Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 23 (1.12.1931)
- Date
- 1931-12-01
- Page
- Seite 358 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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358 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 23 Die Württembergische Gemeindezeitung vom 1. Dezember widmet dem hundertjährigen Jubiläum des Oberrates eine sehr gelungene Festnummer. Wir erhalten darin einen ausgezeichneten Überblick über die Entwicklung 1831 — 1931, die das Gesamtschicksal der deutschen Juden in diesem Jahrhundert charakteristisch widerspiegelt. Zunächst unterrichtet ein Aufsatz von Rechnungsrat Julius Wißmann (Stuttgart) über die. württembergischen Gemeinden in dieser Epoche. Vor allem wird eine sehrwertvolle und zuverlässige Aufstellung der Rabbinatsbezirke des Landes, der jüdischen Gemeinden, ihrer Wandlung und ihrer Bevölkerungsbewegung seit 1828 geboten. Auch hier die starke Abnahme sämtlicher Land- und Mittelgemeinden, dagegen eine Zunahme der Großgemeinden, die aber jetzt ebenfalls eine rückläufige Bewegung aufweift! — Die Feftnummer bringt weiter eine Lifte der sämtlichen Mitglieder und Beamten der Israelitischen Oberkirchenbehörde und des Israelitischen Oberrates von 1831—1931. Über das Schulwesen und die Steuerverhältnisse handeln weitere vorzügliche Beiträge von Wißmann. Eine hochinteressante Dokumentensammlung sind die in der gleichen Nummer veröffentlichten Aktenstücke über die Nichtzulassung von Berthold Auerbach „zu dem bevorstehenden Examen für die Candidaten der mosaischen Theologie". Berthold Auerbach richtete am 19. September 1835 an die „Königliche hochpreißliche israelitische Oberkirchenbehörde" sein Zulassungsgesuch zur RabbinatSprüfung und belegte es mit den nötigen Universitätszeugnissen von Tübingen, München und Heidelberg. Der damalige Präsident der israelitischen Oberkirchenbehörde, Oberkirchenrat von Steinhardt, legte das Gesuch „zur höheren Entscheidung" dem Innen-Minifterium vor, da Berthold Auerbach wegen seiner Teilnahme an der Burschenschaft in eine strafrechtliche Untersuchung verwickelt war. Die Zulassung wurde verweigert, und so kam es, daß Berthold Auerbach deutscher Heimatdichter und Spinoza-Biograph und nicht württembergischer Rabbiner wurde. Noch durch viele andere Beiträge, die mit dem Jubiläum Zusammenhängen, ist die Feftnummer ein wichtiges Dokument der neueren jüdischen Geschichte. Uus der Gemeinde München Bericht über die 7. Sitzung der Gemeindevertretung der Israelitischen Kultusgemeinde München vom 19. November 1931 Beginn 19 Uhr. An Stelle des aus dem Vorstand ausgeschiedenen Kommerzienrats Dr. Ludwig Wassermann wurde der bisherige stellvertretende Vorsitzende der Gemeindevertretung, Walther Weiß, einstimmig in den Vorstand gewählt. An seiner Stelle wählte die Gemeindevertretung als ihren stellvertretenden Vorsitzenden den praktischen Arzt Dr. Karl Locwenthal. In den Verfassungsausschus; trat Dr. Ludwig Regenstciner, in den Ausschuß für die Gemeindczcitung Karl Bach ein, als Delegierter für den Studien- und Arbeitsförderungsvcrein wurde Louis Picard bestimmt, als Delegierter für das Krankenheim Dr. Karl Locwenthal. Die Wahl eines Mitglieds für den Finanzausschuß wurde zurückgestellt. Als stellvertretender Vorsitzender dieses Ausschusses wurde Iustizrat Dr. Heilbronner, als Mitglied des Sparausschusses Walther Weiß gewählt. Gemäß einem Beschluß des Vorstands wurde auf Grund der Verordnung des Bayerischen Gesamtministeriums zum Vollzug des Staatshaushalts vom 30. Oktober 1931 (2. Bayerische Notverordnung) beschlossen, die Gehalts- und Versorgungsbezüge der Beamten und Beamtenhinterbliebenen der Gemeinde entsprechend dem § 5 der Verordnung mit Wirkung vom 1. November 1931 weiter um 1 Prozent zu kürzen, soweit diese Bezüge 1800 NM. jährlich übersteigen und nicht schon durch die 3. Gehaltskürzungsverordnung vom 3. September 1931 um 5 Prozent gekürzt worden sind. Cs sind darnach von dieser neuerlichen Kürzung befreit die unverheirateten und kinderlos verheirateten Beamten, die durch die Gehaltskürzungsverordnung vom 3. September 1931 schon eine weitere Kürzung von 5 Prozent erfahren haben. Die Kürzung tritt mit dem 31. Januar 1934 außer Kraft. Ferner wurden entsprechend dem § 14 der Verordnung mit Wirkung vom 1. November 1931 die Ruhegehälter und Witwengelder, soweit sie unter Zugrundelegung eines höheren Ruhcgehaltssatzes als 75 Prozent geleistet werden, auf die Beträge gemindert, die dem 75prozentigen Ruhegehaltssay der zugrundeliegenden Aktivgchälter entsprechen. Die Kürzungen auf Grund der Notverordnungen vom 31. Dezember 1930, 17. Juni, 3. September und 30. Oktober 1931 bleiben hierbei unberührt. Die Gemeindevertretung nahm hierauf zur Frage der Anstellung eines zweiten liberalen Rabbiners Stellung. Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer führte aus, daß die Anstellung einer rabbinischen Hilfskraft nach der Pensionierung des Herrn Rabbiner Dr. Finkelscherer unbedingt nötig sei, gleichwohl könne die Anstellung bei der heutigen Notlage der Gemeinde nur dann verantwortet werden, wenn sie wirtschaftlich tragbar sei. Durch die Pensionierung Dr. Finkelscherers erspare die Gemeinde einen Betrag von mehr als 7500 RM., denn -der Bayerische Versorgungsverband trage den Hauptteil des Ruhegehalts. Gleichzeitig werde Kantor und Lehrer Eisfeld in den Ruhestand versetzt, ein Ersatz hierfür aber nicht in Aussicht genommen. Hier ergebe sich eine Ersparnis von rund 4700 RM. Der Ausfall von zwei Lehrern erfordere die Anstellung einer neuen Lehrkraft. Als solche komme der zweite Rabbiner in Betracht. Der Gehalt für diesen werde nach Gruppe 2d/l unter Berücksichtigung der durch die Notverordnungen festgesetzten Kürzungen auf 5777 NM. bemessen. Zu diesem Gehalt trage der Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden 40 Prozent nach Gruppe 2k/1, das sind annähernd 2000 NM., bei. Die Anstellung eines Stellennachfolgcrs für Dr. Finkelscherer ergebe gegenüber dem Versorgungsverband eine Ersparnis von nahezu 900 RM., da der Beitrag an diesen Verband nicht mehr aus dem Gehalt Dr. Finkelscherers, sondern aus dem geringeren Gehalt des Stellennachfolgcrs zu entrichten sei. Die neue rabbinische Kraft werde die Gemeinde also weniger als 3000 RM. kosten. Dieser Ausgabe gegenüber spare die Gemeinde durch die Pensionierung Dr. Finkelscherers und Eisfelds etwa 12 200 RM., so daß sich durch die Pensionierung der beiden Herren bei gleichzeitiger. Bestellung des zweiten Rabbiners eine Ersparnis von rund 9000 RM. ergebe. Die Pensionierung Dr. Finkelschercrs und Eisfelds ohne Anstellung einer weiteren Lehrkraft würde die gesamte Unterrichtserteilung ernstlich gefährden. Dazu komme, daß es in einer Großgcmcinde wie München die schwersten Unzuträglichkeiten mit sich bringe, wenn der Gemcinderabbiner ohne Vertreter sei. Die Gemeindevertretung folgte den Darlegungen Dr. Neumcyers und beschloß grundsätzlich, nach der nunmehr erfolgten Pensionierung Dr. Finkelscherers und Kantor Eisfelds einen zweiten liberalen Rabbiner anzustellen, wobei die näheren Bedingungen der Anstellung, insbesondere der Zeitpunkt des Dienstantritts, dem Vorstand zu überlassen sei. In geheimer Sitzung wurde alsdann Herr Dr. Robert Rafael Geis ans Frankfurt a. M., derzeit an der Hochschule in Berlin, als zweiter Rabbiner einstimmig gewählt. Dr. Geis hat inzwischen die auf ihn gefallme Wahl angenommen. Antrag des Vorstands auf Abschluß eines Empfehlungsvcrtrages mit dem Verein Familienschutz für Sterbekassenversicherung zur Sicherung der Begräbnis- und Grabmalskosten von Gemcindemitglicdern sowie Antrag auf Prüfung der Wirtschaftlichkeit der Verwaltung der Gemeinde und ihrer Anstalten durch ein von der Jüdischen Gemeinde Berlin empfohlenes Institut wurden dem Finanzausschuß überwiesen. Dr. Ncumeyer teilte mit, daß die laufende Wahlperiode am 1. April 1932 ende, und daß demnach Neuwahlen zur Gemeindevertretung vorzunehmen seien. Als Wahltag werde der 13. März 1932 vorgcschlagen. Die Wahlordnung bedürfe nach der formellen Seite einiger Änderungen. Es wurde beschlossen, die Neuwahlen am 13. März 1932 vorzunehmen und dem Vorstand die Änderung der Wahlordnung zu übertragen. Nach einem kurzen Bericht von Iustizrat Dr. Straus über die Finanzlage der Gemeinde wurde die Sitzung 8.30 Uhr geschlossen. Vortragsreihe der Kultusgemeinde Jüdische Wohlfahrtsarbeit in München und Bayern. Vortrag von Fräulein Margarete Kitzinger am Mittwoch, 2. Dezember, 20.15 Uhr, im Saal der Concordia, Prannersträße 4. Eintritt frei. Kaffee Konditorei Feldherrnhalle Inhaber: ADOLF ZIMMER, früherer langjähriger Direktor Hotel Exelsior Fernsprecher Nr. 91449 Wiener Kaffee und nur erstklassige Getränke Feinste eigene Konditoreierzeugnisse mit garantiert reiner Bulter! Lieferung frei Haus