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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-12-01 · 23 (1.12.1930) · p. Seite 328

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
23 (1.12.1930)
Article
Die Judenfrage auf dem Augsburger Reichstag von 1530
Date
1930-12-01
Page
Seite 328 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 361 ARKADEN-PARFÜMERIE SÄÄSS ist und wie sehr die Vorstellung, daß die Juden selbst die Schuld an ihren Vertreibungen im Spätmittelalter trügen, verfehlt ist. Aus den Augsburger Reichstags-Abschieden von 1500 und 1530 klingt diese Entwicklung merklich durch. Alle älteren weltlichen Rechtssatzungen, die vor 1500 entstanden, hatten den „Wucher" allein den Juden verboten,, bei den Christen aber dessen Unterlassung als selbstverständlich stillschweigend vorausgesetzt, weil die Kirche ihn untersagt hatte. Demgegenüber nennt der Reichstag von 1500 in seinem Wucherverbot Juden und Christen schon nebeneinander. Schon daraus wird deutlich, wie wahr von Berthold von Regensburg bis Kaiser Friedrich III. so viele Prediger und Politiker prophezeit hatten: daß die Christen „wuchern" würden, wenn man es den Juden verböte. Wenn die Beschlüsse des erwähnten Reichstags von 1600 beweisen, daß damals die Christen neben den Juden „Wucher" trieben, so zeigen diejenigen des Reichstags von 1530 den weiteren Fortgang der Entwicklung: dessen Wucherverbot richtet sich hauptsächlich nur gegen die Christen und die Juden finden nur in einer angehängten Spezialbestimmung Erwähnung. In jenem Zeitalter, das man als „frühkapitalfftisch" bezeichnet, hatte sich das Wirtschaftsleben in Deutschland so allgemein den Prinzipien gefügt, die die Juden schon viel früher aus der altrömischen Wirtschaftskultur überkommen hatten, daß das von der Kirche verbotene Zinsgeschäft — jeden Zins bezeichnet man damals mit „Wucher" — nun nicht mehr in versteckten Formen, sondern ganz offen und unangefochten getrieben wurde. Dasselbe Geschäftsgebaren, um dessentwillen man im Laufe des vierzehnten und fünfzehnten Jahrhunderts die Juden aus fast allen deutschen Städten und den meisten deutschen Ländern vertrieben hatte, hat sich gleichzeitig bei den Christen durchgesetzt und im Gegensatz zur Kirchenlehre den Charakter der Gesetzlichkeit erlangt. Dt Mißbräuche der Geldwirtschaft. die der Reichstag von 1530 den christlichen „Wucherern" untersagt, hat Josef in seiner „Reformation" unter Teilnahme der bedeutendsten Rabbiner seiner Zeit auch den Juden bei Strafe des Bannes verboten. Das war mehr als eine bloß aus praktischen Rücksichten erfolgter Anschluß an die wirtschaftspolitischen Beschlüsse des Reichstags. Es war der Anfang einer Bereinigung des inner jüdischen Lebens von dem Schutt, der sich infolge der unglücklichen Lebensverhältnisse im Spätmittelalter angehäuft hatte. Wenn es späterhin bei diesem Anfang verblieben ist, so vermindert das nicht die Notwendigkeit und Größe von Josefs sittlichem und politischem Willen. Denn wenn aus diesem Anfang ein glücklicher Fortgang hätte entstehen sollen, so hätten auch die äußeren Lebensverhältnisse der Juden wenigstens erträglich und menschenwürdig gestaltet werden müssen. Das aber ging über Josefs Kraft und Amt hinaus und wäre die Ausgabe der hohen Politik gewesen. Wenn die Erörterungen über die Augsburgische Konfession zu den letzten Gründen des christlichen Glaubens hinführen, so ermöglicht die Betrachtung der Wucherbeschlüsse desselben Reichstags von 1530 und der Tätigkeit des Josef von Rosheim einen liefen Blick tun in die seltsame Verknüpfung der Juden der Vergangenheit mit dem europäischen Wirtschafts- und Kulturleben. In doppeltem Sinne wäre eine solche Betrachtung aufichlußreich, denn sie führt nicht nur heran an die letzten Gründe der sogenannten „Judenftage", sondern zugleich auch an die letzten Fragen der menschlichen Wirtschaftsethik. Dies im einzelnen auszuführen und nachzuweisen, ist hier nicht der Ort. Wir müssen uns hier mit der Feststellung begnügen, daß jene Zeitenwende, in der die Reformation des Christentums und die Entdeckung Amerikas erfolgte, sogar für die damals ganz verfahrenen jüdischen Verhältnisse einen Reformator von Formal erstehen ließ. Dieser mußte in seinen Bemühungen um eine Judenreform infolge der christlichen Glaubenskriege zwar ebenso scheitern wie die gleichzeitigen Versuche zur großen Sozialreform, streute aber gleich diesen eine Saat, die nach den Wirren der Glaubenskämpfe und der Erholung von den Schlägen des dreißigjährigen Krieges schließlich doch aufging und mit den entscheidenden politischen und sozialen Reformen auch den Juden die „Emanzipation" gebracht hat. „Die Himmelsleiter" Zum Wochenabschnill x*iv! 1. Buch Moses 38. 10 ff. Von Rabbiner Dr. Max Dienemann (Offenbach a. M.) An die Worte der biblischen Erzählung vom Traume Jakobs: „Eine Leiter war gestellt auf die Erde und ihre Spitze reichte bis in den Himmel, und sie he die Engel Gottes stiegen hinaus und stiegen hinunter an ihr" knüpft der Midrasch^ die Frage: Ist hier nicht die Wortstellung falsch? müßte es nicht heißen, sie stiegen hinunter und hinauf? Erst müßten die Engel doch vom Himmel herniedergestiegen sein, ehe sie hinaufftieigen konnten? Welchen Sinn hat es, daß die Bibel die Engel erst hinaufsteigen und dann hinuntersteigen läßt? Und er beantwortet die Frage mit folgender Legende: „R. Samuel bar Nachman sagte, das waren die Schutzgeister der heidnischen Völker (nach einer alten Vorstellung hatte jedes Volk seinen ihn darstellenden Schutzgeist, in dessen Tun und Schicksal das des Volkes sich spiegelte), denn, so sagte R. Samuel bar Nachman, in jenem Satze birgt sich die Belehrung, daß der Heilige, gelobt sei er, unserem Vater Jakob den Schutzgeist Babels zeigte, wie er-siebzig Stufen (entsprechend den siebzig Jahren der babylonischen Gefangenschaft) emporstieg und dann wieder hinuntersteigen mußte; dann zeigte er ihm den Schutzgeist Mediens, der stieg 52 Stufen empor (52 Jahre dauerte nach einer alten, aller- 1 Tanchuma zum Wochenabschnitt Wajcze, Wajikra rabba Abschnitt 29, Pesikta zum ersten Neujahrstage, Jalkut zu Jeremia 30 V.11. dings irrigen Zählung die Herrschaft der Perser über Israel) und mußte dann wieder hinunter. Darnach schaute Jakob den Schutzgeist Griechenlands, er stieg 180 Stufen hinan (solange setzte man die Herrschaft der Seleuziden an) und dann mußte er sich zum Abstieg bequemen. Und schließlich schaute er den Engel Roms, er stieg und stieg, und -der Blick konnte ihm nicht mehr folgen. Da packte die Angst unseren Vater Jakob, und er sprach: „wird dieser niemals gestürzt werden? Da beruhigte ihn der Heilige, gelobt sei er, und sprach: „Du, fürchte dich nicht, mein Knecht Jakob, und verzage nicht, Israel" (Jerem. 30 V. 10), stiege er gar — wenn so etwas auszusprechen denkbar wäre — bis zu mir empor, er würde doch gestürzt werden, denn so heißt es: „stiegest du auch so hoch wie der Adler, wäre zwischen Sternen dein Nest gesetzt, von dort noch würde ich dich hinunterstürzen" (Obadjah 4 V. 4). Eine andere Erklärung: Jener Satz birgt in sich die Belehrung, daß der Heilige gelobt sei er unserem Vater Jakob den Schutzgeist Babels zeigte, wie er emporstieg und wieder hinunter mußte. Das gleiche Schicksal traf die Engel Mediens, Griechenlands und Roms. Da sprach der Heilige, gelobt sei er, zu Jakob: willst du nicht emporsteigen? Aber Jakob war von Furcht gepackt und er sprach: so wie alle jene von ihrer stolzen Höhe hinunter mußten, so wird auch für mich die Stunde des Abstiegs kommen, und er stieg nicht auf. Da sprach der Heilige, gelobt sei er, zu ihm: wärest d u nur emporgestiegen, für

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