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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-15 · 14 (15.7.1930) · p. Seite 220

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
14 (15.7.1930)
Article
Die Münchener Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden
Date
1930-07-15
Page
Seite 220 (sequence 2)
Language
German
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220 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 Schriftstellers, in keinem anderen Knlturkreis so wie bei den Juden geistige Regsamkeit, gepaart mit sittlichem Feingefühl, verbreitet. Dieses Erbgut gilt es zu erhallen. Wie Bildungsgut und geistige Haltung, trotz der gemeinsamen Allgemeinbildung, beim kacholischen Christen anders aussieht als beim evangelischen, so gibt es auch eine ganz spezifische jüdische Bildung. Sie ist und soll keine Scheidewand sein. Die Besinnung aus die Kulturgüter, deren „geistige Struktur der Struktur unserer individuellen Psyche adäquat ist", das bleibt auch das Ziel der jüdischen Bildung, die wie jede echte Bildung aus mehreren Quellen gespeist sein muß. Unser Bildungsziel ist die Versöhnung des Lebens drinnen und draußen, die Familie wieder aufzurichten und die Synagoge wieder zum notwendigen Mittelpunkt des jüdischen Lebens zu machen. Religiöses Leben, das von innen herauswachsen muß, kann sehr schwer von außen befruchtet werden. Unsere Bildung soll kein Ersatz für religiöses Leben sein, aber sie kann unsere Seele wieder empfänglich machen, sie kann das Interesse von der leidigen Gemeindepolitik zum Gemeindeleben führen. Solche Bildungsarbeit mutz an vielen Stellen geleistet werden. Unser Verband wird auch die jüdische Bildungsarbeit in unseren Gemeinden unterstützen und mit allen Mitteln fördern. Wir sind das unserer Geschichte und uns selbst schuldig. n. Der Bericht des Präsidenten — Das Lchächtverbol Den Schluß der Eröffnungssitzung bildete der Bericht des Präsidenten des Verbandes, Herrn Oberstlandesgerichtsrat Dr. Neumeyer, München. Der Verband sei vor zehn Jahren gegründet worden an der politischen Wende der Zeit, aus dem Nichts, ohne Vorbild, gegründet auf den fteien Willen seiner Glieder, entsprechend einer religiösen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Notwendigkeit, in Überbrückung der Gegensätze der religiösen Richtungen, von Stadt und Land, von Beamten und Gemeinden, in Verwirklichung von Absichten der jüdischen Gemeinschaft und der staatlichen Gewalt, die mehr als hundert Jahre diese Verwirklichung gefordert hätten. Von der Staatsregierung habe der Verband tatkräftige Förderung erfahren, sie habe ihm Körperschastsrechte und das Besteuerungsrecht verliehen. Wie vor acht Jahren, als der Verband in München zusammengetreten sei, befänden wir uns wiederum in einer schwierigen wirtschaftlichen Lage. Die Verarmung in Deutschland habe ganz besonders den jüdischen Mittelstand und vornehmlich die Gewerbetreibenden auf dem Lande getroffen. Der Verband müsse mit einem starken Rückgang der Steuereinnahmen rechnen. Diese Tatsache habe dem neuen Etat ihren Stempel ausgedrückt. Was das Vorjahr betreffe, so seien gegenüber einer Einnahme von 635 000 RM. im Jahre 1928 und einem Voranschlag von 626 000 RM. nur 596 000 RM. an Umlagen eingegangen. Der Ausfall von 30 000 RM. habe aus den Reserven früherer Jahre gedeckt werden können. Der Umlageneingang, auf den Kopf der jüdischen Bevölkerung umgerechnet, ergebe einen Betrag von 12.13 RM. Von dem gesamten Umlageneingang entfielen auf die Gemeinden München 42,26 Prozent, Nürnberg 25,98 Prozent, Fürth 8,30 Prozent, Augsburg 4,05 Prozent, Würzburg 3,86 Prozent, Bamberg 2,25 Prozent und Aschaffenburg 1,64 Prozent. Auf die sieben Gemeinden zusammen also 88,34 Prozent. Der Staatszuschuß habe wiederum 70 000 RM. betragen. Der Verband behalte sich vor, aus eine Erhöhung dieses Zuschusses zurückzukommen, wenn die Finanzverhältnisse des Staats wieder geordnet seien. Die Jahresrechnung 1929 schließe ab mit einem Betrag von 725 000 RM. Der Etat des laufenden Jahres (Vorlage der Verbandsleitung) bilanziere mit 593 000 RM. Im Vorjahre seien an Besoldungszuschüssen 344 000 RM. ausgegeben worden. Für Bauzuschüsse seien 48 000 RM., in die sich 38 Gemeinden teilten, gewährt worden. 14 700 RM. seien als letzte Rate für die Wiederherstellung der Synagoge in Heidingsfeld, für die insgesamt 27 000 RM. aufgewendet wurden, gegeben worden. Für soziale und kulturelle Ausgaben seien 250 000 RM. ausgewendet worden gegenüber 4000 RM. im Jahre 1924 und 150 000 RM. im Jahre 1927. Der Verband habe für sein Landesheim, das der Würzburger Israelitischen Kranken- und Pfründnerhausstiftung angeschlossen sei, einen stattlichen Neubau ausführen können. Hierfür wären an Zuschuß und Darlehen 60 000 RM. aufgewendet worden. Die Anstalt sei mustergültig in der ganzen Anlage und biete nunmehr Raum für etwa 50 Pfleglinge. Bei dieser Gelegenheit möchte er mitteilen, daß ein Freund der sozialen Arbeit des Verbandes, der ungenannt bleiben wolle, 100 000 RM. für das Landesheim letztwillig bestimmt habe. Durch Bewilligung von 70 000 RM. an Zuschüssen und Darlehen und eine weitere Zinsgarantie von jährlich 5000 RM. auf die Dauer von 10 Jahren habe der Verband den Neubau der Lehrerbildungsanstalt ermöglicht. Es handle sich bei der Anstalt um eine Reichsanstalt und es müsse Aufgabe der einzelnen Landesverbände sein, der Anstalt die erforderlichen Betriebsmittel zuzuführen. Der Verband bedaure, daß die immer bedrohlicher sich gestattenden wirtschaftlichen Verhältnisse ihn nötigten, die Zuwendungen für soziale und kulturelle Zwecke erhebttch zu kürzen. Die Beschränkungen, die sich der Verband in seinem Etat habe auserlegen müssen, würden ihm zeitweise nicht leicht fallen; das innere Gefüge berührten sie nicht, Dr. Neumeyer wendet sich dann in längeren Ausführungen dem am 1. Oktober dieses Jahres in Kraft tretenden Gesetz zu, das ein Schächlverbol in sich schließe. Derselbe Staat, der bis zum Erlaß der neuen.Reichs- und Landesverfassung im Jahre 1919 die Beschaffung ritualmäßigen Fleisches für jede jüdische Gemeinde als ein noll me tangere, als eine unverzichtbare Angelegenheit bezeichnet und im Falle der Zuwiderhandlung mit der Auflösung der Gemeinde gedroht habe, habe die Beschaffung solchen Fleisches nunmehr mit einer Gefängnisstrafe bis zu 6 Monaten bedroht. Alle Beteiligten seien sich bei Erlassung des Gesetzes im klaren gewesen, daß eine von jüdischer Seite mit dem Religionsgesetz als vereinbar erklärte Betäubungsmethods nicht vorliege, und auch nicht gesagt werden könne, ob eine solche gefunden werde. Der staatliche Gesetzgeber habe die Macht, Recht zu schaffen. Ob er von dieser Macht Gebrauch machen wolle und dürfe, darüber entscheide sein Kulturgewissen. Der alte Staat habe gesagt, die Gewissensfreiheit und die religiöse Übung auch einer Minorität feien chm heilig und müßten geschützt werden. Der neue Staat sage, er opfere die Gewissens- und Religionsfreiheit einer Minderheit von Staatsbürgern der Forderung auf schonende Behandlung der Tiere. Die jüdische Religion gebiete die Liebe zu den Tieren. Es fei von ersten Sachverständigen bestritten worden, daß das Schächten eine quälende Schlachtmethode darstelle. In der Verfassung des Reichs und des Landes seien die Gewissens- und Religionsfreiheit, die staatsbürgerliche Gleichheit verbürgt. Sei der Staat berechtigt gewesen, diese Grundrechte eines ganzen Bevölkerungsteils zu beeinträchtigen? Der Verband werde immer wieder fordern, daß dieses Gesetz, soweit es die Juden angehe, aufgehoben werde. Es klaffe hier eine Wunde am religiösen Organismus der Judenheit, die sich nimmer schließe. Der Redner wies weiter auf die zunehmende judenfeindliche Bewegung insbesondere in Franken hin, die den Frieden in der Bevölkerung ernstlich zu gefährden drohe. Der Verband habe stets das Trennende zurückgestellt und alle feine Kraft in den Gemeinschaftsgedanken geworfen. Unter Feschaltung der eigenen Überzeugung und unter Achtung der Überzeugung des andern, fei der Sinn auf die gemeinsamen höchsten Werte gerichtet und praktische Politik getrieben worden. Dr. Neumeyer schloß seine Ausführungen mit der Erneuerung des Bekenntnisses, das die bayerischen Juden vor zehn Jahren in Nürnberg abgelegt hätten, an jenem denkwürdigen Tage, da im einmütigen Zusammenwirken aller Kräfte von geistlichen und weltlichen Führern, von Stadt und Land, Lehrerschaft und Gemeinden, vom überlieferten Glauben der Väter bis zur freien Richtung der Zeit der Verband ins Leben getreten: „Wir wollen uns vereinigen zur Festigung nach innen und zur Abwehr nach außen, wir wollen unseren notleidenden Gemeinden Hilfe bringen, wir wollen für unsere Beamten sorgen, daß sie ohne Bangen in die Zukunft blicken können, wir wollen unsere Eigenart pflegen und zu unserem Teil damit beitragen zur allgemeinen Bildung, Gesittung und Religiosität, wir wollen dem Vaterlande dienen, wir wollen die Gegensätze fruchtbar gestalten und so Ehre und Ansehen dem jüdischen Namen schaffen, wir wollen Helsen in der Not der Zeit und damit ein Sandkorn beitragen zum Aufbau der Ewigkeit." Die Sitzung war umrahmt von Vorträgen des Münchener Jüdischen Kammerorchesters. III. Die Gefchäfksfihungen — Der Etat genehmigt — Appell an den Eentral-Verein — Die Rabbinatsbezirksordnung durch Zufallsmehrheik abgelehnt — Kampf um das Frauenwahlrecht Die Verhandlungen des Rates und der Tagung des Verbandes Bayer. Israel. Gemeinden fanden am Sonntag, nachmittag Yi4 Uhr,

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