Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 20 (15.10.1930)
- Article
- Bemerkungen über neuere jüdische Bücher und Zeitschriften
- Date
- 1930-10-15
- Page
- Seite 317 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 20 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 317 Art der Wiedergabe, die Eindringlichkeit sprachlich kaum Formbares und Unsagbares an uns heranzubringen, ist bewundernswert. Aber das Werk aus einem Guß, ohne Haschen nach Beifall und Effekten, ohne Sucht, unter allen Umständen originell und verblüffend zu wirken, steht von Bloch noch aus. Ein ungewöhnliches, echt jüdisches Buch ist auchdie Sammlung von Willy Haas, dem Herausgeber der „Literarischen Welt": „Gestalten der Zeit" (Verlag Gustav Kiepenheuer, Berlin). „Die jüdische Situation" nach der heutigen geistigen Seite beleuchten die beiden Stücke „Moritz Heimann" und „Uber den jüdischen Witz". Das Mittelstück ist die Deutung der Nachkriegsgestalt Ludendorffs und ihre Zusammenstellung mit Georg Büchners Woyzek: „... Still, Andres! Das waren die Freimaurer, ich Habs, die Freimaurer! ©tut! ... Hörst du, es wandert was mit uns, da unten wandert was mit uns... Ich bin vielem auf der Spur... Linienkreise — Figuren — da steckte, da — wer das lesen könnte!..." Hier ist ein Verständnis für kranke Seelenzustände, ein Hineinkriechen in fremde Gehirngänge, das fast so unheimlich ist wie das Tappen und Rumoren des geschilderten Pattenten. Ludwig Feuchtwanger. „Christentum" in der Cnzvciopaedia Judaica Von Dr. Ernst Simon (Haifa) Wir können die neue große „Enzyclopaedia Judaica" des Eschkol- Verlages auffassen als einen gültigen Ausdruck für den Stand der modernen jüdischen öffentlichen Meinung im weitesten Sinne des Wortes. Noch nicht seit sehr langer Zeit gehört es zum Bilde dieser öffentlichen Meinung, daß sie sich freimütig und offen mit dem Christentum auseinandersetzen kann. In der talmudischen Epoche war die Antwort des Judentums auf das übermächtig andrängende und bald auch von der Staatsgewalt unterstützte Christentum die großartige Geste des Schweigens. Statt von Jesus sprach man nur von „jenem Manne", statt von Paulus nur von „jenem Schüler" und meinte, damit den Mund des fremden Schicksals gleichsam magisch verschließen zu können: was man nicht benannte, das war nicht. Noch ist eine Geschichte des Abfalls vom Judentum nicht geschrieben, aber sie würde zeigen, daß auch jene geistig oft fjoch stehenden, wenn auch wohl in der Mehrzahl der Fälle sittlich höchst bedenklichen Konvertiten des Mittelalters das Problem nicht einmal in ihrer eigenen Brust, geschweige denn für die von ihnen verlassene Gemeinschaft zum Austrag gebracht haben. Hier ist vielmehr ein Erliegen, kein Gegenüberstehen: Nachfolge, aber nicht Antwort. Das gilt noch bis tief ins 19. Jahrhundert hinein, nur daß nun der Schuldanteil des Judentums selbst am Verlust dieser seiner Söhne beängstigend wächst. Die rapide Anpassung der jüdischen Glaubenswelt an die Forderungen des Staates und der bürgerlichkapitalistischen Gesellschaft entleerte sie von jenen spezifischen Religionselementen, die zwar keinesfalls ihren einzigen Bestandteil ausmachten, von der sie doch aber bis in die profansten Bezirke hin durchatmet waren. Merkwürdig: gerade die emanzipatorische Konfessionalisierung des Judentums, die in Reform und Neuorthodoxie graduell verschieden, aber gleich eindeutig, im politischen Zionismus unter der Maske der Nationalisierung auftrat, gerade sie entreligionisierte das große Erbe, in dem es seine Ganzheit in abstrakte Teilformeln und nur gespenstisch lebendige Teilwirklichkeiten aufspaltete. Aus dieser Situation flohen manche Juden ins Christentum — neben den vielen, die es aus Karrieregründen taten und uns daher hier nichts angeben — weil sie meinten, dort unmittelbarere Religion zu finden. Wie weit auch das eine Täuschung war, da sehr ähnliche Zerfallsprozesse des Christentums sich den Augen der Sehnsüchtigen nur infolge ihrer größeren Entfernung von dem erstrebten Glauben verbergen konnten, das ist bereits eine Frage für sich. Hier ist nur die Feststellung wichtig, daß auch diese Konstellation nicht dazu angetan war. die wirklich freie Auseinandersetzung zwischen Judentum und Christentum zu vollziehen: sie geschah vielmehr von uns aus in der Form der Apologie, der Selbstverteidigung, die der eben beschriebenen religionsstrategischen Lage durchaus gerecht wurde: man wollte den Gefährdeten im eigenen Lager die religiöse Gleichwertigkeit des Judentums zeigen und tat das unter Betonung gerade derjenigen Elemente, die das Christentum als feinen ausschließlichen Besitz propagandistisch in Anspruch nahm und deren Vorhandensein „auch bei uns" man nun stolz bewies. Diese Situation hat sich heute gewandelt: im wesentlichen wohl durch eine indirekte Wirkung des Zionismus, dessen zunächst rein formales neues jüdisches Selbstgefühl dann auch mit neuer Methode der Auseinandersetzung auf die Inhalte der jüdischen und nichtjüdischen Welt reagierte. Für das Christentum war Marttn Buber der erste, der eine unbefangenere, wenn auch zunächst noch überbetonte Würdigung einleitete; Rosenzweig und Baeck haben die Auseinandersetzung weitergeführt. Heute kann die „Enzyclopaedia Judaica" eine ganz affektlose, wissenschaftlich begründete und doch von jüdischen Voraussetzungen her Stellung nehmende Darstellung des Christentums bringen. Es geschieht durch eine umfangreiche Abhandlung des Augsburger Rabbiners Dr. Ernst Jacob. Sie behandelt, nach einer kurzen Definitton dessen, was Christentum ist und bedeutet, sowie einer Geschichte dieser Namensgebung zunächst das Leben und die Lehre von Jesus, dessen Geschichtlichkeit sie bejaht, ohne zu glauben, seine Biographie schreiben zu können. Dann folgt die Darstellung der paulinischen Revolution, also die Ausweitung der jüdischen Sekte zur Weltreligion durch den Entschluß des Paulus, auch den Heiden das Evangelium zu künden. Mit dieser Wendung war der Fortfall des jüdischen Gesetzes innerhalb des Christentums notwendig verbunden. In der nachapostolischen Zeit scheiden sich zunächst Judenchristentum und Heidenchristentum noch" deutlich voneinander, wie man ja im Grunde die ganze christliche Sektengeschichte als einen Streit dieser beiden Grundrichtungen auffassen kann: sie kommen bei Jacob zu gesonderter und umsichtiger Behandlung. Nun erst besteht die Möglichkeit, dogmatisch zu vergleichen, „was Judentum und Christentum gemein haben und was sie trennt". Die von Jacob mit Recht festgestellte „Enteignung des Judentums" durch das Christentum ist im Druck nicht ganz so deutlich geworden wie in dem ursprünglichen Manuskript, das mir vorliegt: hier wie an anderen Stellen, z. V. bei der ausgezeichneten Schilderung der inneren Kämpfe des Paulus, hat vielleicht eine unberechtigte Angst vor zuviel Apologie eine Rolle gespielt, die aber selbst noch in den Bezirk des „apologetischen Denkens" (Rosenzweig) gehört. Besonders lehrreich sind die beiden Schlußabfätze der Abhandlung, deren erster die Einflüsse des Judentums auf die christliche Vibelerklärung, die christliche Religionsphilosophie und die christlichen Reformbewegungen untersucht, während der zweite noch einmal die „Stellung des Judentums zum Christentum" historisch und systematisch erörtert. Hier hätte vielleicht die relattve Anerkennung des Christentums, die Jacob vielfach belegt, noch aus jener Grundquelle des jüdischen Toleranzbegriffes hergeleitet werden: der Bibel selbst, die zeigt, daß Offenbarung und sogar Prophette (Bileam) Juden und Nichtjuden zuteil wird, während Christentum und Islam den Seligkeitsanspruch anderer Religionen nur „um der Väter willen" (Paulus) oder als „Schriftbesitzer" (Koran), also nur historisch, nicht aber in voller Gegenwärtigkeit anerkennen. „Die Frommen der anderen Völker haben Anteil an der kommenden Welt" — dieser talmudische, von Maimonides als - geltendes Gesetz rezipierte Satz ist die Quelle auch unseres Verhaltens zum Christentum da, wo es wahrhaft Religion ist. Diese Gesinnung hat die Arbeit Jacobs ermöglicht und befruchtet, wie sie umgekehrt allmählich auch bei gewissen Vorläufern einer neuen christlichen Wisienschaft vom Judentum sich zeigt, sie. wie etwa der verstorbene Hugo Greßmann, der jüdischen Wissenschaft vom Judentum deshalb den Vorrang lassen, weil ihre Objektivität die der Nähe und Liebe sei.