Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-07-15 · 14 (15.7.1930) · p. Seite 222

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
14 (15.7.1930)
Article
Die Münchener Tagung des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden
Date
1930-07-15
Page
Seite 222 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2727810-2727900-2727914-2738296--06371-2738359
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

222 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 14 strebt. Wir glauben an das heutige Deutsche Reich und vor allem an Bayern, das Land der bürgerlichen Ausgeglichenheit und südlichen Aufgeschlossenheit; der gute Geist dieses schönen Landes werde ganz gewiß über den Ungeist siegen,. Als das Schir-Hamalos und das Tischgebet verklungen waren, wurden die Teilnehmer und Gäste noch durch die ausgezeichnete Aufführung der Offenbachschen einaktigen Operette „Nr 66" erfreut. Unter der Leitung von Dr. Josef Waldner wirkten Fräulein Irma Stern von der Staatsoper, Herr Opernsänger Franz Heiß und Herr Opernsänger Wilhelm Greis glänzend zusammen. Abgesehen von den wichtigen Sachberatungen der diesjährigen Tagung war der Gesamtgeist und die Möglichkeit eines freundschaftlichen Gedankenaustausches der Teilnehmer untereinander ein so wertvolles Aktivum dieser Zusammenkunft, daß man die alljährliche Verbandstagung in dem öffentlichen Leben des bayerischen Judentums nicht mehr missen möchte. Die religiösen wurzeln der Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege in der jüdischen Semeinde Die allgemeinen sozialpolitischen Grundsätze des jüdischen Gemeindelebens — ohne Rücksicht auf die verschiedenen Richtungen — werden vielleicht am besten in dem folgenden Referat über eine Vorlesung von Rabbiner Dr. Leo Vaeck sichtbar, die dieser am 19. Juni innerhalb der Lehrgänge der Berliner Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden gemeinsam mit der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums gehalten hat. Religion ist in ihren Anfängen vielfach ein Spiegel der Klaffen zustande der Gesellschaft. Im Laufe der Entwicklung lösen sich diese beiden Gebiete voneinander, der wirtschaftliche Rationalismus entfaltet sich, die Religion zieht sich auf ihr Eigengebiet zurück. Je nach der Art dieser Trennung können wir zwei Typen von Religion unterscheiden: Die prophetische Religion und die Erlösungsreligion. Die prophetische Religion will das Daseiende zu einem Seinsollenden machen, das Reich der Menschen zu einem Reich Gottes, sie enthält daher einen Gärungsstoff, so daß eö mit der Ruhe in der Welt vorbei ist, seitdem es sie gibt. Die Erlösungsreligion will nichts ändern, sondern den Einzelmenschen erlösen, dessen Beziehung zur Gottheit daher entscheidend ist. Ihre Stimme wird durch die Disharmonie auf Erden nicht gestört. Charakteristisch dafür der Buddismus, aber auch das Christentum. Das Judentum stellt den Typus der prophetischen Religion dar. Der Mensch soll die Welt zum Gottesreiche machen. Daher ist Wohlfahrtspflege ein Teil der Frömmigkeit. Im Judentum gibt es keineReligiositätohnedasSozialeundumgekehrt. Man vertritt allgemein den Gedanken, daß menschliche Gemeinschaft auf Macht beruht. Der Staat soll daher Macht erwerben, erhalten und ausüben, nicht etwa irgend ein „Gutes" verfolgen. Moralische Maßftäbe gelten nur für das Leben des Einzelnen. Auch der Diktakturgedanke im Sozialismus beruht auf dem Machtbegriff. Die Geschichte gibt dieser Theorie recht, da das menschliche Zusammenleben in den Formen des Rechts der Sicherung durch die Macht bedarf. Wer dieMachthat, bestimmtdieNormenvonRecht und Unrecht. Nur die jüdische Auffassung weicht davon ab. Nach ihr ist Macht Unrecht und gemeinr schaftszerftörend. Alle Machtgebilde müssen zugrunde gehen. Macht ist das immer wieder begangene große Unrecht. Auch diese Ansicht wird vom Gesamtergebnis der Geschichte bestätigt. Welches ist aber dann die Aufgabe der Gemeinschaft? Man unterscheidet das falsche Recht, das von den Mächtigen diktiert ist und den Starken dient. Das wahre Recht demgegenüber kommt von Gott und dient dem Schutze der Schwachen. Dies eben ist der soziale Gedanke des Judentums, daß der Begriff des Rechtes neu gestaltet wurde. Das wahre Recht zerstört die Macht und verbürgt das Menschenrecht. Wo der Staat auf Macht beruht, ist er stets ein Klassenstaat, da nicht alle in ihm mächtig sein können. Allein der alte israelitische Staat war zumindest in der Idee frei davon. Es ist daher kein Zufall, daß dieser Staat keinen Adel, keine Sklaverei und keine Ausnützung des Landes durch die Städter kannte. S o w i r d i n d e r j ü d i - schen Religion das Soziale entscheidend. Ohne diesen Wesensbeftandteil ist man irrreligiös. Hierauf beruht das Verhältnis von Wohlfahrtspflege und religiösem Judentum. In der Wirklichkeit allerdings ergibt sich noch die grundsätzliche Frage, wie eine Gemeinschaft ohne Macht, ein soziales Recht ohne Sicherung durch Macht bestehen kann. Hieraus ergeben sich dann weitere Besonderheiten dieser Beziehung. 5lus der Semeinde München Sitzung der gemeindlichen Kollegien und des Sozialen Ausschusses vom 23. Juni und des Vorstands der Israelitischen Kullusgemeinde München vom 3. Juli 1930 Am Montag, dem 23. Juni, fand eine gemeinschaftliche Sitzung der gemeindlichen Kollegien und des Sozialen Ausschusses der Gemeinde statt, in der Justizrat Dr. Straus an Hand der Jahresrechnung für 1929 und des Voranschlags für 1930 statistische Aufstellungen über die Tätigkeit des Wohlfahrtsamtes gab und die Leiterin dieses Amtes, Fräulein Dr. Straus, über die Berufsberatung und Stellenvermittlung des Amtes berichtete. In der sich anschließenden Aussprache kam es zu erregten Auseinandersetzungen zwischen dem Vorstandsmitglied Kommerzienrat Dr. Wassermann und dem Berichterstatter. Die hier geübte Kritik veranlaßte Justiz- HAUS DER QUALI1Ä1SST OFF E N. STARK & Cil MÜNCHEN KARLSPLATZ 5 NÜRNBERG LUITPOLDSTRASSE 11

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.