Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 4 (15.2.1931)
- Article
- Auge um Auge
- Date
- 1931-02-15
- Page
- Seite 52 (sequence 4)
- Language
- German
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52 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 4 3. „Ihr habt gekört, datz gesagt ist: ttuge um 5luge, Zahn um Zahn. Ick aber sage Lucb: Widerstrebt nickt dem Übel . . Ev. Matthäus V, 38. Von Ludwig Feuchtwanger (München) In dieser Gegeneinandersetzung der Bergpredigt ist die Schullehre von der Überwindung des Judentums durch eine höhere christliche Sittlichkeit ein für allemal festgelegt, ohne Aussicht auf ein Wiederaufnahmeverfahren über die wahre Rangordnung. Dieser Wiederaufnahmeprozeß hat dieselben Aussichten wie der über die Verurteilung im Jesus-Prozeß und für uns Deutsche über die Schuld im Weltkrieg und seinen Ausgang. Es ist gar nicht anders möglich, als daß sich das Geschichtswisien der Welt mit gewissen populären Lehren und Vorurteilen abfindet, ohne daß sich ein neues gerechteres Urreil bilden kann, vor allem wenn diese Lehren sich zu herrschenden Eruppenvorurteilen, Massenillusionen oder gar zu anerkannten Religionen der herrschenden Mehrheit versteinert haben. Die wissenschaftliche Erkenntnis, das Ringen um die reine Wahrheit bleibt daneben eine der größten, vom Tageslärm ganz unabhängigen Aufgaben der Kulturmenschheit. Die Bergpredigt, das sind die drei großen Kapitel 5, 6 und 7 des Evangeliums Matthäus, ist von vielen Generationen von Gläubigen und Gelehrten, Christen und (seit der Emanzipation) von Juden, nach allen Richtungen bis zu jedem Buchstaben tausendfach durchforscht und erklärt worden. Das unbestrittene Ergebnis der wissenschaftlichen Theologie ist, daß die Lehre der Bergpredigt vorchristlich und vorpaulinisch ist. Die berühmtesten Sätze der Bergpredigt sind das Vaterunser. Seine religiösen Gedanken haben mit dem Glauben an Jesus gar nichts zu tun, sie sind durchaus vormefsianisch und vorchristlich: Für die Gegenwart bittet darin der Fromme um sein Brot, damit er sein Leben fristen kann und um die Vergebung, damit ihn Gottes Zorn nicht dahinraffe. Einen Mittler und Erlöser kennt das Vaterunser so wenig wie die Psalmen. Woher aber der Radikalismus jener Antithese: „Ihr habt gehört, daß gesagt ist...., ich aber sage Euch ...."? Es ist das große Verdienst der neutestamentlichen Forscher der letzten Jahres daß hier von bedeutenden Kennern des nachbiblischen Schrifttums die Bergpredigt aus der Umwelt des rabbinischen Judentums begriffen wird, soweit es sich nicht überhaupt um eine Jnterimsethik für den nächsten Tag, bis zu dem als unmittelbar bevorstehend gedachten Jüngsten Tag, handelt. Wir werden von der neueren herrschenden Theologie überrascht mit der wohlbegrllndeten These: „Cs gibt nicht eine einzige unter den ethischen Forderungen Jesus', von der man behaupten kann, sie fei als Einzelforderung etwas bisher noch nicht dagewesenes." Der neueste fünfbändige Kommentar zum Neuen " Kittel, Probleme des palästinischen Spätjudentums 1926; Klausner, Jesus von Nazareth 1930; Hans Windisch, Der Sinn der Bergpredigt 1929; Strack-Billerbeck, Kommentar zum Neuen Testament aus Talmud und Midrasch. 5 Bände 1922—28. Testament aus Talmud und Midrasch enthält nicht viel weniger als 300 Seiten Parallelen zu den drei Kapiteln der Bergpredigt aus dem rabbinischen Judentum (Billerbeck I, 189—474). Der Verfasser hat in diesem abschließenden Grundwert mit einem überwältigenden Material dargetan, daß die rabbinische Literatur zu den religiös-sittlichen Gedanken und Lehren der Bergpredigt nicht nur zahlreiche Parallelen hat, sondern daß auch ihr Geist echter jüdischer Geist ist. Apologetisch ist das alles schon deshalb nicht verwertbar, weil dieser Geist nach dem heute herrschenden Lebensgefühl in Europa als Geist der Minderwertigkeit, der Schwäche und des Ressentiments einer Pariagruppe verschrien ist. Denn wir brauchen nur um uns zu blicken, um die restlose Unwirklichkeit des Geistes der Bergpredigt in unserer Umwelt zu erkennen. Also Apologie scheidet hier ganz aus. Jene Gegeneinandersetzung „Ihr habt gehört.... ich aber sage Euch ...." wird vor allem zum Phantom dadurch, daß sie rhetorischstilistisch auch dem jüdischen Schrifttum um die Zeit von Jesus allgemein geläufig war. In den Worten der Propheten von der Verwerfung des rituellen Opferdienstes ohne Gesinnung und Frömmigkeit ist die Antithese formal und stilistisch schon im Keim enthalten. „Auf keinen Fall kann man sagen, daß die Angegriffenen in ihrer Totalität in der Bergpredigt getroffen sind und ihr Urteil empfangen" (Windisch, S. 102). Wie ist aber die Schärfe und Einseitigkeit der Polemik im Evangelium zu erklären. Dieses hat, erst viel später nach dem Tode von Jesus entstanden, das richtige Augenmaß für die Beurteilung des Judentums und für die der eigenen Lehre, vor allem das Verständnis für das Gemeinsame verloren und Bedeutung sowie Neuheit der Lehre Jesus' ins Absolute gesteigert (so die herrschende moderne theologische Auffassung, z. B. Windisch S. 105). Einer der besten christlichen Kenner des Neuen Testaments aus der neuesten Zeit sagt: „Das so gewaltig klingende ,Jch aber sage Euch" hat für uns Christen nur noch relative Bedeutung." Das rabbinische Judentum konnte einen Unterschied zwischen sittlich-religiösem und rituellem Gebot nicht anerkennen, denn das widersprach der Überlieferung der Thora selbst. Noch Moses Mendelssohn hat das für feine Zeit ausdrücklich ausgesprochen. Ausdrücklich ist in der Thora verboten, etwas von den Geboten „wegzunehmen" (V. Buch Moses IV, 2). Die beste Rechtfertigung des rabbinischen Standpunktes ist der Ausspruch des Rabbi Jochanaan b. Sakkai (vgl. Billerbeck I, 719): „Bei Eurem Leben; Nicht der Tote verunreinigt und nicht das Wasser macht rein" (es handelt sich um das Gesetz im 4. Buch Moses, Kapitel 19 über die Kuh), „aber es ist eine Verordnung des Königs aller Könige; Gott hat gesagt: Eine Satzung habe ich festgesetzt, eine Verordnung habe ich angeordnet; kein Mensch ist berechtigt, meine Verordnung zu übertreten; denn es heißt: Dies ist die Satzung der Lehre, die der Ewige geboten hat." Diese Beweisführung hat sich noch Mendelssohn zu eigen gemacht. Die landläufige Legende von der Überwindung des „Gottes der Rache" durch die „christliche Nächsten- und Feindesliebe" wird freilich durch diese Ergebnisse keineswegs gestört, genau so wie es für die antijüdischen Affekte von heute völlig bedeutungslos ist, wie die Juden wirklich sind. Dostojewski in Deutschland Mit einer Bemerkung über seinen Judenhaß Zum 50. Todestage des russischen Dichters; gestorben am 9. Februar 1881 Von Dr. Ludwig Feuchtwanger 1. „Leiden und Schmerz sind stets unumgänglich für ein umfassendes Bewußtsein und ein tiefes Herz", sagt Raskoljinikow bei Dostojewski. Dieser Satz erklärt vielleicht am besten, warum erst das Deutschland der Nachkriegszeit die überragende Größe Fedor Michajlowitsch Dostojewskis, die sich im Literarisch-Künstlerischen nicht erschöpft, zu begreifen und nachzusühlen begonnen hat. Sonst wäre das Urteil über Dostojewski in Deutschland von etwa 1885 bis 1914 schlechthin unverständlich. Zwischen 1882 und 1890 ist nahezu der ganze Dostojewski in guten deutschen Übersetzungen erschienen. Aber dieser „Mensch mit entblößten Nerven", seine Gestalten, der Ablauf der uns fremden Vorgänge in dem alten frommen Rußland, konnten von den Menschen westlicher Kultur, von ihrem vernünftigen humanen Optimismus zunächst nicht verstanden werden. Die erfahrungsgemäße Wirklichkeit, was die deutschen Kritiker der neunziger Jahre „Naturalismus" nannten und was sie bei Dostojewski ausschließlich wahrnehmen konnten, war nur der ganz nebensächliche Stoff, an dem der Dichter seine Ideen, des Kampfes der menschlichen Seele mit Gott und dem Teufel demonstrierte. Wir lernen erst jetzt aus dem allerneuesten, zum fünfzigsten Todestage Dostojewskis eben erschienenen, ausgezeichneten Buch von Theodorich Kampmann „Dostojewski in Deutschland" (Münster, Helios-Verlag, 1931) klar sehen, wie die naturalistischen und neuromantischen Wertungen von ehedem an dem aufwühlenden Wesen und der geistigen Gestalt des großen russischen Märtyrers und an dem rein dichterischen Gehalt seiner Schöpfungen so gut wie ahnungslos oorübergehen mußten und nur für das Sensationelle und „Kranke", für das Interessante und Psychologische in dem Werke Dostojewskis ein Organ haben konnten. Man verstand in bestem Falle die gesellschaftsanklagende Milieu-