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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-10-15 · 20 (15.10.1930) · p. Seite 316

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
20 (15.10.1930)
Article
Bemerkungen über neuere jüdische Bücher und Zeitschriften
Date
1930-10-15
Page
Seite 316 (sequence 1)
Language
German
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316 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 20 Bemerkungen über neuere jüdische Büd>er und 3eitf<briften 1. Neue Veröffentlichungen der Soncino-Gesellschafi der Freunde des jüdischen Buches Diese vor sechs Jahren gegründete, nach der klassischen jüdischen Druckerfamilie des 15. und 16. Jahrhunderts aus Soncino benannte Gesellschaft erstellt soeben wieder ihre Mitglieder durch eine Reihe erlesener Publikationen. Lektüre und Studium der vorbildlichen Drucke entführen aus dem Alltag und entrücken den Kundigen in eine Welt abseits von Zweck- und Rechenhastigkeit. Ich gebe den höchsten Rang aus der Reihe der diesjährigen Veröffentlichungen dem edlen in Italienischer Antiqua gesetzten Quart- Land: „Franz Rosenzweig — Ein Buch des Gedenkens", herausgegeben von Herrmann Meyer. Diese Sammlung ergänzt in glücklicher Weise die Frankfurter Gedenkschrift für Roienzweig, von der hier (in Rr. 15 vom 1. August 1930) ausführlich die Rede war. Der Vollständigkeit halber fei bei dieser Gelegenheit auch die dritte eben erscheinende Rosenzweig-Publikation erwähnt: der erweiterte Vortrag, den Ernst Simon bei der diesjährigen Generalversammlung der Akademie für die Wissenschaft des Judentums gehalten hat und der im 11. Jahrgang des „Korrespondenzblattes" der Akademie (Oktober 1930) unter dem Titel „Franz Rosenzweig und das jüdische Bildungsproblem" abgedruckt ist. Auch das Gedenkbuch der Soncino-Gejellschaft enthält einen Beitrag von Simon unter dem Titel „Versuch über Rosenzweig". Die Rolle, die die ideengeschichtlichen Forschungen Friedrich Meineckes, der Neu- Kantianismus Hermann Cohens, das große jüdische Wissen und die zerrissene Problematik von Rabbiner Nehemias Nobel in dem Werke Rosenzweigs gespielt haben, wird aus diesen Seiten zur vollkommenen Klarheit gebracht. Weiter sind in dem Sammelband vertreten: Martin Buber (Für die Sache der Treue), Gerhard Schalem (Di\vre Askara) und mit Erinnerungen aller Art Bercha Badt-Strauß, Margarete Susmann, Jos. Prager, Viktor Ehrenberg und Hermann Badt. Hochinteressant ist auch die zweite Gabe: Rabbinische Legenden von Gottlieb von Leon, ein Groß-Oktav-Bändchen, gesetzt aus dem Cicerograd der Garamond-Anttqua und Garamond-Kursiv. Gottlieb von Leon (1757—1832) war Kustos der Wiener Hofbibliotyek; seine „Rabbinischen Legenden" erschienen zuerst 1821 in Wien und waren seinen „verewigten Sreunden" Michael Denis, Joh. Gottfried Herder und Johannes von Müller gewidmet. Diese sehr anziehende Sammlung, ein Gemisch von Midraschim und Herderscher Volkspoesie, sollten nach der Absicht des Verfassers in den Jahren nach der Emanzipation eine Brücke zwischen jüdischem und christlichem Geist schlagen. Wertvoll sind auch die erweiterten und reichhaltigen beiden Mitteilungsheste der Gesellschaft Nr. 5 und 6. Daraus kann hier nur auf den außerordentlichen Vortrag von Dr. Israel Auerbach hingewiesen werden: Lebendige jüdische Wissenschaft. Wie die Emanzipatton auch ein Schwinden der guten Geister des jüdifchen Buches bedeutete, ist nie so eindringlich und bewegend geschildert worden. Es ist erfreulich, daß diese „Soncino-Nachrichten" von jetzt ab erweitert vier- bis fünfmal jährlich erscheinen sollen und daß sich die Herren Dr. Fritz Bamberger und Herrmann Meyer für die Redaktion zur Verfügung gestellt haben. Das Organ der Gesellschaft, die Soncino-Blätter, sind durch das Doppelheft Juli 1930, das als „Festschrift für Heinrich Brody" erscheint, in glänzender Weise fortgesetzt worden. In dem Geist des berühmten Entdeckers und Erklärers hebräischer Poesie sind d wissenschaftlich wertvollen Beiträge der bekanntesten modernen jüdischen Gelehrten abgefaßt, allerdings nur den Spezialisten zugänglich, aber auch dem außenstehenden Liebhaber echter jüdischer Geisteskultur ein Ansporn und ein Wissensziel. Die Soncino-Gesellschaft der Freunde des jüdischen Buches (Geschäftsstelle Berlin C 2, Kaiser-Wilhelm-Strahe 12) verdient uneingeschränkte Förderung durch jeden deutschen Juden jeder Richtung. 2. «Heilige und unheilige Gerüche" Nur im Vorübergehen, aber mit Nachdruck, sei hier auf den prachtvollen beziehungsreichen Aufsixtz von Professor Heinrich Löwe (Berlin) zu diesem seltsamen Thema aufmerksam gemacht; er ist enthaüen in dem neuesten Doppelheft 5/8 der orthodoxen, auf hohem Niveau stehenden, hier schon mehrfach erwähnten Monatsschrift „Jeschurun", die hier noch einmal einem" regelmäßigen eindringlichen Studium empfohlen sei. In fesselnder Weise vehandelt hier Professor Loewe die bekannte Rolle, die der gute oder, schlechte Geruch in Volkskunde, in der Legendengeschichte und in der Geschichte aller ausbauenden und niederreihenden Affekte im echten Leben der Völker (nicht in der Geschichte oer Schlau-len und Dynastien) gespielt hat. Der Foetor judaicus ist ein altes bekanntes judenfeindliches Requisit. Anderseits haben wieder ostasiatische Kulturvölker feinempfindliche Individuen unter sich, denen der Appetit zum Essen vergeht, wenn sie Europäer in ihrer Nähe wittern. Nach einer Marien-Legende aus dem vierzehnten Jahrhundert wird ein Judenknabe ohne Vorwissen seiner Ellern der Taufe zugeführt. Als er heimkehrt, verbreitet er einen durchdringenden Wohlgeruch um sich. Den ungläubigen Eltern kommt es aber vor, als ob er stinke. Mittels Wohlgeruch- und Gestank-Legenden aller Zeiten führt uns Loewe in höchst anziehender Weife durch die ganze jüdische Geschichte, an gelehrten, zuverlässigen Hinweisen aus allen Kulturkreisen nicht sparend. Dieses besonders wertvolle Heft des „Jeschurun" enthält auch den programmatischen Aussatz von Ernst Simon „Der Zionismus — Versuch einer Neubegründung". Hier wird vor allem die religiös völlig indifferente, eigentlich atheistische Wurzel des alten Herzlschen Zionismus bloßgelegt und seine Herkunft aus dem Negativen gezeigt: der jetzt wohl überholte politische Zionismus habe an die Stelle der isolierten Jndividual-Asfimilation der hierin nur gradweise unterschiedlichen liberalen und neu orthodoxen Bewegungen eine Gesamt- Assimilation gesetzt, gleichsam in Erfüllung der alten Ketzerthese: „Wir wollen sein wie alle Völker, Haus Israel." Dementsprechend wurde auf dem ersten Zionistenkongreß „Religion" — das Lebenszentrum des jüdischen Volkes — als „Privatsache" erklärt; das habe die besten jüdischen Geister vom politischen Zionismus ferngehalten. Sowohl die kritischen wie die aufbauenden Gedanken Simons sind in jeder Einzelheit hochbedeutsam, nie überspitzt und demagogisch; sie schaffen durch ihren Ton und ihre Gesinnung Einigung und bekehren Abgewandte. Die früheren Hefte des gleichen „Jefchurun"-Jahrganges (1930) enthalten u. a. vorzügliche Aufsätze von Joseph Carlebach (über die religionsphilosophische Stellung Rosenzweigs), von Arnold Merzbach (Die Ausgrabungen von Ur), M. Elias (Was geben wir der Jugend zu lesen und was liest sie?), Saul Munk (Arbeitsmethoden im Talmudunterricht), Jsak Unna (Zur Aguna-Frage) und viele andere. Neben dem „Morgen", der „Monatsschrift" darf jenseits aller Richtungen der „Jeschurun" von keiner jüdischen Bibliothek übersehen werden; seine Fortführung bleibt Ehrensache des Gesamtjudentums. 3. Drei Essay-Bücher Wilhelm Michel, einer der frühesten verständnisvollen nicht-jüdischen Interpreten des Werkes von Martin Vuber, findet in seinem neuen Buch „Das Leiden am Ich" (Verlag Carl Schünemann, Bremen) neue und uns lunmittelbar ergreifende Worte über die Zeitlage. Der Untertitel „Anweisungen und Betrachtungen zur praktischen Geistesführung" weist auf die Absicht hin, das Nur-Literarische, Äschetische, Gescheite hinter sich zu lassen. In bewegter Rede wird die Zeitkrankheit des nur an sich festhaltenden und in Ersatzwelten sich verstrickenden Ich — eine allgemeine Krankheit und eine ganz spezielle westeuropäische Judenkrankheit — beschrieben und durch das Aussprechen fast unschädlich gemacht. „Die Einsamkeit, in die der Mensch heute langsam hineinwächst, wird immer gespenstischer, das Verbindende wird immer dünner, das Trennende immer stärker. Die Menschen begegnen sich nur noch." Jeder dieser feingeschliffenen Versuche, vor allem das Meisterstück „Baudelaire und die Gifte" greift ans Herz und schnürt die Kehle zu. Das Buch wird beschlossen durch die berühmte Abhandlung „Marttn Bubers Gang in die Wirklichkeit". Ernst Bloch, der Verfasser des „Geistes der Utopie", gibt in seinem neuen Buch „Spure n" (Verlage Paul Cafsirer, Berlin) eine 'Sammlung philosophischer Anekdoten, elementarer Einfälle und weithin bedeutender Märchen. Wer früher einmal große Hoffnungen in die Hellhörigkeit und Feinnervigkeit dieses witzigen Kopfes setzte und eine abgerundete große Leistung von diesem Ur- Juden erwartete, wird enttäuscht. Gewiß, einzelne Einfälle, die

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