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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-02-15 · 4 (15.2.1931) · p. Seite 51

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
4 (15.2.1931)
Article
Auge um Auge
Date
1931-02-15
Page
Seite 51 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Bayerische Israelitische Gemeindereitung 51 im gesetzlichen Handeln eine minder vollkommene Form religiöser Anschauung und Betätigung führen kann; im Gegenteil, sie erscheint ihm als die für ihn und sein, das Erbe von Geschlechtern in sich tragendes Bewußtsein einzig mögliche. Deshalb bekennt sich das Judentum mit vollem Nachdruck zum Gesetz als dem Mittel, dem Menschen den Weg zu Gott zu führen. Man kann innerhalb des Judentums um die Gültigkeit des einen oder anderen Gesetzes streiten, man kann über den Umfang des Gesetzes unter sich uneins sein, aber in der ganzen Breite der heutigen und in der ganzen Tiefe der durch die Geschlechter hindurch gewordenen Judenheit bekennt man sich dazu, daß Frommsein heißt: Gottes Willen als Forderung und Gesetz zu empfinden und ihm deshalb nach der besten Kraft gehorchen. So stark ist diese das Gesetz bejahende Frömmigkeitsstimmung, daß man in der alten jüdischen Ethik das merkwürdige Wort prägen konnte: „Größer ist derjenige, der etwas tut, weil ein Gesetz ihn dazu verpflichtet, als derjenige, der es tut, ohne daß ein Gesetz ihn dazu verpflichtet." (Kidduschin 3la.) Man kann gar nicht deutlich genug darauf Hinweisen, daß die Strömungen im Judentum, die gegen die Verbindlichkeit einzelner Gesetze kämpfen, nichts zu tun haben mit jener vom Grundsatz aus und aus einer anderen Frömmigkeitsstimmung her das Gesetz als Mittel der Frömmigkeit ablehnenden Haltung. Alle Richtungen im Judentum halten an der prinzipiellen Würdigung des Gesetzes fest und erfassen es als Wesen der Frömmigkeit, in allem Tun einem als ideale Forderung erkannten und bejahten Gesetz zu gehorchen. Es gehen also, das muß man wissen, zwei Typen der Frömmigkeit nebeneinander her, das Judentum vertritt den einen; und nur, wenn man eine jede der beiden Anschauungsformen und die aus ihr sich entwickelnde Frömmigkeit kennt, kann man einander kennen und sich verstehen. Die seelischen Untergründe der verschiedenen Wertung des Gesetzes muß man kennen, dann wird man die eigene, jüdische Wertung erst recht würdigen und sie in Unabhängigkeit darstellen. Ein Ähnliches vollzieht sich in einem parallelen Vorgang bei der jüdischen Wertung der Gerechtigkeit. In den religiösen Auseinandersetzungen bezeichnen es gewöhnlich die Vertreter der christlichen Lehre als den Vorzug des Christentums, daß es die Liebe als den höchsten Wert aufgestellt habe, während im Judentum die strenge, strafende Gerechtigkeit allzu sehr betont sei. Das Judentum, so wird es dargestellt, lehre den strafenden, eifernden Gott, „den Gott der Rache", daher stehe ihm auch in der Nachfolge Gottes beim Menschen die strenge, unerbittliche Gerechtigkeit im Vordergrund. In der christlichen Anschauung aber sei Gott der milde, erbarmende Gott der Liebe, daher werde denn auch in der Nachfolge Gottes beim Menschen die Liebe der höchste, alleinige Wert. Alle Selbstdarstellungen christlicher Lehre sind auf diesen Ton gestimmt, und je undogmatischer sie sind, um so energischer wird der Vorzug christlicher Frömmigkeitsstimmung darin gesucht, daß dank ihr die Liebe in der Rangordnung der sittlichen Werte den obersten Platz einnimmt. Selbstredend, daß man nie still dazu war, es ist ja auch ein Leichtes, aus der Bibel und dem rabbinischen Schrifttum nachzuweisen, wie zweifelsfrei Gott als der Inbegriff der Güte und der allverzeihenden Liebe empfunden wird. Aus der unübersehbaren Fülle der Beispiele sei eines wenigstens herausgehoben. In der Offenbarung Gottes an Mose (2. Buch Mose 34 V. 6 u. 7) spricht Gott von sich selbst: „Der Ewige, der Ewige ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Liebe und Treue; er bewahrt die Liebe bis ins tausendste Geschlecht, er verzeiht Sünde und Missetat, wenakkeh lo jenakkeh, ungestraft aber, ungestraft läßt er nicht." Wenn aber am Versöhnungstag dieser Vers in unendlicher Wiederholung dem eigenen Bewußtsein lebendig gemacht wird, werden selbstherrlich die zwei letzten Worte fallen gelassen, nur wenakkeh bleibt stehen, und der Sinn ist ins Gegenteil verkehrt, „er läßt ungestraft". Aus der eigenen Frömmigkeitsstimmung heraus wird deutlich und betont nur Gottes verzeihende Liebe bekannt. Aber auch hier wäre noch nichts getan, wollte man nur Nachweisen, daß auch das Judentum die schrankenlose Liebe Gottes kennt und bekennt. Man muß einen Schritt weiter gehen und erkennen, warum im Judentum Gerechtigkeit eine solche Wertung erfährt, daß es sowohl im Bilde Gottes als in der Forderung an den Menschen Liebe und Gerechtigkeit in eins setzt und gar nicht voneinander zu trennen vermag. Man muß wieder ausgehen von der oben skizzierten Grunddifferenz in der Anschauung vom Menschen. Als man, feit Paulus, von dem in Welt und Mensch lebendigen naturhaften Bösen ausging, gab es in dieser Frömmigkeitsauffassung ein Heil nur in dem aus Liebe fließenden göttlichen Gnadengeschenk — der Erlösung. Jede Emporhebung des Menschen aus seiner Schwäche zu besserer Tat, jede Erhebung des Sündigen zur Buße und Lossprechung und reinerem Handeln ist nicht die Tat des Menschen, sondern die Liebestat Gottes. Um die Menschheit von ihrer Sünde zu erlösen, — so ist die dogmatische Formulierung, — brachte Gott sich in Jesus selbst zum Opfer dar, vollführte er also eine Tat, die über alle Gerechtigkeit hinausgeht und reine Liebe war; er mußte aber auch von der Gerechtigkeit absehen, weil der schwache Mensch ihr nie genügen könnte; und da alle Sittlichkeit des Menschen Nachfolge Gottes ist, wird so für ihn die Liebe zum obersten aller sittlichen Werte. Man ist zwar in weiten Kreisen des Christentums, insbesondere des Protestantismus, von der dogmatischen Formulierung und dem Glauben an den bewußten Opfertod Jesu entfernt, aber um so nachdrücklicher findet man in der Alleinherrschaft der Liebe den dem modernen Bewußtsein entsprechenden Sinn des alten Dogmas und findet in ihr das Besondere und Einzigartige christlicher Frömmigkeit. Das Judentum nun geht auch hier konsequent von seiner Grundanschauung aus, von dem Glauben an die Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit, an die Eigenkraft des Menschen'zum Guten. Daher ist es ihm ein Selbstverständliches, daß Gott, der die Gerechtigkeit ist, den Menschen, der von seiner Willensfreiheit einen schlechten Gebrauch macht, zur Verantwortung zieht, er kann ihn zur Verantwortung ziehen, weil er ihn mit der ungebrochenen Kraft zum Guten begnadet hat, er muß ihn, wenn solch ein Wert Gott gegenüber erlaubt ist, zur Verantwortung ziehen, damit das Gute in seiner Fülle sich in der Welt durchsetzt. Aber dieser gerechte Gott ist zugleich, untrennbar in seinem Sein, der Gott der Liebe, der auch zu dem Sünder voll Mitleid und Erbarmen ist, der nur daran seine Freude hat, daß der sündig gewordene Mensch sich zu einem besseren Leben durchringt und der jedem Menschen gern seine Verzeihung zu schenken bereit ist. Es vermählen sich so im Bilde Gottes Liebe und Gerechtigkeit zu einer unauflöslichen Verbindung; so wird auch in der Nachfolge Gottes im Menschen Liebe und Gerechtigkeit in gleichem Rang und ineinander verschmolzen. Wer die Rechtsordnung zerstört hat, muß aus seiner Kraft seinen Teil zur Wiederherstellung des Rechtes beitragen, das ist die Erfüllung der Gerechtigkeit durch den Menschen; und zugleich muß er, dem Vorbilde Gottes folgend, jedes Geschöpf mit Liebe umfassen, nicht nach der Würdigkeit fragen, sondern verstehende und schenkende Liebe gewähren. Aus der Wertung der Gerechtigkeit fließt die starke Aktivität, die der Jude in allen Zeiten, ohne Rücksicht auf Nutzen oder Schaden, oft zu seinem Schaden, für die Durchsetzung der Idee der Gerechtigkeit entfaltet, sein heißes Bemühen, überall da, wo Gerechtigkeit verletzt ist, um Gottes willen die Majestät der Gerechtigkeit wiederherzustellen und ihr zu ihrem Glanz zu verhelfen, und er fühlt darin zugleich die Forderung der Liebe, die in solchem Tun sich offenbaren muß. Diese Jneinssetzung von Gerechtigkeit und Liebe verkörpert sich in der Sprache jüdischer Frömmigkeit in dem Worte Zedokoh, das zugleich „Gerechtigkeit" bedeutet und „Liebestat": sie nennt einen Frommen, unabhängig welchen Bekenntnisses, einen Zaddik, das heißt einen, in dem Gerechtigkeit und Liebe in untrennbarer Einheit lebendig sind. Sowohl in der jüdischen Wertung des Gesetzes als der Gerechtigkeit kommt ein bestimmter Wille zum Ausdruck, nämlich der Wille, die Einheit von Religion und Leben zu wahren. Das praktische Leben kann sich in seiner Ausprägung im menschlichen Gemeinschaftsleben nicht auf die frei sich schenkende Liebe allein gründen, es kann die Forderung der Gerechtigkeit nicht entbehren, in immer steigendem Maße geht man im Staatsleben dazu über, die Regelung der menschlichen Beziehungen zueinander nicht von der Einsicht und der Liebeskraft der Menschen abhängig zu machen, sondern alle sozialen Erfordernisse auf Gesetz zu stellen und durch Gesetz festzulegen. Es hieße die Einheit von Religion und Leben gefährden, wenn für den Bezirk des Religiösen und für die Bezirke des praktischen realen Lebens verschiedene Prinzipien gälten; in der jüdischen Wertung von Gesetz und Gerechtigkeit vollzieht sich diese Einheit von Religion und Leben. Es ist für den Juden eine innere Genugtuung und Bestätigung, daß alle moderne Gesellschaftsformung vom Gesetz und der Gerechtigkeit als den bestimmenden Faktoren ausgeht. Auch hier erweist es sich, daß nur aus der Erkenntnis der Sonderart und Eigenwüchsigkeit jeder Religiosität, das Verständnis für einander, die Achtung vor einander und d i e Würdigung erblühen, die einem jeden sein Eigenes lieb und teuer und gegenwärtig macht und ihn zugleich ein Anderes begreifen lehrt. So nur ist ein wirklicher, wahrhafter Frieden möglich.

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