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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1931-01-15 · 2 (15.1.1931) · p. Seite 20

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
7 (1931)
Issue
2 (15.1.1931)
Article
Die jüdischen Dramatiker deutscher Zunge
Date
1931-01-15
Page
Seite 20 (sequence 4)
Language
German
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20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 MM Moritz Heimann (Phot. Fritz Heimann, Berlin-Schmargendorf) , Alles in altem ist rm deutschen Drama dichterische Substanz hinreichend vorhanden. Aber sie wird verdeckt von ideologischem Nebel und subjektiver Verblassenheit. Funktion der jüdischen Dramatiker deutscher Zunge scheint mir, dieses Gewölk zu zer- Michael Beer (1880-1833) streuen. Sehr ermutigend ist der Erfolg nicht, der ihnen bisher beschicken war. Doch auch unterlegen sind sie nicht. Ihre Aussichten sind 1:1. Vas jüdische Drama Von Georg Die Geschichte des Judentums steht über der Geschichte der Kunst, wie GotteSglaube in Sternenkreisen über Marmorgöttern. Nicht die Sehnsucht, dem Lebensrätsel Form zu geben, es bildlich zu lösen, wurde jüdisches Geistesziel — unendlich weiter zielte der Drang des Urvolkes. In seinem Schicksal und in seiner Erdensendung hatte es tragische Weltdichtung, in seiner Klage ewige Musik und in seinen kämpfenden Helden Bilder, plastische Gestalten. Die Ehrfurcht vor dem Leben, der nährenden Mutter aller Künste, ist nicht jüdisch allein — sie lenkt auch das Kunstgenüssen anderer Völker. Aber sie entstammt für unsere historische Kenntnis der heimatlosen Heimat im Osten, die dem Abendlands nicht nur um tragischen Preis eine Religion, sondern auch den Kern seines Lebensgefühls gab, einen Inhalt, herrschend über alle Formen. Bibel und Talmud blieben durch Jahrtausende jüdischer Geistesschatz, geprägtes Fühlen und Denken. Wunderbar, wenn ein großes, gequättes Volk „keine Zeit" findet, sich in Kunst zu spiegeln. Der Jude fand keine Zeit. Der Jude mußte wandern und seinen umnebelten Weg schließlich doch vollenden. Ahasver auszumerzen und einen glückhaften Heimatmenschen für ihn erscheinen zu lassen, war jüdische Ausgabe. Noch ist sie nicht vollendet, bei weitem nicht — eigenes Irren, fremdes Übelwollen umwogen uns noch heute — aber die Schwelle zum Frieden scheint nahe. Das gleiche Recht in Gott, Weltbürgertum in den Nationen, für die Nationen bann nicht mehr fern sein. An dieser Schwelle, zurückschauen und Sympthome prüfend Hoffnungen aussprechen, ist in unseren Tagen Aufgabe dessen, der die Kunst liebt und den Juden in sich erkannt hat. Wir wissen es: gerade im Juden ist diese Liebe gesammelt und hundert- Hirschfeld farbig wirksam geworden. Mit dem Iahrtausendgefühl der Vergangenheit sieht er nun erst den Anbruch der Zukunft, denn die schöpferischen Erscheinungen des Judentums wurden seit einem Jahrhundert erst sichtbar. In der Geschichte des menschlichen Geistes ist ein Jahrhundert wie ein Tag, Die Griechen hatten eine Tragödie, als in Palästina noch Propheten predigten—»Kunst" hätte sich dort, vernichtenden Hohn fürchtend, verkriechen müssen. Als William Shakespeare in England das Drama für die Welt erbaute, quälten sich die Kinder Israels im Ghetto ihrer „Wirte", verfolgt und verleumdet, schuldlos Schuld büßend. Das britische Genie griff in das dunkle Gewimmel und krönte seine Gestaltungskraft durch einen Shylock. Das war vor drei Jahrhunderten jüdische Steuer zur- Kunst. Einsam stand auch ein Denker auf, ein jüdischer Sucher, der das Weltsystem, das Goethe befruchten sollte, schuf: Baruch Spinoza. Aber er war ein Philosoph — kein Künstler. Gewalt und Schmerz des..Lebens standen dem jüdischen Geiste noch immer zu hoch. Ein Vater im Ghetto lächelte -darob, mißtrauisch, scheu, verachtend — Gottesfurcht verbot ihm außerhalb des Gotteshauses „Wertes zu finden - der Sohn' aber trat noch nicht als Revolutionär auf, in heilige Schriften vergrübelt, suchte er wieder nut die jüdische Sendung — fern war noch der Literat, der Student auf fremden Schulen. * i-'-. Die Öffnung des Ghettos, der Übertritt ins Staatöbürgertum brachte die Wandlung — sie liegt in Deutschland wenig mehr als ein Säkulum zurück. (Mein Großvater wurde in. den Freiheitskriegen von 1813 — 15 preußischer-Bürger, und ich bin jetzt 57 Jahre alt.) - . ._ ^—i.. Des Judentums Leistung in diesen hundert Jahren ist beispiellos. Man darf es aussprechen,-wenn man neben dem

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