Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 18 (15.9.1930)
- Article
- Das Gottesreich
- Date
- 1930-09-15
- Page
- Seite 285 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeinderettung 285 Wort? „Mein Reich ist nicht von dieser Welt" erzeugte eine solche Gleichgültigkeit gegen diese Welt, daß die Mächte der Gewalt, deren Reich eben ausschließlich von dieser Erde ist, nur ju leicht ihren verlorenen Platz zurückgewinnen konnten und ein Jahrtausend lang das Nahen des Gottesreiches im ursprünglichen Sinn unmöglich machten. In den letzten Jahrhunderten haben ja eine Reihe von edlen Denkern in den verschiedensten Ländern und aus den verschiedensten Bekenntnissen wieder an die alte, reine Lehre vom Gotteöreich angeknüpft und aus ihr die Anregung und Kraft zu einer Höherführung der Menschheit geschöpft. Doch bis jetzt haben ® Johannese 18, 36. ihre Bestrebungen noch nicht vermocht, in einem größeren Kreise durchzudringen, noch harrt der größte Teil der Menschheit des Iubelrufes (Psalm 47, 7): „Gott ist König über alle Völker geworden, Gott sitzt auf seinem heiligen Throne." Suchen darum zunächst wir unter uns selbst dem hohen Gedanken des Gottesreiches immer mehr Geltung zy verschaffen! Bemühen wir uns, ihn immer bester zu verstehen und ihm immer mehr Anhänger zuzuführen! Deuten wir den schmetternden Klang des Schofar gleich dem Pfalmiften als Hulhigungörus, den wir unserm Gotte anftimmen, und in welchen mit uns — so hoffen wir — dereinst die gesamte Menschheit oysbricht (Psalm 47, 8): „Denn König der ganzen Erde ist Gott." „Oie ludenlrage" „Süddeutsche Monatshefte" München, Septemberhett 1930 Im Jahr 1916 haben die Süddeutschen Monatshefte den Ostj u d e n eine umfangreiche, ausgezeichnete Nummer gewidmet, die weit über das Lagesinteresse hinaus ihren Wert behält. Die Erinnerung an dieses gute Heft hat wohl Elbogen und Baeck veranlaßt, ihre Mitarbeit auch dem vorliegenden Heft nicht zu versagen. Und so kommt es, daß wir diese beiden repräsentativen Vertreter des modernen deutschen Judentums hier in einer Gesellschaft mit den Nationalsozialisten Reventlow und Theodor Fritsch vom „Hammer" sehen, öffentliche Aussprache der Gegner über ihre Ziele, statt gegenseitiger Beschimpfung ist gewiß gut, besonders in der abgeklärten Art, die der Meinungsaustausch in einer Zeitschrift von Ansehen und Rang zur Bedingung macht. Was sagen uns aber diese beiden Reeders de bronze des heutigen Antisemitismus? Zuerst Reventlow: „Selbstbewußtsein und Anspruch des Juden sind mit seiner Macht in Deutschland und in der ganzen Welt zur Unerträglichkeit gestiegen." Die Forderung der Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ob Jud oder Christ, seien jüdische Mätzchen und Unwahrhaftigkeit; der Anspruch der Zionisten als deutsche Staatsbürger zu gelten, sei doppelte Buchführung und der Gipfel der Arroganz. „In Deutschland gibt es nichts, vom pazifistischen Internationalismus bis zum Film und Schund und Schmutz, was nicht von den Juden benutzt und beherrscht würde, um das Deutschtum zu zersetzen, zu vernichten und zu verfälschen. Das Schlagwort vom Antisemitismus hat nie dem Wesen der Judengegnerschaft in Deutschland entsprochen, noch je etwas mit ihr zu tun gehabt. Es ist eine jüdische Er-' findung und soll einen „Rassenhaß" Vortäuschen, eine sozusagen grundsätzliche Unduldsamkeit, ein primitives, borniertes Vorurteil gegen die semitische Rasse." Das sei grundfalsch. Die semitischen Araber, mit den Deutschen seit dem Mittelalter in sympathischen Beziehungen, seien jetzt auch unter die „Antisemiten" gegangen. Die Gefahr sei nur der Jude, sein Wesen, dieses sei ein Giftstoff für das deutsche Volk und muß aus ihm entfernt werden um jeden Preis. Die Beseitigung des Parasiten sei Lebensfrage für Deutschland und Ausübung seines Lebensrechts. Der Rest ist Machtsrage, weiter nichts. Der Parasit sei das Minderwertige, das Schädliche und das von Grund aus Unberechtigte. „In Deutschland ist die Reife zur Lösung der Judenfrage da." Das, nicht mehr und nicht weniger, sagt Reventlow. Wir können uns die Thesen von Theodor Fritsch danach ersparen; er sagt mit andem Worten genau dasselbe: an allen Unwerten in der Welt ist schlechthin der Jude schuld, alle Unwerte sind „jüdisch". Danach lesen sich die jüdischen Aufsätze von Elbogen (Wanderungen der Juden), Baeck (Die jüdische Religion in der Gegenwart), Israel Cohen und Holdheim (über den Zionismus), Eva Reichmann- Jungmann (über den Centralverein), Max Naumann (Nationaldeutsches Judentum) wie Monologe; sie bringen inhaltlich nichts Neues, aber in dieser Situation, neben Reventlow und Fatsch, wirken sie gespenstisch, in den Wind gesprochen. Die Hoffnungslosigkeit dieser „öffentlichen Aussprache" zeigt sich am deutlichsten in dem trostlosen Beitrag des völkischen Schriftstellers Ernst Jünger. „Die wirksamste Waffe gegen ihn (den Juden), den Meister aller Masken, ist, ihn zu sehen." Und: „Als einer der vorletzten Versuche, die alte Stellung zu halten, läßt sich die Peteiligung des Juden am Versuche einer legitimistischen Restaurgtion mit Sicherheit Voraussagen." „Jedenfalls argumentiert heute der Jude, der wirklich Talent, der wirklich Witterung besitzt, konservqtiv", das ist eine seiner Masken, um sich vor dem Erkanntwerden zu schützen. Das hilft ihm aber auch nichts: „Im gleichen Maße, in dem der deutsche Wille an Schärfe und Gestalt gewinnt, wird für tzen Juden auch der leiseste Wahn, in Deutschland Deutscher sein zu können, unvollziehbarer werden." Was diese „offenen Aussprachen" schlechthin aussichtslos macht, ist die verschiedene Sprache der Gegner. Nicht einmal ein Wörterbuch oder „1000 Worte Reventlow-Hitler" können hier Helsen. Leichter könnte Herr Rabbiner Baeck sich mit dem Eskimo-Baby auf dem Oktoberfest verständlich machen als mit Fritsch und Jünger. Sinnvoller sind solche Auseinandersetzungen vielleicht innerhalb der entgegengesetzten Gruppen unter sich, etwa die jüngste Zwiesprache zwischen den beiden sich als Ur-Deutsche fühlenden Dichtem Frank Thieß und Hanns Iahst. Aus diesem Gespräch seien hier einige Sätze von Frank Thieß hergesetzt, den man nach seinem Buch „Erziehung zur Freiheit" gewiß nicht der Judenfreundschaft beschuldigen kann: „Ich kenne Juden, deren Familien seit Jahrhunderten in Deutschland angesiedelt sind und nach Haltung, Wirken und Sittlichkeit uns ein Vorbild für deutsche Art und Geistigkeit sein können. Und ich kenne rotblonde „Germanen", die in ihrer Lebensart sich in nichts von den übelsten jüdischen Asphalttypen unterscheiden, gleichwohl den Mut haben, beim Namen Einstein (von dem sie keine Zeile zu kapieren imstande sind), wie vermeldet ausspucken. Und wenn sie wüßten, wer Spinoza war, würden sie sich ebensowenig schämen, ihn ein .jüdisches Schwein' zu nennen, und Goethe, auf dessen Lebenswerk Spinoza unberechenbaren Einfluß ausübte, einen Renegaten. Wenn das deutsche Art und .deutsches Blut' ist, schäme ich mich, ein Deutscher zu sein." Trotzdem sei das Judenheft der „Süddeutschen Monatshefte" hier eindringlich empfohlen. Der prachtvolle Aufsatz von Josef Hofmiller „Von jüdischen Bräuchen und jüdischem Gottesdienst" lohnt allein schon; und auch die beiden guten sachlichen Aussätze „Faschismus und Judentum" (von Kurt Kornicker in Rom) und „Das Judentum im Sowjetstaat" bringt Neues und Wichtiges zur modernen Judenfrage. Lud.wig Feuchtwanger 0 HAUS DER I) l MÜNCHEN J KARLSPLATZ 5 Q U A L I 7 STARK & Cil a i s s r o FEE 1 4 4 4 NÜRNBERG 4 LUITPOLDSTRASSE 11