Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 7 (1931)
- Issue
- 2 (15.1.1931)
- Article
- Die jüdischen Dramatiker deutscher Zunge
- Date
- 1931-01-15
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 2 Ludwig Fulda (Phot. Keystone) Juden, viele seiner besten Schauspieler, die meisten seiner Regisseure, seine besten Kritiker. Auch ein sehr großer Teil seiner Stücke ist von Juden geschrieben: aber unter den Werken, die das Gesicht des deutschen Dramas bestimmen, ist merkwürdigerweise kein von einem Juden stammendes, während unter den Werken, die die deutsche Lyrik und die deutsche Epik bestimmen, eine große Reihe von Juden herrührt. Als der deutschen Bühne vor vierzig Jahren die Sterne Gerhart Hauptmann und Frank Wedekind aufgingen, waren es Juden, die diese Sterne leuchten machten: der Regisseur Otto Brahm, der Kritiker Alfred Kerr, der Verleger S. Fischer. Unter den Dramatikern der vorigen Generation selber finden sich Juden erst in der zweiten Reihe: Arthur Schnitzler, der, wie mir scheint, das heutige psychologisierende amerikanische Drama so ziemlich vorweggenommen hat, dann die nur aus der Reaktion gegen den Naturalismus verständlichen Führer des neu romantischen deutschen Dramas HofmannSthal und Beer Hofmann. Wirklich lebendig geblieben unter diesen Dramatikern der vorigen Generation sind aber nur eben ihre Führer, das dumpfe, nicht sehr verstandeshelle Genie Gerhart Hauptmanns und die moralbesessene Bildkraft WedekindS. Die stärkste Regiebegabung der heutigen deutschen Bühne, der Jude Max Reinhardt, ist am Theater ungeheuer, aber gar nicht am Drama interessiert. Die jüdischen Kritiker, mit Ausnahme vielleicht Alfred Kerrs, verhätscheln, wahrscheinlich angezogen von dem polaren Gegensatz, die verworrenen, dumpfen Versuche der „deutschblütigen" Dramatiker; die jüdischen Rezensenten der Provinz stammeln nach, was ihnen in Berlin der Nichtjude Herbert Ihering, ein Oberlehrer schon im Mutterleib, mystagogisch vorlallt. Diese jüdischen Rezensenten sind besonders mild gegen die in der dichterischen Substanz beträchtlichen, aber in allem Technischem schwachen Versuche der jungen nichtjüdischen Bühnenautoren. Um so strenger sind sie gegen die in der Form und in der Klarheit des Blickes viel stärkeren jüdischen Dramatiker. Aus dem Gewirr der heutigen Bühnendichter deutscher Zunge heben sich vornehmlich drei Profile: Bertolt Brecht, Georg Kaiser, Karl Sternheim. Bertolt Brecht und Georg Kaiser, von Juden erkannt, ans Licht gezogen, in jeder Weise gefördert, sind in ihrem innern Wesen denkbar unjüdisch. Karl Sternheim, der eitelste der deutschen Literaten, früher ebenso überschätzt wie heute verkannt, war der erste, der, freilich abhängig von Wedekind, den deutschen Bürger, den deutschen Babbitt, auf der Bühne entlarvte und dafür einen eigenen, giftiggrünen, viel nachgeahmten Stil schuf. Der Typ des Kleinbürgers, wie er ihn sah in den Stücken „Der Snob", „Die Kassette", „Bürger Schippel", „1913", hat Kunftbedeutung über die Zeit hinaus, in der er entstand. Die andern jüdischen Dramatiker, die auf der deutschen Bühne gespielt werden, haben eine Reihe von guten Stücken zum deutschen Spielplan beigesteuert, aber am Wesen des deutschen Dramas haben sie nicht mitgebildet. Vielleicht liegt es daran, daß sie zumeist nicht in erster Linie Dramatiker sind. Franz Werfel etwa spricht vielleicht stärker in seinen Gedichten und in seinen Romanen; es ist kein Zweifel möglich: seine Stücke „Spiegelmensch", „Iuarez und Maximilian", „Paulus unter der Juden" sind gescheite dramatisierte philosophische und historische Dialoge. Die Dichterin Else Lasker - Schüler, Schöpferin glühender phantastischer Gedichte von fast biblischer Kraft, hat ein einziges Stück geschrieben „Die Wupper"; aber dieses Stück — und das spricht gegen die jüdischen Organisatoren des deutschen Theaters — wurde erst zwanzig Jahre nach seiner Entstehung gespielt, viel zu spät, als seine Leuchtkraft schon gemindert war. Unter den Schriftstellern, die im Gefolge des (nichtjüdischen) Regisseurs Erwin Piseator nach russischem Vorbild ein proletarisches, politisches Theater schaffen wollen, exzelliert der Journalist Leo Lania, ein begabter Propagandist, doch ein wenig zu fix und za zerfahren, als daß ihm bisher ein Stück von bleibender Bedeutung gelungen wäre. Viel geraffter ist der Theaterschriftsteller Hans Jose Rehfisch, ein ausgezeichneter Architekt, erfahren in allem Handwerklichen, erfüllt von einem starken Gerechtigkeitsgefühl und manchmal bis an die Grenzen der Dichtung vorstoßend. Sein Kleinbürgerstück „Nickel und die 33 Gerechten" und sein schmissiges Reportagestück „Die Affäre Dreyfus" haben Richard Beer-Hofmann (Atelier Mayer, Wien)