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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1930-05-15 · 10 (15.5.1930) · p. Seite 133

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
6 (1930)
Issue
10 (15.5.1930)
Article
100 Jahre israelitischer Frauenverein München, 1830 - 1930
Date
1930-05-15
Page
Seite 133 (sequence 4)
Language
German
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152 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 9U. 10 wählte und dem Wesen nach in den Jahren seines Bestehens nicht veränderte, er widmete sich der Unterstützung armer Frauen besonders in Krankheitsfällen und beim Wochenbett. Die Form dieser Arbeit bemüht sich der Verein den Bedürfnissen der Zeit anzupassen. Es war wie ein Symbol des Kommenden, als der Verein im Jahre 1915 einen großen Teil seines in Jahrzehnten erworbenen Vermögens, das 1914 über 100 000 Mark betrug, in den Kriegshilfsfonds wandern ließ. Der Verlust des Vereinsvermögens ist um so tragischer, als den durch das gleiche Schicksal Betroffenen erst recht Hilfe hätte gebracht werden müssen, eine Aufgabe, die nur in unzulänglichem Maße erfüllt werden kann. Jede Zeit hat ihr Schlagwort! Und wenn wir vor ein oder zwei Jahrzehnten mit dem Wort „das Jahrhundert des Kindes" operierten, wenn alle Mittel, alle Arbeitskraft, alles Interesse gern unter diesem Motto zur Verfügung gestellt wurde, so ist zu fürchten, daß leider in anderm Sinne nun das Jahrhundert oder zumindest „die Jahrzehnte des Alters" an der Reihe sind. Es ist überflüssig, hier auf die Tragödien hinzuweisen, die sich tagtäglich vor den Augen derer, die sehen wollen, abspielen. Der Staat und die Gemeinden — bürgerliche und ReligionSgemeindm — können mit ihren großen Lasten bei bestem Willen nicht genügend helfend eingreifen, die Vereine müssen hier nach Kräften ergänzend Mitarbeiten. Und damit sind auch die heutigen Aufgaben für unfern Verein vorgezeichnet. Wir wünschten, sie in ganz anderm Maße erfüllen zu können, als es uns möglich ist mit unserm fast völlig entwerteten Vermögen, unfern kleiner gewordenen Mitgliederbeiträgen und den wenigen Spenden, die wir im Gegensatz zu früheren „Schankungen" heute erhalten. Eine kleine Einnahmequelle besitzt der Verein in den bekannten Telegrammablösungsformularen, die im Jahre 1902 auf Anregung des damaligen Kassiers, Herrn Adolf Fränkel, eingeführt wurden. Neuerdings wird diese Einrichtung wieder stärker von uns propagiert, zu unserer Freude bürgert sie sich immer mehr ein. Auch mit den nicht reichen Mitteln glaubt der Verein einige fruchtbare Arbeit geleistet zu haben und zu leisten. Der Etat für 1929 bewegt sich um 10000 RM.; da fedoch dem Verein keinerlei Regiekosten erwachsen, kann er seine ganze finanzielle Kraft seinen eigentlichen Aufgaben widmen. So werden einer größeren Zahl bedürftiger Frauen — in Ergänzung der Zuwendungen des Wohlfahrtsamtes — monatliche Unterstützungen geleistet, wobei in jedem Falle eine persönliche Füllungnahme durch Besuche der Frauen unseres Arbeitsausschusses ftattfindet. Wir haben sodann in den letzten Jahren diejenigen unserer Schützlinge, für die die Ortskrankenkasse nicht in Betracht kommt, andern Kassen zugeführt. Soweit das auch nicht möglich ist, werden Zuschüsse von uns in Krankheitsfällen geleistet. Ein besonderes Entgegenkommen finden wir in derartigen Fällen stets beim Verein Israelitischer Krankenfürsorge, dem wir, solange wir noch in der Lage dazu waren, jährlich einen Zuschuß von 1000 M. zahlten. Um so dankbarer sind wir, daß unsere Wünsche, auch ohne eine finanzielle Leistung stets nach Möglichkeit berücksichtigt werden. Die Zahlungen an die Kassen haben sich gut bewährt; die dafür aufgewendete Summe wird reichlich eingebracht durch die Leistung der Kasse, aber auch durch das beruhigende Gefühl bei unfern Schützlingen, die wissen, daß sie in Krankheitsfällen einen festen Rückhalt haben. Des weiteren werden im Bedarfsfälle Beihilfen geleistet für Apotheker, Zahnarzt, Kranken- und Diätkost. Wir beteiligen uns ferner an der unentgeltlichen Lebensmittelversorgung hiesiger armer Familien und beschaffen in einzelnen Fällen rituelle Kost in einer Fürsorgeanstalt. Unser aller Wunsch wäre es aber, unsere Arbeit auf einem Gebiet weiter und besser ausbauen zu können, das uns seit einigen Jahren besonders am Herzen liegt: die Erholungsfürsorge für unsere Frauen. Hier ist uns der Verein für Ferienkolonien, der dem unseren zum Teil durch Personalunion sehr nahe steht, außerordentlich entgegengekommen, indem er uns sein schönes Heim in Krumbach außerhalb der Ferien, in denen es seinem eigentlichen Zwecke, der Aufnahme von Schulkindern dient, zur Verfügung stellt. Auf diese Weise ist es uns möglich, unsere erholungsbedürftigen Frauen zu einem mäßigen Verpflegungssatz bei bester ritueller Kost in freundlicher Umgebung und unter der liebevollen Betreuung der dortigen Verwalterin eine Zeit seelischer und körperlicher Ausspannung zu gewähren. Im vergangenen Sommer konnten wir 25 Frauen, die einen durchschnittlich drei Wochen langen Erholungsaufenthalt genießen konnten, nach Krumbach schicken. Was ein solcher Aufenthalt für die meisten dieser Frauen bedeutet, kann nur der ermessen, der ihre Sorgen und Nöte das Jahr hindurch kennt. Einmal ohne diese Sorgen und Nöte sein zu dürfen, das bedeutet für viele von ihnen einen Vorrat an Lebensmut und Lebenskraft sammeln, von dem sie lange zehren müssen, um nicht zusammenzubrechen. Man vertritt stets so stark — und mit Recht — die Prophylaxe im Kindesalter, aber sicher ist diese Erholungsfürsorge eine gleich notwendige Vorbeugungsmaßnahme sowohl für Mutter wie für Kind in unserer heutigen Zeit der Lebensunlust. Wir könnten uns keine schönere Feier unseres 100. Geburtstages wünschen, als wenn alle diejenigen, die sich selber eine Erholungsreise gönnen können, uns helfen würden, daß wir gerade in diesem — unserem Iubiläumsjahr — die Möglichkeit hätten, recht viele Erholungsbedürftige nach Krumbach senden zu können. Ein Jubilar pflegt an seinem Ehrentage Gaben und Geschenke zu erhalten. Wir möchten aber umgekehrt unseren Mitgliedern eine Freude machen, und wir haben deshalb zum Andenken an unser Iubiläumsjahr Büchsen Herstellen lasten in einfacher, aber edler Form, die eine Zierde auch für den modernsten Haushalt sein werden. Keinerlei Zwang soll mit der Aufstellung dieser Büchsen verknüpft sein, aber jede Frau soll sich vergegenwärtigen, daß, wenn sie wöchentlich nur 10 Pfennig in diese Büchse tut, sie mithilft, einer bedrückten und unbemittelten Mitschwefter ein paar Tage der Ruhe und der Kräftigung zu verschaffen. Das ist ein Geburtstagswunsch, den jede jüdische Frau in unserer Gemeinde ohne großes Opfer, nur mit ein wenig liebevollem Einfühlen in das Geschick anderer erfüllen kann. Und wir richten diesen Wunsch vor allem auch an diejenigen unserer jungen Frauen, die dem Israelitischen Frauenverein bisher fern geblieben sind, und die wir auch gern in den Reihen unserer Mitglieder sehen möchten, denn „Mit-Glied" heißt ja nichts anderes, als als Glied mit in der Reihe zu stehen, wenn es gilt, zu helfen. Hilfe aber hat nichts zu tun mit modern oder unmodern, Hilfe wird und muß es geben, solange es Menschen geben wird. 100 Jahre! Eine lange Zeit in der Geschichte eines Vereins, eine kurze Spanne nur in unserer jüdischen Geschichte. Aber unser Wunsch und Wille ist es, daß unser Verein diese Geschichte noch eine Strecke Weges begleitet, damit in abermals 100 Jahren auch unsere Generation bestehen kann vor unseren Kindern und Kindeskindern, wie es diejenige vor uns kann, die vor 100 Jahren mit offenen Augen und offenen Herzen den Israelitischen Frauenverein als Werk der Liebe geschaffen hat.

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