Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Journal
- Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern
- Volume
- 1931
- Issue
- 11 (1.12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 363 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/9934493-9934630-9934632--297-2741619- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Mitteilungen Des Mischen Lehrernereins für Vspem Schriftleitung: Max Adler, München 1931 München, 1. Dezember Nr. 11 Die erzieklicde Bedeutung des Religionsunterricbtes Von Julius Kissinger, München Erziehung ist so alt wie die Menschheit selbst. Die ureigensten Motive hierzu sind als egoistische, altruistische und kollektivistische im Menschen selbst begründet: Egoistisch, weil jeder Mensch seine Nachkommen zu demselben Lebensstandard führen möchte, den er selbst erreicht hat, um in dem Erzogenen eine starke Hilfe zu haben: als Mitarbeiter an seinem Lebenswerke, als Stütze in seinem Alter oder gar in einer drastischen Form, wie sie im „Meineidbauer" der in seinem Gewisien schwer bedrückte Vater von seinem pricsterlichen Sohne erwartet. Altruistisch: weil er dem hilflos ins Leben tretenden Kinde mit seiner Kraft und Erfahrung helfen will, Mensch zu werden! Kollektivistisch: Die Gemeinschaft hat das Intereste, die Heranwachsende Jugend in sich einzubürgern, nützliche Glieder derselben heranzubilden, die unter Bejahung ihrer Interesten, diesen tatvolle Förderung zuteil werden lasten. Die Zeiten ändern sich und mit ihnen die Menschen, oder auch die Umkehrung dieses Mahnwortes, die Menschen ändern sich und mit ihnen die Zeiten, schließt auch in seinen Geltungsbereich das Gebiet der Erziehung. In ihrem Bildungsideale und deren Verwirklichung in den Bildungseinrichtungen ist sie einem fortwährenden Wechsel unterworfen, beeinflußt von dem jeweilig herrschenden Zeitgeist, untergeordnet und zielgerichtet auf die Interesten der politisch maßgebenden Richtung im Staatsgebilde, verworfen, gestaltet, entwickelt und geahnt von den mit genialen pädagogischen Kräften begnadeten Männern und Frauen, die mit ursprünglicher Kraft hohe pädagogische Gedanken und gewaltige pädagogische Pläne hervorbringcn, geläutert und gefördert durch den Fortschritt auf dem Gebiete der Seelcnkunde mit ihrem heutigen Stande der vielverzweigten Psychologie. Aus diesen Erkenntnissen erklären sich die in Form und Geist so grundverschiedenen Schulgattungen der Vergangenheit und Gegenwart. Irgendeine Idee, mag das eine pädagogische, methodische, politische oder geisteswistenschaftliche sein, beherrscht eine Schule und wirkt bestimmend auf ihre Form und ihren Inhalt. Die ursprünglichste, aber auch die mächtigste und dauerhafteste aller Ideen, die sich der Schulen bemächtigte, istdiereligiöseIdee. Sie ist die Urheberin und Gestalterin der Schulen, führt den Kampf gegen Gleichachtung anderer besonders entgegengesetzt eingestellter Ideen in derselben, macht verzweifelte Anstrengung um Behauptung ihrer Vorherrschaft in der Wertskala der Bildungsgütcr in der Gegenwart. Von den Jesuiten-, Kloster-, Kirchen- und Stiftsschulen bis in die Mannigfaltigkeit unseres Schulsystems der jüngsten Vergangenheit, wirkt sie tonangebend und selbst der allerjüngsten generellen Regelung durch die Reichsverfastung drückt sie ihr Gepräge auf. Konfestionsschule, Bekenntnissondcrschule, christliche Simultanschule sind ihre Gegenmittel gegen religiös indifferente oder areligiöse Schulen im Schulkampf der einzelnen Länder. Je .nach dem Grade ihrer schwächeren oder stärkeren Position beherrscht sie den gesamten Unterricht oder erzwingt wenigstens eine hohe Bewertung des Religionsunterrichtes, in dem sie das wichtigste Bildungsgut erkennt. In unserem engeren Vaterlande, besten Bevölkerung in ihrem größten Teile in der Welt des Glaubens ihr höchstes Glück findet, steht auch die Lehre des Glaubens in hoher Achtung und in richtiger Erkenntnis des hohen Bildungswertes der Religion stellt die bayerische Lehrordnung das religiöse Bildungsgut an erste Stelle und räumt ihm auch im gesamten Unterricht und Schulleben eine beherrschende Stellung ein: „Das Erziehungsziel ist religiös-sittlich orientiert, neben dem deutschen sollen der religiös-sittliche Gedanke im Mittelpunkt des Schulunterrichtes und der Schulcrziehung stehen. In Bekenntnisschulen sollen diejenigen Unterrichtsgebicte und Untcrrichtsaufgaben ausgeweitet und ausgewertet, sowie aufeinander bezogen werden, die zur Erziehung im Geiste des Bekenntnisses Gelegenheit bieten." Im Rahmen einer derartig vom religiösen Geiste getragenen Lehrordnung findet sich auch in ganz besonderer Weise ein fruchtbarer Boden für den jüdischen Religionsunterricht und unsere Aufgabe ist es, diesen organisch in den Gesamterziehungsplan einzuordnen. Israels ewiger Beruf ist es, G'ttes Namen zu verkünden: □jjq xipP pmn- Dieser g'tteskünderische Ruf mahnt uns aus der Urzeit, unserer Aufgabe treu zu bleiben und besonders in einer Zeit, die wie noch nie in einer anderen im Zeichen des religiösen Kampfes steht: Im Kampf um G'tt. Wenn immer der Jude in seinem Namen G'tteskämpfer seinen geistigen Lebensberuf vor Augen gehalten bekommt, so gewinnt gerade in unserer Zeit das Wort ny eine besondere Bedeutung. Mächtige Kräfte sind am Werke, G'tt dem Menschen aus dem Herzen zu reißen; man begnügt sich nicht mehr mit dem religiösen Indifferentismus, dem Tode alles geistigen Wachstums, von geisteswissenschaftlichem Standpunkte wird Religion als Illusion bezeichnet, die G'ttlosen organisieren sich zum Vcrnichtungskampf gegen g'ttreue Menschen, sie scheuen nicht Mittel, die an das dunkelste Mittelalter erinnern. In Sowjetrußland werden Religionsvcrbote erlasten, in Spanien werden religiöse Institutionen zerstört. In kritikloser abgötterischer Verehrung moderner wissenschaftlicher Forschungen wird der alte Sinaig'tt geleugnet, als Phantasieprodukt erklärt, seine Gesetze als menschliche Crkennmiste als unzeitgemäß und reformbedürftig abgetan. In solchen Zeiten scharfer Religionskritik erhebt sich für die verantwortlichen Träger und Verbreiter des religiösen Gedankens für den jüdischen Lehrer und Erzieher die Forderung, sich zu stärken in diesem Kampfe und durch die Besinnung über die Bedeutung der Religion im menschlichen Dasein sich Mut zu schöpfen, den Kampf zu wagen und ihn als Sieger zu bestehen. Ein Rückblick in die Vergangenheit des pädagogischen Werdens, ein Einblick in das pädagogische Sein der Gegenwart zeigt ein Ringen um Inhalt und Formulierung des Erziehungszieles: Individual-, Sozial-, Moral-, Religions-, Persönlichkeitspädagogik sind die unterscheidenden Merkmale des Gemeinten. Allen aber ist ein Faktor gemeinsam, der im Mittelpunkte aller Ideen steht: die Erziehung zur Sittlichkeit. Möge das Erziehungsziel noch so verschiedenartig formuliert sein, wir werden immer wieder die sittliche Seite daran konstatieren müssen und diese häufig in Verbindung mit dem Begriffe religiös, wie das auch im Erziehungsziel der bayerischen Lehrerordnung deutlich ausgesprochen ist. Wir haben also die Frage zu beantworten: Welche Bedeutung hat Religion für die Sittlichkeit? Eine Begriffsanalyse von „Sittlichkeit" zeigt, daß ihre Teilbegriffe wesentliche Bestandteile des Inhaltes der Religion ausmachen: Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit, Achtung vor fremdem Gute und Leben, Mäßigkeit, Arbeitsamkeit, Besonnenheit, Beherrschung der Triebe, Verantwortung, Gewissen, Freiheit im Wollen und Handeln, sie alle finden in der Religion ihre Forderung, ihre Ziele, ihre Richtlinien für ihre Erwerbung und Anwendung im Einzelleben und im Leben der Gemeinschaft. Nun sind es vor allem die sogenannten Moralpädagogen, die in ihrer Propagierung einer von Religion getrennten Sittlichkeitslehre das Wort reden, welche die eben detaillierte Sittlichkeit als eine natürliche bezeichnen, wodurch sie zum Ausdruck bringen wollen, daß Sittlichkeit autonom, d. h. ihre naturhafte Anlage im Menschen hat und auch ihre religiös gerichtete Begründung intellektuell und gefühlsmäßig erfaßt werden kann. Auch wir stehen dieser Ansicht durchaus nicht feindlich gegenüber, wir anerkennen den Trieb zum Guten und sind auch der Überzeugung, daß dieser zu einer gewissen objektiven Kultur geführt hätte, wir bezweifeln aber, daß diese jenen hohen Stand der Gegenwart erreicht hätte, würde nicht die göttliche Offenbarung sie in ihrer Vollendung gegeben und mit der göttlichen Autorität von uns gefordert haben. Auf Anerkenntnis der Naturanlage der Sittlichkeit fußt ja die Verpflichtung aller Menschen, selbst der Heiden, auf die sieben noachidischen Gebote, das ist der Boden, auf dem die Stufenleiter zum Höhepunkt aller Sittlichkeit zur G'ttesebenbildlichkeit steht. Wir wissen aber auch, daß im Menschen der Trieb zum Bösen in Kampfesstellung steht zur Sittlichkeit. Deutlich zeigt uns das der Midrasch von dem ablehnenden Verhalten der heidnischen Völker, Gottes Lehre anzunehmen, weil diese ihnen zu sittlich war. Ohne Orientierungsmaßstab der Religion bleibt Sittlichkeit ein relativer Begriff; er ändert sich mit den Zeiten, ist verschieden bei den Völkern; religiös gerichtete Sittlichkeit ist für ewige Zeiten, unabänderlich und verbindlich für die gesamte Menschheit. Crkcnnmis der Sittlichkeit ist aber nur eine Vorstufe zur Vollkommenheit; erreichbar ist diese aber erst durch die Umsetzung in die Tat. Das ist Sache des guten Willens, dessen Entschlossenheit, Festigkeit,