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Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern · 1931-12-01 · 11 (1.12.1931) · p. Seite 364

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Journal
Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
Volume
1931
Issue
11 (1.12.1931)
Date
1931-12-01
Page
Seite 364 (sequence 2)
Language
German
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28 Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern Nr. 11 Zähigkeit aber abhängig ist von den ihn inspirierenden Motiven. Keineswegs verkennt das religiös-motivierte sittliche Verhalten seine rein menschlichen Triebfedern, den natürlichen Zug des Menschen zum Guten, den natürlichen Abscheu des Menschen vor der Häßlichkeit des Lasters, den Trieb der Selbst- und Nächstenliebe, des Familien- und Gemeinsinnes, angeborene Herzensgüte, Rücksicht auf Leben und Gesundheit, auf Stand und Stellung, sie vermehrt aber diese Reihe durch die ungleich höheren und wirksameren Motive der Liebe, Ehrfurcht und Hochachtung göttlichen Willens, in dem cs seinen Ursprung erkennt, durch den Glauben an das Weiterleben nach dem Tode, durch die einstige Rechenschaftsablage vor dem göttlichen Throne, durch Verheißung von Lohn und Sttafe. Religion ist der bedeutsamste Hebel sittlicher Erziehung, sie verlecht den sittlichen Motiven stärkere Kraft und höhere Sanktion. In der Religion erkennen wir also die Wurzel aller sittlichen Kultur. Es gibt wenig Betätigungen des geistig seelischen Lebens, die nicht irgendeine religiöse Wurzel haben. Das gilt nicht bloß für die theoretischen Wissenschaften wie etwa. Astronomie, Philosophie, auch das praktische Leben mit seinen politischen und wirtschaftlichen Seiten, seine sozialen Einrichtungen sind Ausflüße von Überzeugungen auf religiösem Grunde, sie bleiben aber in ihrer Absolutheit und ganzen Höhe nur so lange aufrecht erhalten, wie diese bestehen. Gewiß erlebt das Gute und Sittliche seine Erfüllung auch ohne bewußt religiöse Überzeugung, das erfolgt aber auf Grund von altem Erbe, es ist „verkappte oder unbewußte Religion". Wenn dies aufhört, dann beginnt man aus Erwägungen der Nützlichkeit heraus sittliche Forderungen zu begründen, es geht ihnen aber die innerliche zwingende Gewalt ab, die ihnen aus dem religiösen Glauben erwachsen waren. Gerade die Geschichte unseres Volkes lehrt die Ohnmacht der menschlich begründeten und die Allmacht einer religiösen Sittlichkeit. In Zeiten sich von G'tt lossagender sittlicher Schwäche und Nachahmung heidnischer Sitten und Gebräuche siegt über Israel die rohe Gewalt. Zu G'tt gerichtetes, toragewolltes, jüdischreligiöses Leben erstarkt den materiell schwachen jüdischen Volkskörper und reicht ihm die Siegespalme. Die einst sich sittlich hochstehend wähnenden Völker, wie Babylon und Rom, sind verschwunden. Bestand hat das von G'ttes Ausspruch lebende Volk Israel. In Leid und Jammer ist Religion die Trostspenderin. Die Gelassenheit und Ergebung in das Unvermeidliche der Widerwärtigkeiten des Lebens, der Gedanke, daß in all dem vermeintlich Bösen doch das Gute verborgen ist, ist Glaube an G'tt und dieser Gedanke ist ein allgemeiner und sicherlich auch bei jenen Menschen wirksam, die glauben, keinen Glauben mehr zu haben. Der bewußt gepflegte Glaube offenbart Sinn für das Leben, gewährt Halt und Stärke im Widerstand gegen das Böse, begreift den Menschen als zweckbestimmtes Wesen in G'ttes Welt und mit solcher Gesinnung ausgerüstet, wird er Herr der Welt und Herr des Lebens. Darin bewährt sich der scheinbare Widersinn aller echten Religion, daß sie die Macht über die Welt denen schenkt, die sie nicht als die höchste erblicken. Religion verleiht dem Menschen Verttauen in die sittliche Weltordnung und gibt ihm den inneren Frieden. Wenn wir in der sittlichen Idee den gemeinsamen Faktor aller Erziehungsziele erkannt haben und ihren Ursprung, ihren Stütz- und Zielpunkt in der Religion ersehen, so wollen wir im Folgenden untersuchen, ob nicht auch die differenzierenden Merkmale religiösen Ursprungs sind, bzw. hierdurch in ihrer Motivierung nicht eine Steigerung erfahren. Wir können hier im Nahmen dieses Vorttages nicht alle Erziehungsziele nach diesem Gesichtspunkte hin prüfen, wir greifen zwei große Gruppen heraus, in die sich die übrigen mehr oder weniger einordnen lassen: Erziehungsziel bestimmt von der Gemeinschaft, Erziehungsziel bestimmt vom Individuum aus. Das sozialpädagogische Erziehungsziel begreift den Menschen als ein Glied der Gemeinschaft, das in Form, Ziel und Mittel ausschließlich von dieser bestimmt wird. Hierbei kommt es wohl in der Hauptsache auf ein dreifaches an. , Auf die Ausbildung der sozialen oder Gemeinschaftsgefühle und der sozialen Triebe, auf die Unterordnung unter die größeren Zwecke der Gesellschaft, auf die Beschtteidung unberechtigter individueller Ansprüche. Liebe und Haß, Neid, Treue, Dankbarkeit, Wohlwollen, Schaden und Mitfteude, Mitleid, Achtung und Verachtung, das' sind die emotionalen Beziehungen der Menschen untereinander, die nicht mit einem Haufen von Steinen zu vergleichen sind, die in beziehungslosem Durcheinander zusammenliegen. Fügsamkeit, willige Unterordnung, Gemeinsinn, Opfermut, Selbstverleugnung, tatkräftiges Mitgefühl mit der Not des Nächsten sind die Forderungen sozial-ethischer Natur, mit denen die Gemeinschaft an das Individuum herantritt. Diese Inhalte gilt es zu kultivieren, d. h. zu wecken, sie zu pflegen und sie in sittliche Bahnen zu leiten, so daß der Bestand der Gemeinschaften in ihren Grundlagen gesichert ist. Alle diese Crziehungswerte finden aber auch in der Religion ihre Problemstellung und Lösung. Das fundamentale Gebot: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, das in wundervoller Weise organisierte Armenrecht, die Fremdengesetzgebung, die weitgehenden Forderungen gegen die lebende und leblose Natur erheben die Religion, ganz besonders die jüdische Religion, zu einem hohen sozialen Kultur- und Bildungsgut. Die Gemeinschaftsbildung selbst tritt auf als religiöse Forderung: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei", diese göttliche Erkenntnis von der Unmöglichkeit der menschlichen Isolierung bewirkt die erste menschliche Gemeinschaft, von der sich in ununterbrochener Kette in immer größeren Zusammenschlüssen die heutige Menschheit in ihrer Aufteilung in Nationen entwickelte. Und wenn nicht alles trügt, so bereitet sich immer mehr und mehr ein Zusammenschluß aller Nationen vor als göttliches Ziel aller Menschheitsentwicklung, dem mcssianischen G'ttesrciche, in dem alle Gemeinschaften: Familie, Staat, Nation und Welt Träger und Verwirklicher der religiösen Idee sind. Auf rein vernunftgemäßer Sanktion einer Sozialethik kann ein derartiges Ziel nie erreicht werden. Die zu erreichende Stufe derselben schildert Fr. Nietzsche in seiner bitter humorvollen Erzählung vom letzten Menschen: Wir haben das Glück erfunden, sagen die letzten Menschen und blinzeln.... Ohne Religion schrumpft die Ethik zusammen zu einer bloßen Gcnußlehre. Religion erzieht den Menschen zur opferwilligen Hingabe, zu sozialer, staatsbürgerlicher Gesinnung, sie ist festestes Fundament des Gemeinschaftslebens. Fassen wir nun jenes Erziehungsziel ins Auge, womit sich die Individualpädagogik mit ihrer besonderen Ausbildung zur Persönlichkeits- Pädagogik befaßt. Das Individuum, die Persönlichkeit steht im Mittelpunkt aller erzieherischen Tätigkeit. Ausgangspunkt ist das Kind, das aber nicht als ein Erwachsener kleineren Maßstabes betrachtet wird, sondern als Wesen mit eigengesetzlicher Entwicklung, das in seinen geistigen Anlagen und Kräften differenziert ist und auf jeder Entwicklungsstufe eine andere seelische Struktur aufweist. Gesundheit an Körper und Geist, Weckung und Pflege der Individualität, Stärkung des Selbsterhaltungsttiebes, harmonische Entwicklung aller Kräfte zur Persönlichkeit. Auch nach dieser Richtung hin bietet Religion große Erziehungswerte: Zahlreiche Pflichten des Menschen gegen seine eigene Person, unter Diskretion von Alter und Geschlecht sind auf Erhaltung und Förderung körperlicher und geistiger Gesundheit bedacht; die Pflicht zur Einbürgerung in die menschliche Gemeinschaft nimmt weitgehende Rücksichtauf die berechtigten Interessen des Individuums, die religiös orientierte Erziehung untersteht der Devise: -,211 "Un „Erziehe den Knaben nach seiner Art", d. h. nach seiner Individualität. Zum deutlichen Ausdruck kommt die Wertschätzung der Persönlichkeit in dem Satze: „Wer eine Seele von Israel errettet, dem wird es angerechnet, als hätte er die ganze Welt aufgebaüt." Zusammenfassend kann also gesagt werden, daß die im religiösen Bildungsgute enthaltenen Erziehungswerte inhaltlich den verschiedenartig formulierten Erziehungszielen vollkommen entsprechen, für sie eine wertvolle Bereicherung nach Ausmaß und Motivierung bedeuten. Religion entspringt einem inneren Bedürfnis, ohne auf die Stteitfrage über das Wesen der Religion näher einzugehen, erkennt man deutlich die produktiv schöpferische und rezeptiv aufnahmefähige religiöse Macht der menschlichen Natur. Am deutlichsten zeigt sich das bei jenen Menschen, die unbeeinflußt von der Offenbarungsreligion durch eigene seelische Tätigkeit zu einer Religion kamen. Cs sind dies vor allem die Gefühle der Furcht, der Angst, der Ohnmacht und der Abhängigkeit, das Metaphysische, Kausalitäts- und Vergeltungsbedürfnis, die Sehnsucht nach dem Ideal, das im Diesseits nicht zu finden ist. Erfolg oder Mißerfolg einer solchen aus der Menschennatur produzierten Religion erhöht ihre Geltung oder unterliegt dem Wechsel oder dem Tausche mit einer anderen. Kein Naturvolk ohne Naturreligion. Diesem Bedürfnis nach Religion kommt die Offenbarungsreligion entgegen. Der Heilige, gelobt sei er, gibt sich in wunderbarer Weise seinem Volke Israel zu erkennen, überreicht ihm die Tauro als Ausfluß göttlichen Willens zur Befriedigung göttlicher Sehnsucht. Kein Mensch ohne Religion. Religiös indifferent sein heißt zunächst einer Konfession mit transzendenter Weltanschauung sich ablehnend gegenüber zu verhalten. Religiöse Anlage kann, in ihrer Intensität und in ihrer Qualität verschieden, ja sogar verschüttet sein, sie ist aber bei fast allen Menschen vorhanden, ganz besonders ist sie stark im Kinde vorherrschend. Die meisten religionspsychologischen Forschungen über das religiöse Wertvcrhalten und Werterlebcn des Kindes bejahen die Frage

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