Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (15.1.1931)
- Article
- Die jüdischen Dramatiker deutscher Zunge
- Date
- 1931-01-15
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 19 hunderttausende von Berliner Kleinbürgern und Proletariern entflammt. Einen merkwürdigen Platz in dieser Reihe nimmt Arnolt Bronnen ein, dem Geburtsschein zufolge Sohn eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter. Er gehört einer Schule an, die man etwa als Elementarsten oder Barbäriften bezeichnen könnte, und die die Kraft in jeder Form als ihre höchste Gottheit anbetet. (Die Weltanschauung des Barbarismus, die durch den Krieg neue Nahrung gewann, hat viele unter den Juden angefteckt, auch den begabtesten der jüngeren deutschen Dramatiker, Brecht.) In Arnolt Bronnen äußert sie sich in einer etwas hysterischen Form. Er begann mit einem wilden, kraftgenialischen Stück „Vatermord", in dem ein junger Mensch seinen verhaßten Vater umbringt und seine Mutter vergewaltigt. Psychoanalytiker mögen in diesem Stück schon die spätere Entwicklung Bronnens vorhersehen. Heute steht Bronnen im Lager der extremsten deutschen Nationalisten und spricht der jüdischen Raffe wichtige schöpferische Eigenschaften ab, die er selber zu besitzen glaubt. Diese Einstellung mag vielen unsympathisch sein, doch man soll über des Dichters Mangel an Urteilskraft nicht seine unleugbare Begabung verkennen. Er hat einen Roman geschrieben „O. S.", der die Verteidigung Oberschlesiens durch die deutschen Freikorps zum Gegenstand hat, und der, zugegeben, durch ungewöhnliche Urteilslosigkeit auffällt. Aber das rechtfertigt nicht die blinde Wut, mit der die jüdischen Rezensenten das Buch zerfetzten. Unter den Stücken Bronnens ist das eindrucksvollste „Oftpolzug", ein Drama, in dem ein einziger Mensch auftritt, der bald Alexander der Große, bald ein moderner Entdecker ist, der den Gaurisankar bezwingen will. An diesem Manne zeigt Bronnen Kraft und Größe des Menschen mit viel Suggestion, wenngleich vor seinem Werk die Bedenken über die Zielsetzung dieser Kraft nie verstummen wollen. Hinreißend ist auch in anderen Stücken Bronnens die wilde, eigenwillige Technik. Der Dichter Arnold Zweig, der Schöpfer des „Sergeanten Grischa" hat eine große und, zumindest äußerlich, nicht immer glückliche Liebe zum . Theater. Er errang seinen ersten starken Erfolg mit einem Stück „Ritualmord in ARM Georg Hirschfeld Arthur Schnitzler (Phot. Atlantic) Ungarn", das die heute modischen Reportagestücke vorwegnimmt und frühes Vorbild und Erfüllung dieser ganzen Spezies von Theaterstücken ist. Lange vor der Erfindung der neuen Sachlichkeit gibt hier Arnold Zweig in knappen, erschütternden Szenen einen sachlichen Bühnenbericht über eine schauerliche Episode aus der Geschichte der ungarischen Juden. Während die ungeheuer einprägsamen Szenen des eigentlichen Stückes niemals durch Pathos oder durch Gefühl aufgeschwemmt werden, hat es sich der Dichter leider nicht versagen können, in einer Reihe von Rah. menszenen einen pathetischen Kommentar zu seinem Werk zu geben. Streicht man diesen Kommentar, so hat man noch heute im „Ritualmord in Ungarn" eines der bedeutendsten Werke der deutschen Bühne. „Der Sergeant Grischa" selber war ursprünglich ein Drama. Er hat in dem Roman seine eigentliche innere Form gefunden; neuerdings hat Zweig versucht, das Drama aufzufüllen. Dies ist ihm im wesentlichen gelungen, und die Aufführung des Stückes erwies seine Lebenskraft. Trotzdem wird Zweig wohl noch eine Weile warten müssen, bis er die rechte Distanz gewonnen hat, um das Drama vom „Sergeanten Grischa" so schlackenlos fertig zu machen wie den Roman. Außerdem hat Zweig eine ausgezeichnete Komödie geschrieben „Laubheu und keine Bleibe", ein lustiges und grimmiges Stück aus der deutschen Inflation. Es spricht für das Verantwortungsgefühl des Dichters, daß er dieses Stück, an dem er seit Jahren arbeitet, noch immer nicht hat spielen lassen, weil er es nicht für fertig hält. Noch ein Dramatiker bleibt zu nennen, der vieles erfüllt hat und gleich wohl auch heute noch mehr Hoffnung ist als Erfüllung: Ernst Toller. Seine frühen Werke, „Die Wandlung", „Hinkemann", „Die Maschinenstürmer", entstanden aus dem übermäßigen Erlebnis des Krieges und der Revolution, expressionistisch, die alten Formen sprengend, aber durch das Übermaß des Gefühls nicht zur letzten Wirklichkeit vorstoßend, sind durch ihre hurtigen, unbegabten Nachahmer ein wenig diskreditiert. Aber der Toller der letzten Jahre, ruhiger, reifer, hat durch Erkenntnisse, die er vor allem auf Reisen in Rußland und in Amerika gewonnen hat, die Kraft erworben, zu jenem Maß und jener Sachlichkeit vorzudringen, die über den Rausch des Tages hinaus Ergriffenheit auch für die Zukunft verbürgt.