitgenössischen Stimmen über die Probleme Asien-Europa, die besonders der deuffche Jude unbedingt hören sollte. Wir haben den Verfasser eingeladen, uns von seinen großen Reisen in den Orient, hier einen kleinen Ausschnitt zu geben. Der erste, den ich sah, hatte einen Römerkopf und schüttelte mit hoch erhobenen Armen, von denen die weiten Ärmel Herabsielen, etwas in der Hand, das manchmal klapperte und manchmal klang, und an den Lärm von Schlitten erinnerte. Er hockte in der Hauptstraße Tetuans, im drohendsten Gewühl, an einer Mauer, und unterbrach seine Beschäftigung nur, um hin und wieder in einen länglichen Holzkasten zu greifen, der mit einem Drahtnetz überspannt war und den er mit den Knien festhielt. „Ein hebräischer Geldwechsler", bemerkte mein Dolmetscher Haurido. „Gibt es viele Juden in Tetuan?" „Jeder sechste Einwohner ist Jude." Später erfuhr ich, daß eö tatsächlich mehr als 7000 Juden allein in Tetuan gibt und daß in Marokko sogar mehr als 100 000 leben, d. h. mehr als ein Drittel aller Juden ganz Nord-Afrikas. Die Geschichte dieser marokkanischen Juden läßt sich fast ohne Unterbrechung über dreitausend Jahre hin verfolgen und ist selbst innerhalb der gesamtjüdischen Geschichte vielleicht das aufregendste Kapitel. Sie ist derartig unwahrscheinlich, daß die Mauren noch heute davon überzeugt sind, es sei nicht alles mit natürlichen Dingen zugegangen und sich daher mit einer Legende helfen, die das Ungeheuerlichste ist, was jemals von einer mythischen Phantasie erdacht wurde, um das Existenzrätsel eines fremden Volkes zu erklären. Sie erzählen sich nämlich, daß die Juden zu Zeiten Mohammeds einmal mit den Arabern gekämpft haben und daß in dieser Schlacht sämtliche Juden umgekommen seien. „Da schlugen die Frauen der Hebräer ihre Brüste und schrien und jammerten über ihre Männer und den Untergang ihres Volkes. Und sie wandten sich in ihrer Verzweiflung an den Propheten und baten ihn um seine Vermittlung bei Allah und flehten, Allah möge ihnen gestatten, mit den Toten zu schlafen. Allah aber erhörte ihre Bitte, denn er wollte nicht, daß ein Volk, das einstmals sein auserwähltes war, unterginge. Und so schliefen die Frauen den Toten bei, und die Toten zeugten Lebende..." Umständlicher erzählt und ohne jenen Schauder und jene Bewunderung, deren vollendeter Ausdruck diese Legende ist: Selbst dir furchtbaren Kämpfe der Juden mit den Arabern (um 680), kurz nachdem sie von byzantinischen Griechen aus Marokko nach Spanien und von Westgoten aus Spanien wieder nach Marokko vertrieben worden waren, können den Kern der jüdischen Gemeinden nicht zerstören; im Gegenteil, ihre militärische und politische Macht bleibt so ungeschwächt, daß die Araber es dreißig Jahre später vorziehen, mit ihnen ein Bündnis zu schließen. Tarik, der Berber und Heerführer der Araber, sieht sich sogar gezwungen, sich der gleichen Abstammung wie die Besiegten zu rühmen, um die Unterstützung der jüdischen Berberstämme nicht zu verlieren. >! Tarik, der Besieger der Westgoten und Eroberer Spaniens, erklärt, er sei ein jüdischer Berber und Nachkomme des Stammes Simon. Auch abgesehen von der Zuverlässigkeit der Quelle, hat man keine Veranlassung, an der Wahrheit dieser Behauptung zu zweifeln. Die Juden haben wahrscheinlich zugleich mit den Phöniziern, Marokko bereits zu einer Zeit besiedelt, als die monotheistische Entwicklung ihrer Religion noch nicht einmal abgeschlossen war, und die Nachkommen dieser — zum größten Teil berberisierten — Juden, die später von Jerusalem aus als Heretiker verdammt wurden, haben ihre Tradition genau so treu bewahrt wie die Orthodoxen. Es ist sogar gewiß, daß es noch heute Berberftämme jüdischen Ursprungs gibt (wie z. B. die Berber der Oase Mzab) und daß vor allem die Bevölkerung des Riffs zum Teil von jüdischen Bauern abstammt. Phantastische Dinge. Aber beinahe noch phantastischer: das Schicksal der nicht berberisierten Juden. Denn während man die Juden im 13. Jahrhundert aus Italien vertrieb, im 14. aus den Niederlanden und im 15. aus England, Frankreich und Spanien, war es in Marokko gerade umgekehrt: es war jedem Juden bei Todesstrafe verboten, das Land zu verlassen. Man betrachtete die Juden als das Kapital des Landes, denn der gesamte marokkanische Handel befand sich in jüdischen Händen. Der Maure fühlte sich durch diese Tatsache nicht etwa bedrückt; ganz im Gegenteil: er war froh, daß die Geschäfte seines Landes von anderen gut besorgt wurden und daß er nur von Zeit zu Zeit die Hand zu öffnen brauchte, um bares Geld zu erhalten. Man schloß die Juden daher wie überall, im „Mellah", im Ghetto, ein, beschützte dieses Ghetto aber wie einen Safe. Ja, man stellte sogar nachts Wachen davor, aus Angst, irgendein Jude könne abhanden kommen. Dieser seltsame Zustand dauerte 400 Jahre. Erst die Aufhebung des Ghettos, die eigentlich erst seit 1911 wirksam ist, hat eine Änderung geschaffen. Spanien erkannte, daß die Unterstützung der Juden in Marokko nicht zu entbehren ist und sorgte für ihre Emanzipation. 1916 übernimmt der König von Spanien den Vorsitz der spanisch-hebräischen Vereinigung. Es wurde ihnen jahrhundertelang nachgesagt, sie seien die habgierigste und korrumpiertefte Rasse der Welt, und heute kann man in jedem dieser Flughefte, die im Auftrag der spanischen Regierung herausgegeben werden, lesen: sie seien eine „raza seneilla que no conoee la corrupcion", eine „aufrichtige Rasse, die keine Korruption kennt", eine „Rasse, die eine Hoffnung Verkaufsstellen { Hiltensbergerstraße 8 Fernsprecher 370646 Glückstraße 10 Fernsprecher 296944 Thierschstrnße 19 Fernsprecher 22082 Franz-Josef-Straße 29 Fernsprecher 30452 SchleißheimerStraßelOO Fernsprecher 370 326 Winzererstraße 92 Belgradstraße 28 Für Säuglinge und Kinder nur BoschhofsVorzugsmilch Hauslieferung durch Boschhof-VerkaufszentraleSchleißheimer Straße 100/ Tel. 370326

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