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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-09-15 · 18 (15.9.1930) · p. Seite 284

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
18 (15.9.1930)
Article
Das Gottesreich
Date
1930-09-15
Page
Seite 284 (sequence 2)
Language
German
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284 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 der seinen Ausdruck findet in dem Schlagwort: „Recht oder Unrecht, mein Vaterland!"3 er ist noch viel unheildrohender. Denn in ihm liegt sozusagen ein multiplizierter Egoismus, dessen Wirkungen unendlich stärker und weitreichender sind, und er birgt noch eine besondere Gefahr in sich dadurch, daß er meistens sein häßliches Gesicht nicht offen zeigt, sondern hinter irgendeiner verführerischen Maske sich versteckt. Er täuscht dem ahnungslosen Volke entweder vor, daß seine Ehre und sein Bestand auf dem Spiele stehen, oder er wendet sich an die Begehrlichkeit der Massen und verspricht ihnen: „Ich führe euch herrlichen Zeiten entgegen", bis die dadurch Betörten mit Schrecken zu spät erkennen, daß man sie an einen Abgrund geführt hat. Das Gottesreich ist nicht etwa eine Verheißung, sondern vielmehr eine Aufgabe, eine schwere Aufgabe, es fordert von uns das Höchste, es mutet uns nicht nur zu, auf vieles zu verzichten, sondern es verlangt von uns auch positive Leistungen und Anspannung unserer ganzen Energie, und es kann schon aus diesem Gunde sich nicht so schnell verwirklichen, wie es zu allen Zeiten immer die Besten und Fortgeschrittensten erträumten. Das Gottesreich stellte sich von Anfang an in bewußten Gegensatz zu den Weltreichen, die weder den Gedanken des einen GotteS noch der einen Menschheit kannten, für die die Welt gleichbedeutend war mit ihrem Herrschaftsbereich, die daher kein anderes Ziel als die Schaffung eines mächtigen irdischen Reiches erstrebten und hemmungslos auf fortwährende Erweiterung der Grenzen dieses Reiches hinarbeiteten. Im Gegensatz zu solchen Mächten, die die Welt mit Kriegslärm erfüllten und erbarmungslos das Glück der Völker zertraten, zeichnet der Prophet (Ies. 42, 2 ff.) das Bild seines eigenen Volkes, wie es seinem Seherblick vorschwebt: „Es schreit nicht und lärmt nicht und läßt nicht draußen seine Stimme erschallen. Geknicktes Rohr zerbricht es nicht und glimmenden Docht löscht es nicht aus, den Völkern soll es das Recht bringen. Es ermattet nicht und bricht nicht zusammen, bis es auf Erden das Recht feftgeftellt hat und seiner Lehre harren die fernen Inseln." Angesichts einer solchen Auffassung seiner geschichtlichen Aufgabe durfte sich Israel nicht wundern, wenn es immer die Anbeter der Gewalt zu seinen Feinden hatte, und hier liegt auch die Erklärung der manchem unter uns auffälligen Tatsache, daß die Bekämpfung des Judentums, in allen Ländern gerade in den Parteien am häufigsten ist, die das höchste und letzte Heil im Schwerte suchen, und die daher lieber heute als morgen die Greuel des Krieges wieder über die Menschheit bringen möchten. Doch wir dürfen nicht verschweigen, daß auch innerhalb der jüdischen Kreise zu manchen Zeiten ein heftiger Widerstand gegen den Gedanken des Gottesreiches sich geltend gemacht hat. Als noch der erste Staat und Tempel standen und die Propheten die Lehre vom Gottesreich verkündeten, gab es Könige und Staatsmänner, die von dieser Lehre nichts wissen wollten und den Verbreiter einer solchen Lehre als Staatsfeind verfolgten. Das gleiche Schauspiel wiederholte sich kurz vor dem Untergang des zweiten Staates und Tempels, und es wurde damals sogar ein Ausdruck geprägt, um jene Lehre vom Gottesreich zu brandmarken, es ist der Ausdruck Aul Malchus schomajim, „das Joch des Gottesreicheö". Man wollte damit zum Ausdruck bringen, wie demütigend und entwürdigend für ein freies und ehrliebendeS Volk eine solche Lehre sei, welche die Anwendung von Gewalt verwerfe. Doch gerade dieses Schlagwort vom Joch des Gottesreiches wurde von denen, die man damit treffen, wollte, aufgegriffen, sic machten das Schimpfwort zum Ehrenwort und benützten es 8 Right or wrong — my country! zur Schaffung eines ganz neuen Begriffes, der eine große Bedeutung in der Geschichte unserer Religion erhalten sollte, sie schufen den Begriff KabbolaS Aul Malchus Schomajim, d. h. „das Aufsichnehmen des Joches des Gottesreiches"/ und sie bezeichneten damit die höchste Stufe der Religion, die restlose Hingabe des Menschen an Gott. Man denke nur an das Olenu-Gebet, das wir ja am Ende jedes Gottesdienstes sprechen, das aber ursprünglich nur für Rauschhaschono verfaßt ist und den Anfang des ersten der drei Teile des Mußaf bildet! In diesem Olenu- Gebet erscheint die Hoffnung, daß dereinst das Gottesreich alle Menschen und Völker umfasse, in die Form gekleidet: „Sie werden alle das Joch deiner Herrschaft auf sich nehmen". Ja noch mehr, selbst das Bekenntnis zu Gott, wie wir es im Sch'ma ablegen, erhielt den Namen „Das Aufsichnehmen des Jochs der Gottesherrschaft", und dieselben Gelehrten, die diese Bezeichnung zuerst anwandten, sie wurden nicht müde, das Volk zu belehren, daß dieses sogenannte „Joch" nicht etwa eine schwere Bürde, sondern die höchste Würde des Menschen darstelle,° und daß derjenige, der dieses Joch abzuschütteln suche, unfehlbar ein noch schwereres Joch auf sich nehmen müsse," und sie betonten, daß der, der nicht ein freier Diener Gottes sein wolle, zu einem Sklaven der Menschen herabstnke/ Doch nicht bloß Anfeindung von außen und von innen hat das Durchdringen des Gedankens des Gottesreiches gehemmt, sondern vielleicht in noch höherem Maße hinderlich war die Trübung, die dieser Gedanke unter ehemaligen Anhängern erfuhr, ich meine unter Bekennern der Tochterreligion, die in ihrem ältesten Gebete bis auf den heutigen Tag die echt jüdische Bitte ausspricht: „Es komme dein Reich!" Diese Religion schöpfte in ihren Anfängen ein gut Teil ihrer Kraft aus dem Gedanken des Gottesreiches, doch schon sehr bald deutete sie ihn in ihrer Weise um, so daß er einen vollkommen verschiedenen, ja geradezu entgegengesetzten Sinn erhielt. Diese Umdeutung hat ihren Ursprung höchstwahrscheinlich in einem sprachliches Mißverständnis. Da unsere Väter es vermieden, den Namen Gottes unnötig auszusprechen, gebrauchten sie an Stelle davon verschiedene andere Ausdrücke. Bald sagten sie „der Allmächtige", bald „der Heilige gelobt sei er", besonders häufig aber „der Himmel". Die hebräische Bezeichnung für Gottesreich war daher, soweit unsere Kenntnis zurückreicht, nicht Malchus Adaunoj, sondern Malchus Schomajim". Bei der Übersetzung dieses Ausdruckes ins Griechische wurde nun das Wort „Schomajim" mit sklavischer Wörtlichkeit durch „Himmel" wiedergegeben. Dadurch verwandelte sich das „Gottesreich" in ein „Himmelreich", es verschwand die altjüdische Vorstellung von einem Reich des Friedens, das die Menschheit dereinst durch fortschreitende Selbftvervollkommnung auf dieser Erde errichten soll, und an ihre Stelle trat der Glaube an ein jenseitiges Reich, das dem einzelnen Menschen erst nach diesem Leben als Lohn in einer anderen Welt winke. So trat die Sorge um das persönliche Seelenheil in den Mittelpunkt des Interesses und lähmte den Willen zu kraftvoller Arbeit für das menschliche Wohl auf dieser Erde. Wenn dieses Leben wirklich, wie nunmehr gelehrt wurde, nichts weiter als ein Jammertal war, wie sollte es sich dann noch verlohnen, einem so wertlosen Leben durch eigene Leistung einen höheren Sinn und Gehalt zu geben! Und was war die weitere Folge? Das einschmeichelnde 4 Vgl. jetzt Büchler, Ztudies in 5m and Atonement in the Rabbinic Literature of the first Cent. (London 1928), p. 63 ff. * Sirach 6, 30; 51, 17a, 26a. 6 Spr. d. V. 3, 6. 7 Tos. Sota 14, 4. Tos. Baba Kamma 7, 6. Mechilta ed Fr. 61b. 8 Bzw. aramäisch malchuso di schemajo.

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