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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-15 · 14 (15.7.1930) · p. Seite 221

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
14 (15.7.1930)
Article
Die Münchener Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden
Date
1930-07-15
Page
Seite 221 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 221 im Konzertsaal des Bayerischen Hofs ihre Fortsetzung. Die Bücher und Kassenverhältnisse des Verbandes wurden in Ordnung befunden und der Verbandsleitung für das abgelaufene Geschäftsjahr Decharge erteilt. Den allgemeinen Finanzbericht erstattete Kommerzienrat Rosenzweig, Nürnberg, den Bericht über den Wohlsahrtsetat und den Etat des Landeswohlfahrtsfonds Justizrat Dr. Straus, München. Beide Herren betonten die Notwendigkeit weitgehender Sparmaßnahmen, wie sie sich auch in dem den Körperschaften vorgelegten Voranschlag ausdrücken. Die wirtschaftlichen Verhältnisse brächten einen Rückgang an Landesumlagen mit sich, die eine entsprechende Minderung der Verbandszuschüsse notwendig machten. Man, habe in dem Etat für das laufende Jahr, der mit 593 000 RM. abschließt und in dem für soziale und kulturelle Aufgaben 201000 RM. eingesetzt sind, die Zuschüsse an leistungsschwache Gemeinden auf das unbedingt notwendige Maß beschränken und insbesondere, zum allgemeinen Bedauern, die Ausgaben für soziale und kulturelle Zwecke um etwa 50 000 RM. gegenüber dem Vorjahr kürzen müssen. Das nächste Geschäfts'ahr lasse eine Besserung leider noch nicht erwarten, so daß man auch mit Rücksicht auf die kommende Zeit die äußerste Sparsamkeit walten lassen müsse. In der Aussprache wurde der Verbandslettung von allen Parteien unterschiedlos der Dank für die geleistete Arbeit und das Vertrauen in die Führung der Geschäfte ausgesprochen, wobei das Bedauern durchklang, daß infolge der Not der Zeit die Leistungen zurückgeschraubt werden müßten. Die vorgesehenen Abstriche wurden ohne Debatte unter dem Druck der Verhältnisse grttgeheißen und der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß in besseren Zeiten wieder mehr geleistet werden könnte. Rechtsanwalt Jung, Nürnberg, wünschte für die Zukunft, mehr als es bisher geschehen, eine Beschränkung der Ausgaben auf den Gebieten, die bei der herrschenden Not zurücktre^en müßten. Rechtsanwalt Feilchenfeld, Nürnberg, bat um stärkere Berücksichtigung der sozialen, Hauptlehrer Dr. Bamberger, Nürnberg, um stärkere Förderung der kulturellen Aufgaben, insbesondere der Volksschulen. Er richtete einen Appell an die dem Verband angehörenden Mitglieder des Central-Vereins, daß in diesem Verein eine Plattform geschaffen werden möchte, auf der sich alle ohne Unterschied der Parteirichtung in der Abwehr gegen die immer stärkere antisemitische Welle finden könnten. Der Central-Verein möge seine Polemik in inner-jüdischen Dingen zurückstellen und damit die Möglichkeit der Mitarbeit aller schaffen. — Sanitätsrat Dr. Baron, München, betonte demgegenüber, daß die Angriffe gegen den Central-Verein von außenstehender Seite begonnen worden seien, durch die erst die Stellungnahme des Central-Vereins veranlaßt worden wäre. Wenn auch von der Gegenseite eine Entgiftung der Atmosphäre herbeigeführt werde, würden er und seine Freunde sich gerne dafür einsetzen, daß innerjüdische Streitfragen im Central-Verein zurückgestellt würden. Die Jahresrechnung 1929 wurde gebilligt. Ebenso der Voranschlag für das laufende Jahr. Der Umlagensatz für die Verbandsumlaae 1930 wurde, wie in den vergangenen Jahren, auf 3 Prozent festgesetzt. Hierauf wurde eine Reihe kleinerer Änderungen der Verfassung, Beamtenordnung und Besoldungsordnung des Verbandes erledigt, die sich im wesentlichen auf die Rechtsverhältnisse der Beamten, ihre Anstellung, ihre Eingruppierung und ihre Beschäftigung erstreckten. Es handelte sich in der Hauptsache um formelle Änderungen. Von allgemeiner Bedeutung war ein Beschluß, wonach in beamtenlosen Gemeinden, die den Religionsunterricht durch den Beamten einer benachbarten Gemeinde erhalten, Gemeindemitglieder zum Vorbeten und Leienen herangezogen und verwendet werden sollen. Der zweite Tag war im wesentlichen durchdie Beratungen über eine Rabbinatsbezirksordnung ausgefüllt. Berichterstatter war Justizrw Dr. Hammel, Schweinfurt, der in eingehenden Darlegungen auf die Schwierigkeiten hinwies, die bisher einer Regelung für die Rabbinatsbezirke entgegengestanden und der den Entwurf, wie er nach Beratung durch den Rat und den Verfassungsausschuß der Tagung vorlag. der Tagung zur Annahme empfahl. In dem Entwurf einer Rabbinatsbezirksordnung war zunächst die unmittelbare geheime Wahl der Rabbiner vorgesehen, wobei von orthodoxer Seite verlangt worden war, daß Frauen zur Rabbinerwahl nicht zugelassen sein sollen, während von liberaler Seite mit allem Nachdruck auf dem Wahlrecht der Frau bestanden wurde. Ein Antrag von Justizrat Dr. Straus, der die mittelbare Wahl der Rabbiner durch die Bezirksversammlung in Vorschlag brachte, sollte die Verschiedenheit der Anschauungen, die sich in dieser Frage ergaben, überbrücken. Es wurde aber auch hier von liberaler Seite die Wählbarkeit der Frauen zur Bezirksversammlung und ihr Wahlrecht bei der Wahl des Rabbiners gefordert, während von orthodoxer Seite die Wählbarkeit der Frau in die Vezirksverfammlung und damit die Möglichkeit ihrer Beteiligung auch an der mittelbaren Rabbinerwahl als dem Religionsgesetz widersprechend hingestellt wurde. Die Mitglieder der Jüdischen Volkspartei waren zum Teil für, zum Teil gegen das Frauenwahlrecht. Die orthodoxe Fraktion erklärte im Verlauf der Verhandlungen, daß sie bei Einführung des Frauenwahlrechts sich an den Arbeiten für die Bezirksgemeindeordnung nicht weiter beteiligen könne, und dies auch dann, als auf Beschluß des Rats der Ausschuß das Frauenwahlrecht in der Bezirksversammlung durch einfache Majorität vorgeschlagen und von liberaler Seite akzeptiert wurde. Die Rabbinatsbezirksordnung wurde alsdann ohne Stimmabgabe der orthodoxen Mitglieder der Tagung durchgeführt, wobei die Regelung für die Gemeinderabbinate (Stadtrabbinate) mancherlei Modifikationen erfuhr. Als bei der Schlußabstimmung über den Gesamtentwurf die Gegner des Frauenwahlrechts gegen den gesamten Entwurf stimmten, ergab sich, daß sie mit 20 Stimmen gegen die bis dahin in der Mehrheit gewesenen Anhänger des Frauenwahlrechts, die zum Teil die Sitzung vorzeitig verlassen hatten, in der Überzahl waren, so daß damit der gesamte Entwurf zu Fall gebracht war. In den Kreisen des Rates wird es als bedauerlich bezeichnet, daß durch diesen Zufallsbeschluß eine langwierige, mühevolle Arbeit und das Ergebnis jahrelanger Vorverhandlungen wiederum umsonst getan ist, zumal die praktische Auswirkung des Differenzpunktes nach dem Vorschlag des R<tt.s gleich Null gewesen wäre. Es wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß sich in einer kommenden Tagung die Meinungen soweit geklärt haben, daß mit einer von allen Seiten annehmbaren Rabbinatsbezirksordnung das Gesetzgebungswerk des Verbandes vorläufig zum Abschluß gebracht werden kann. IV. Der Festabend am Sonntag — Ansprachen Am Sonntag, dem 29. Juni, abends 9 Uhr, vereinigte auf Einladung der Münchener Kultusgemeinde ein Festmahl die Mitglieder des Rats und der Tagung sowie zahlreiche Gäste im Marmorsaal des Hotels Bayerischer Höf. Um diesen ganz besonders gelungenen Abend hat sich vor allem Herr Kommerzienrat S. Weil verdient gemacht. Freundliche Stiftungen aus dem Kreis der Münchener Gemeinde trugen zu dem ausgezeichneten Gelingen bei. Aus dem Kranz der zahlreichen und witzigen Tischansprachen seien hier die Begrüßungsansprachen von Herrn Justizrat Dr. Max Feucktwanger (für die Kultusgemeinde München) und von Ministerialrat Mezger, der die Pfälzer Juden mit dem Präsidenten des Verbandes der Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz. Herrn Kommerzienrat Joseph. Landau, an der Spitze als besonderen Hort der Treue und des Deutschtums feierte, sowie die tiefgefühlte Dankansprache von Bezirksrabbiner Dr. Stein, Schweinfurt, an Dr. Neumeyer, die humorvollen Tischreden der beiden Nürnberger Herren Kommerzienrat Rosenzweig und Rechtsanwalt Dr. Sinauer und die begeisterte Rede auf die Pfalz von Kommerzienrat Josph erwähnt. Unvergessen bleibt allen Teilnehmern die Ansprache des Vorsitzenden der Kultusgemeinde Augsburg, Justizrat Dr. Eugen Strauß. Er stellte den Satz des Hei^lberger Rech^sgelehrten und ehemaligen Reichsjustizministers Radbruch in den Mittelpunkt seiner Ausführungen: „Es gibt heute nur pflichtdurchdrungene Rechte." In einer ttefen Betrachtung der staatlichpolttischen Stellung der Juden und ihrer geistig-kulturellen Lage in Vergangenheit und Gegenwart bekannte sich Justtzrat Dr. Eugen Strauß zu einer optimistischen Grundauffassung. Im Sinn jenes Radbruchschen Satzes seien die Juden in Deutschland und Bayern nicht nur Zuschauer, sondern aktive Gestalter des künftigen deutschen und bayerischen Schicksals. Wir haben von dem deutschen Kutturleben Bestes empfangen; unsere Bildung, unser Leben, unsere Zukunft ist Deutschland. Wir glauben aber auch unser Bestes gegeben zu haben. Wir wollen gemessen werden nach unseren Besten, nach denjenigen deutschen Juden, in denen jüdisches Erbgut und deutsches Bildungsgut harmonisch und untrennbar vereinigt sind. Der Redner ging auf die geistige Gestalt Walter Rathenaus an. Wir bekennen uns zu dem Geschlecht, das aus dem Dunkel zum Lichte

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