Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1931
- Issue
- 11 (1.12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 365 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 11 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern 29 ihrer Existenz und erheben die dringende Forderung nach Religionsunterricht für das Kind. Spranger: Es darf als sicher angenommen werden, daß religiöses Leben in das Kind nicht nur hineingelegt wird, sondern daß es auch aus spontanen Trieben hervorwächst. Sein Kind dem Religionsunterricht fernzuhalten bedeutet für seine seelische Entwicklung dasselbe, wie Nahrungsentzug für die körperliche. Religiöse Anlage läßt sich ungenutzt verkümmern, niemals aber ausrotten, denn Religion ist ein wesentliches Bedürfnis des Menschen, ohne dessen Erfüllung er seine natürliche und übernatürliche Vollkommenheit nicht erreichen kann. Staunend steht man häufig vor der Tatsache, daß Menschen am Abschluß ihres durch allzu irdischen Gedanken verursachten religionslosen Lebenswandels ihren Irrtum bekennen und in aufrichtiger Neue angesichts des Todes durch Bekennung ihrer Sünden der Nachwelt ein warnendes Beispiel für die Ertötung des Religiösen in der Menschennatur geben. Das mag auch der Sinn sein für den Ausspruch: ■6 n:nn mm uv ly Alle Erziehungssysteme bedürfen zur Erreichung ihrer Ziele der Bildungsgüter, die sich je nach der leitenden Idee nur in der Rangordnung unterscheiden, alle aber können nicht an dem religiösen Bildungsgut achtlos vorübergehen, wenn sie ihre Arbeit nicht auf losem Grunde errichten wollen. Hohe Erziehungswerte finden sich darin und ihm gebührt eine hervorragende Stelle. Beschäftigung mit religiösen Stoffen entspricht dem sehnsüchtigen Verlangen der in der Entwicklung begriffenen Kindesnatur. In sinngemäßer Übertragung gilt das bisher Gesagte für den Religionsunterricht aller Konfeffionen, denen es auf eine religiössittliche Erziehung ankommt. Die zentrale Stellung des Religiösen im Leben des Einzelnen wie in dem der Gesamtheit .im Judentum weist dem jüdischen Religionsunterricht besondere erziehliche Bedeutung zu. Wir wollen nämlich nicht nur religiös-sittliche, sondern auch jüdische Menschen erziehen, die das ihnen übermittelte Lehrgut mit lebensvoller Bejahung in sich subjektivieren, in tatvoller Wertschätzung ausüben und mit freudiger Geneigtheit bereit sind, sich anzuschließen an die jahrtausendalte überlieferungskette zum wertvollen Verbindungsgliede kommender Geschlechter. . TDn pxn Dy X? Wo die Quelle religiösen Wissens fehlt, da kann wahre Frömmigkeit nicht vorhanden sein. Ein Unwissender kann nicht fromm sein, es kann nicht die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht werden, die dem Juden als Idealbild gezeigt. vnn D’tSHp Heilig sollt ihr werden, denn heilig bin ich, der Ewige, euer G'tt. Dre Erreichung dieses erhabenen Erziehungszieles ist ein Lebenswerk, nicht das einer kurzen Lebensperiode, die wir als Erziehungsalter ansprechen, sie ist auch nicht das Ergebnis der ursprünglichen sogenannten Fremderziehung, die in der Selbsterziehung ihre folgerichtige Fortsetzung erfahren muß. Dieses Ziel kann in der Schule nur angebahnt werden im Rahmen der sich bietenden zeitbegrenzten Möglichkeiten in den Religionsstunden und gebunden an die Bildsamkeit der im ersten Entwicklungsstadium sich befindlichen Volksschuljugend. Nur ein Teilziel kann erreicht werden, dessen Inhalt geeignet ist, den naturhaft vorhandenen religiösen Boden fruchtbar zu gestalten, der die Kraft des WachsMms in sich birgt, in der jugendlichen Seele Begeisterung für das Heilige entzündet, so daß lebendiges Streben nach dem göttlichen Endziel wirksam wird. Der Verwirklichung dieses Zieles ’ bient eine sorgfältig berechnete Auswahl und kindgemäße Gestaltung des religiösen Lehrgutes: Geschichte des jüdischen Volkes, Pentateuch und Gebetbuch. Aus der biblischen Geschichte lernt das Kind sich als Jude zu begreifen. Cs bekommt Einsicht in das Werden des jüdischen Volkes von seinen Uranfängen bis zur Gegenwart und kommt zum freudigen Bekennmis: un irm ,Q’ynn p . riu:1? uxnnty *?x xm “im usnzi yttj ü^iy «m nox mm Wenn Aufgabe der sittlichen Erziehung die Entwicklung klarer und reiner sittlicher Gefühle und Vorstellungen, Begriffe und Ideen, sowie endlich die Erhebung dieser Ideen zu herrschenden Mächten im Leben der Persönlichkeit ist, so bietet die biblische Geschichte in ihrem Reichtum und in ihrer Fülle von gottbeseelten, religiösen, sittlich hochstehenden Persönlichkeiten, die in ihrer Einfachheit und patriarchalischer Frömmigkeit dem noch ganz im Stadium der anschaulich konkreten Denk- und Gefühlsweise verharrenden Kinde, hinreißende Beispiele, die idealerzeugend die jugendliche Seele in ihrer Tiefe aufwühlen und die edelsten Keime wahrer Menschlichkeit und herzinnigster Frömmigkeit in schöpferischer Kraft hineinversenken. An nachahmenswerten, aber auch an abschrekkenden Beispielen erstrebt der biblische Geschichtsunterricht durch Beziehung auf das persönliche Leben des Kindes einen Maßstab für sittlich positive und negative Werte. Die angeschauten biblischen Stoffe werden mit starker nachhaltiger Gefühlsbewegung erlebt, die Schüler bewundern und verehren, hassen und lieben, entrüsten und begeistern sich, sie empfinden Grauen und Erhebung, Bedrückung und Befreiung. Dunkle Punkte im Leben hervorragender Menschen bieten in mutiger Objektivität unterrichtlicher Behandlung Anschauungsbilder für die Problematik der menschlichen Seele. Ungeheurer Reichtum an Quellen für die Erkenntnis eines einzigen G'ttes, den wir Juden immer nur an seinen Werken erkennen und in unserem Schicksal fühlen, öffnen sich dem gläubigen, nach G'tt dürstenden und mit G'tt sich alles erklärendem kindlichen Gemüte, wenn in der biblischen Geschichte dem Kind das unmittelbare Verhalten G'ttes zum Menschen und umgekehrt in Erscheinung tritt, wenn der liebende, schützende, sorgende, zurechtweisende, aber auch strafende Vater sich glaubensstarken Persönlichkeiten offenbart und sein Volk — in dessen Mitte er wohnt — in wunderbarer Weise seinem göttlichen Ziele entgegenführt, dem Ziele G'ttesstreiter auf Erden zu sein, Träger und Verbreiter der göttlichen Ehrfurcht als die sicherste Gewähr für die Erhaltung dere sittlichen Weltordnung. Sie wird zerstört, wenn die schaltenden und waltenden Kräfte sich nicht der ihnen obliegenden Aufgaben willig unterwerfen. In einem Vergleiche mit einer Apotheke, in der ein unkundiger Mann durch unsachgemäßen Gebrauch ihre heilbringende Wirkung ins Gegenteil verwandelt, illustriert der K u s a r i die Bedeutung der göttlichen Gebote für das Weltgeschehen. Cr bezeichnet sie gewissermaßen als Gebrauchsanweisung, die bei Nichtbefolgung die Welt in ihren Urzustand, in ein Tohu wowohu verwandelt. Die Erfüllung der Gebote setzt ihre KennMis voraus und erzielt wird diese im Pentateuch-Unterricht, die Quelle der gesamten religiösen und ethischen Pflichten. Die Form, in der diese Pflichtenlehre erteilt wird, ob im Anschluß an den Pentateuch oder in einer systematischen Zusammenfassung als Religionslehre ist zunächst eine methodische Angelegenheit, sie wird aber zu einer pädagogischen durch die Überlegung, daß der Anschluß an den Pentateuch weit höhere Erziehungswerte in sich birgt, als eine systematische Darbietung als Religionslehre in Katechismusform. Die einfache, klare bilderreiche, konkret-anschauliche Darbietung der religiös-ethischen Pflichten in der heiligen Sprache wirkt ansprechender, geistbildender, leicht faßlicher und autoritativer als die trockenen in einer unkindlichen Sprache dargebotenen abstrakten religiösen Lehrsätze einer systematischen Religionslehre. Was im allgemeinen von dem Überzeugungscharakter der Druckschrift gegenüber der Schreibschrift gesagt wird, das kann von der Darbietung religiöser Inhalte in heiliger Sprache gegenüber der profanen Sprache gesagt sein: Sie wirken überzeugender, erhebender und prägen sich dem Gedächmis tiefer ein. Hinzu kommt noch, daß mit dem Pentateuch-Unterrichte die sinnvolle und pflichtgemäße Teilnahme an die Thoravorlesung ermöglicht wird. Der Wesenszug einer religiösen Persönlichkeit ist der Drang zum Gebet, und darin zeigen sich auch die ersten Keime einer inneren Frömmigkeit. Unvergeßlich bleibt mir ein Erlebnis, das deutlich diesen inneren Drang offenbarte. Im Felde hatte ich den Auftrag, auf exponiertem Posten mit meinem Maschinengewehrzug eine Zugangsstraße unter Feuer zu halten. Im Ernstfälle, wobei unsere Stellung der Zielpunkt feindlichen Feuers war, konnte ich trotz aller Vorstellungen die meisten meiner jungen Leute nicht dazu bewegen, ihre Pflicht zu erfüllen. Sie kauerten in der Ecke des Unterstandes, falteten die Hände und beteten. Die Angst und Furcht vor dem Tode in den sonst jeden G'ttesdienst ablehnenden jungen Leute erzeugte jene Stimmung in ihrer Seele, die wir als Grundstimmung für das Bittgebet bezeichnen. Die menschliche Ohnmacht sucht Stütze und Halt und findet sie im Gebete als Hinordnung zu Gott als Annäherung zu ihm, um sich seiner rettenden Hilfe würdig zu erweisen. Fortsetzung folgt Crziehungsgrundsätze und Jugenderziehung in videl und Talmud Schluß Von Hauptlehrer Sonn (Buttenwiesen) Liebe, wahre, echte Liebe ist nicht Nachgiebigkeit und Schwäche, sondern das vernünftige Bestreben, des Kindes geistiges und leibliches Lebensglück anzubahnen, zu begründen. Und das muß das Kind auch fühlen! Darum muß bei Vollziehung der Strafe auch Liebe und Güte hervorleuchten. Das Kind soll erkennen, daß man es in der besten Absicht straft. nnmö ’pö'i nnn Pxvn xnn 2>iy? pun Nicht kaltes, liebloses Aurückstoßen-darf den Strafakt begleiten, sondern „was die linke Hand verstößt, soll die rechte wieder liebevoll nahebringen." Indes soll die Erziehung so geleitet werden, daß man es nur selten nötig hat, zu strengen Strafmitteln greifen zu müssen. Unsere großen Talmud-Gelehrten, haben es stets verstanden, ihre Autorität zu wahren und mit liebevoller Strenge das Gefühl ehrerbietiger Scheu in das