Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 24 (15.12.1929)
- Article
- Das Geschwisterproblem im ersten Buch Moses
- Date
- 1929-12-15
- Page
- Seite 398 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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398 Bayerische Israelitische Gemeindezertung Nr. 24 und gilt im Talmud als Grund für die Vertreibung aus dem Paradies: die Schlange war auf die Menschen eifersüchtig und verführte sie deshalb zum Genuß der verbotenen Frucht; Eva gibt den Apfel an Adam weiter, damit sie nicht sterbe und er sich eine andere Frau nehme. In dieser Wendung grenzt die Eifersucht schon an Gotteslästerung; die Schlange spricht: „Jeder, der später erschaffen wurde, herrscht über den früher Erschaffenen; der Mensch ist nach allem erschaffen, um über alles zu herrschen." Hier ist der Mensch gleichsam der jüngere Bruder Gottes, der Monotheismus ist durch die Eifersucht eines mensch-göttlichen Familienstreites heidnisch durchbrochen — man denke an Promotheus! —; dafür gibt es keine andere Sühne als die Vertreibung aus der Gottesnähe — der ersten messianischen Heimat, des Paradieses. Mit Kain und Abel beginnt die Reihe jener Brüderpaare, die miteinander in Unfrieden leben. Kain ist der Erstgeborene, aber er bringt Gott nicht Erftlingsfrüchte, sondern einfach „von der Frucht des Ackers IHM eine Gabe", während Abel, der Jüngere, „von den Erstlingen seiner Herde" opfert. Schon aus dieser merkwürdigen Vertauschung wird eine Grundauffassung klar, die von nun an durchgeht: der Zweitgeborene hat häufig, wenn nicht immer, mehr inneren Sinn für die geistige Bedeutung der Erstgeburt, sei es die des Tieres oder die des Menschen. Ganz deutlich nimmt die Thora für Abel Partei: der erste Mord ist ein Brudermord; und wiederum ist Eifersucht das Motiv für die erste Austreibung aus dem Paradies des Friedens zwischen den Menschen, wie sie das Motiv der Austreibung aus dem Paradies des Friedens zwischen Mensch und Gott war. Die Leugnung der menschlichen Solidarität, die Kain mit den Worten: ,/Lin ich meines Bruders Hüter?" vollzogen hat, ist nicht weniger Sünde als der Mord selbst; sie hat jenen erst seelisch ermöglicht und treibt ihn nun unstet über die Erde. Wären wir nach der bisherigen Betrachtung geneigt, eine Parteinahme der Thora für den jüngeren Sohn anzunehmen, so sehen wir bei Noas drei Söhnen Schem, Cham und Iaphet, daß der Stammvater der Semiten, zu denen ja die Juden zählen, als Erstgeborener aufgeführt wird, und daß bei der späteren Sünde der Söhne gegen ihren Vater gerade der Mittlere, Cham, sich unliebsam hervortut, während die beiden anderen ihm wehren. Diese drei Brüder, die Stammväter der großen Menschheitsfamilien, führen das Bruderproblem zugleich aus der individuellen Schicht, in der es noch zwischen Kain und Abel stand, in eine kollektive; jeder Bruderkampf ist Völkerkampf, und daher ist auch jeder Völkerkampf Bruderkampf. Hier ist die Wurzel des jüdischen Pazifismus, die im Mutterboden des einheitlichen Ursprunges des Menschengeschlechtes aus dem Schöpferwillen des Einen Gottes steckt. Wir Schem, der erste Semit, Noas Ältester war, so ist Abraham, der erste Jude, des.Terach ältester Sohn. Und wenn Kain die menschliche Solidarität durch den Mord des Bruders brach, so darf umgekehrt Abraham, da er sich der Gefangenschaft Lots, seines Brudersohns, annimmt, die Thora sagen lassen: „Als Abraham hörte, sein Bruder sei gefangen . . . ." Das Wort „Bruder" wird hier auf den Gegenstand der menschlichen Solidarhaftung erweitert. Bei der freiwilligen Trennung zwischen beiden aber hieß es nur: „wir sind ja verbrüderte Männer!" Tönt schon diese leise Differenz die Tragik getrennten Volkstums erstmalig an, so wird diese ganz deutlich in der gleichen Prophezeiung, die Abraham das Land Israels verheißt, mit dieser Fixierung aber auch die Fremdheit in jedem anderen Lande, die nationalen Trennungen bewußt macht und damit den Bruderbegriff zersetzt: „Fremdling wird dein Name sein in einem Land, das nicht das ihre ist." Trotzdem aber wird auch in Abrahams Familie selbst noch der Stammvater eines fremden Volkes geboren, und sogar als Ältester: Jischmael. Und von Lots Töchtern, die sich einer ähnlichen Sünde schuldig machen wie Noaö Söhne, ist diesmal die Ältere die Verführerin. So auch wird Abrahams jüngerer Sohn, Iizchak, sichtbarlich bevorzugt, das symbolische Opfer macht ihn zum Erstgeborenen - man darf es mit Adams Opfer vergleichen —, ja, beinahe zum einzigen Sohne. Immerhin wird Jischmael beim Begräbnis des Vaters rehabilitiert und erscheint neben Iizchak unter den Trauernden; aber, wie Raschi ausdrücklich hervorhebt, als zweiter hinter dem jüngeren Bruder: „Ihn begruben Iizchak und Jischmael, seine Söhne." Bei Jizchaks Söhnen, Jakob und Esau, spitzt sich die Entscheidung noch mehr zu, gerade weil sie Zwillinge sind, bei denen man sonst die Frage nach dem Älteren kaum in solcher Schärfe stellt. Hier aber ist von vorneherein die gesamte Erzählung der Bibel auf den Vergleich zwischen den beiden Brüdern und das Streben nach dem Vorrang des einen vor den anderen angelegt. Schon im Mutterleibe stoßen sich die Zwillinge, die zugleich gezeugten, von denen doch aber einer zuerst geboren werden muß. In dieser biologischen Paradoxie zeigt sich die Schwere und Unausweichlichkeit des Problems, und so werden die Knaben denn zwar ohne jede Pause hintereinander geboren, aber wie nach dem Ergebnis eines Ringens, und Jakob bekommt seinen ersten und eigentlichen Namen davon, daß er den Bruder bei der Geburt an der Ferse hielt, um ihm womöglich zuvorzukommen. Man könnte theologisch fragen: warum hat Gott nicht Jakob in diesem Kampfe siegen und ihn wirklich als Ersten geboren werden lassen? Die Thora will offenbar zeigen, daß ihre Prophezeiung, die als ein Schicksal noch vor der Geburt über diesen beiden Brüdern hängt, im eigentlichen Sinn in Erfüllung gehen wird: „Älterer muß Jüngerem dienen". Auch hierbei muß man sich vergegenwärtigen, daß Jakob das Symbol des jüdischen Volkes, Esau oder Edom das der römischen Herrschaft und der Christenheit wurde, so daß in der traditionellen Deutung hier nicht nur von einem geheimen Herrschaftsanspruch Israels die Rede war, sondern auch das Zuge, ftändnis vorlag, daß es nicht das älteste aller Kulturvölker sei, trotzdem aber Macht und Ansehen behaupte. Die prophetische D HAUS DER QUALITÄT SST OFFE 4 [ N. STARK & Cil 1 I MÜNCHEN NÜRNBERG \ k KARLSPLATZ 6 LUITPOLDSTRASSE 11 j