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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1929-12-15 · 24 (15.12.1929) · p. Seite 399

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
5 (1929)
Issue
24 (15.12.1929)
Article
Das Geschwisterproblem im ersten Buch Moses
Date
1929-12-15
Page
Seite 399 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 24 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 399 Rede von Israel als erstgeborenem Sohn Gottes kann also nicht allein diesen zeitlichen Sinn haben, sondern faßt die Erstgeburt als einen Akt geistiger Erwählung auf, dessen Gnaden sich in der Geschichte Jakobs und Esaus, bis hinein in Verkauf und Betrug und erschlichenen Segen, deutlich ausweisen. Zwar erschrickt Iizchak, nachdem er den Betrug entdeckt hat, denn er hat — so deutet der Midrasch — den Jüngeren vor dem Ältesten gesegnet und damit die Ordnung der Familienbeziehungen verändert, beruhigt sich aber, nach der gleichen Quelle, als Esau selbst an den Verkauf des Segens erinnert. Der neue Bruderhaß aber, der gleich jenem zwischen Kain und Abel nun zwischen Esau und Jakob aufkeimt, will auch noch morden, aber er darf es nicht mehr. Und um die Parteinahme für den jüngeren Sohn ganz voll zu machen, fügt Iizchak dem erschlichenen Segen für Jakob noch einen vollständig freiwilligen hinzu, der erst durch die Erwähnung Abrahams und die Verheißung des Landes den Tausch wirklich vollzieht: „Er gebe dir den Segen Abrahams, dir und deinem Samen mit dir, daß du das Land deiner Gastschaft besetzest, welches Gott Abraham gab." Nun erst darf sich Riwka, die immer für Jakob gekämpft hat, die „Mutter Jakobs und Esaus" — in dieser Reihenfolge: Jakob zuerst! — nennen lassen (womit wir das Wagnis unternommen haben, eine Stelle zu erläutern, der gegenüber RaschiS geniale Bescheidenheit erklärt hat: „Ich weiß nicht, was dies uns lehren soll." Aber vielleicht fügt sich unsere Deutung in den Gesamtzusammenhang des Gedankens). Doch diese Art der Erstgeburt, die geistige, legt mehr Pflichten auf, als sie Rechte gibt, und nicht nur Pflichten gegen Gott, auch gegen die Menschen. Jakob, der von Labans Töchtern Rachel, die jüngere liebt, muß nun zunächst Lea, die ältere heiraten, da er ja gleichsam nun an Esaus Stelle getreten ist. Laban spricht ihm gegenüber deutlich den Grundsatz aus: „So tut man nicht an unserem Ort, die zweitgeborene fortzugeben vor der erstgeborenen." Der Talmud unterstreicht das, wenn er betont, daß Leas Augen trübe geworden waren, weil sie fürchtete, einst dem bösen Esau gehören zu müssen. Der Platzwechsel der Brüder hat sie, wider Jakobs Willen, mit erlöst. Denn während Gott den vernachlässigten Esau verstieß, hat er die vernachlässigte Lea gesegnet: mit der Mehrzahl der Stämme Israels. Und noch heute nennen wir ihren Namen segnend über unsere Töchter, den Namen dieser „Ungeliebten". Mit Fruchtbarkeit ward sie getröstet, wie Hanna mit Liebe. Wir sahen bisher einen fortwährenden Wechsel der Stellungnahme: Zwar wird der Iüngstgeborene meist bevorzugt, aber nicht selten steht die Thora mit ihrer Sympathie trotzdem in mindestens gleichen Maße auf der Seite des oder der Alteren. Und gerade dieses ewige Auf und Ab schafft erst die Dynamik wahrhafter Gerechtigkeit im Gesamtsystem dieser Bevorzugungen und Benachteiligungen. Wollte die Thora das gleiche Menschenrecht, das Gnadenrecht der Zweitgeborenen betonen gegenüber dem reinen Naturrecht der Erstgeborenen, so durfte dies nicht in einem starren und statischen System geschehen, in dem die Erstgeborenen einfach automatisch auf die niedrigere Stufe herabsinken. Nur in dem schwebenden Gleichgewicht, das hier offenbar auch für den Streit der Völker und den Kampf der Klassen als Ideal ausgestellt werden soll und das schon in der ersten Veränderung die entgegengesetzte dialektisch mit einschließt, läßt sich, zwischen Natur und Gnade, der Zustand irdisch-göttlicher Gerechtigkeit erreichen. Dieser ewige Pendelschlag geht auch durch der beteiligten Menschen Herz mitten hindurch: Jakob fürchtet die Begegnung mit Esau doch wohl nicht nur aus äußeren Gründen, denn er ist ja inzwischen groß und mächtig geworden, sondern aus einem Rest schlechten Gewissens, und erst als die Versöhnung mit dem Bruder geschlossen ist, darf er mit dem Boten Gottes kämpfen und damit den tiefsten Sinn erfüllen, dessen die Erwählung des Jüngeren fähig ist: die Möglichkeit der Verwandlung. So wird aus Jakob — Israel. Sowie aber die geistig-sittliche Frucht dieser Wandlung dem Volke verloren zu gehen scheint, erinnert die Prophetie Israel an seinen alten Namen und dessen schimpflichen Ursprung (Hosea, 12,4). Der älteste Sohn sitzt von Geburt her in seinem Erstgeborenenrecht, bis er es nicht vertut; der jüngere aber, selbst wenn er es erkauft und ersegnet hat, muß es immer wieder erwerben; täglich aufs Neue muß Jakob zu Israel werden. Unter Jakobs zwölf Söhnen kompliziert sich das Problem wenn möglich noch mehr. Er hat gleichsam zwei erstgeborene Söhne: Rüben, den ältesten der Stämme, auch Sohn der älteren, doch ungeliebten Lea, und Josef, den langerbeteten Sohn der geliebten Frau Rachel. Auch hier wieder führt Eifersucht zu der dritten Vertreibung: nach dem Frieden mit Gott, nach dem Frieden mit den Mitmenschen raubt sie nun den streitenden Brüdern den Frieden mit der Heimat: der bevorzugte und traumstolze Josef wird nach Ägypten verkauft, die Brüder schlachten nicht ihn, sondern, voll typischen Ressentiments, das Symbol überschüssiger Vaterliebe für ihn, seinen bunten Rock, doch zieht sein Exil daö Exil des ganzen Volkes nach sich und wird so zur ersten Ursache der ägyptischen Knechtschaft: das größte historische Ereignis der alten jüdischen Geschichte wird von der Thora also aus dem Bruderproblem hergeleitet. Die Iosefsgeschichte wird, höchst sinnvoll, unterbrochen durch Vorschriften und Erzählungen von der Schwagerehe, einer Institution, die in die letzte Tiefe brüderlicher Solidarität reicht und deshalb von dem Pessimismus des rabbinischen Judentums nicht aufrecht erhalten werden konnte: nämlich dahin, wo es gilt, in vollem Wortsinne für den Bruder, der ohne Kinder gestorben ist, zu „zeugen" und ihm so seinen Namen in Israel zu erhalten. Auch diese Probe bestehen die Söhne und Enkel Jakobs nicht. Aber die nächste Probe bestehen sie. Als sie nach Ägypten ziehen, um Brot für das hungernde Land zu kaufen, bar jeder Ahnung, daß Josef, ihr verlorener Bruder, in Ägypten der Mächtigste nach dem König ist, da müssen sie den jüngsten Sohn, Benjamin, Josefs einzigen Vollbruder, bei dem alten Vater zurücklaffen, da der sich von ihm keinesfalls trennen will, und müssen ihn dann doch, auf Josefs Geheiß, in das ferne Land bringen. Und nun, gegen Ende des großen Grundbuches unserer Thora und unseres, wie allen menschlichen Lebens, löst sich das Bruderproblem in die herrlichste Solidarität auf: Rüben, der Älteste, bietet dem Vater die eigenen Söhne für das Leben des jüngsten; sie alle sitzen mit Josef beim Gastmahl, zwar dem Alter nach geordnet, doch dulden sie ohne Eifersucht, daß Josef, der ihnen noch Unerkannte, den jüngsten, seinen Bruder Benjamin, fünffach beschenkt; sie alle kehren um von ihrem zweiten Heimwege, als bei eben jenem Benjamin der Unglück verheißende Becher Josefs gefunden wird, und es ist Iehuda, nicht Rüben, der durch die Verbürgung seiner eigenen Söhne an Jakob interessiert scheinen könnte, welcher Josef anbietet, daß sie alle für Benjamin Knechte bleiben wollen. Doch weil Josef auch nun noch als ersten den Benjamin küßt, deshalb vielleicht vertauscht später Jakob auf dem Totenbette auch seinen Söhnen den Segen: mit Absicht kreuzt er die Hände und gibt den volleren Segen der rechten Hand Ephraim, dem Jüngeren; und Menasche, dem Erstgeborenen Josefs, gönnt er, trotz dessen Einspruch, nur die Linke. Vielleicht

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