Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 23 (1.12.1929)
- Article
- Versuch über Arnold Zweig
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 383 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2727810-2727875-2727898-2736749--05406-2736804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 23 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 383 Die Fabel setzt an der Stelle ein, an welcher das Schicksal warnend an das Tor des Palastes pocht; es ist wie die Flammenschrift, die Belsazer erscheint. Der Kalif Elkamil von Alexandria sendet zu Friedrich Fakire, welche aus einem Zauberspiegel die Zukunft zu künden vermögen. Der Kaiser erfährt, daß mit seiner Person die Herrschaft ihr Ende finden würde. Er sieht im Spiegel den schmachvollen Tod Konrads. Der Kaiser glaubt an sich und seine Macht, aber die Vision würgt ihn. Er will den „Keim zu all dem" finden, um ihn zu vernichten. Sein jüdischer Leibarzt Elieser weiß einen Weg. Der Kaiser müsse die „untere" Seite seines Reiches sehen. Meir Chasak el Maghebri, als Jude geboren, doch ausgeftoßen von den Gemeinden Israels, ein Helfer aller Bedürftigen, ein im Elend Kenntnisreicher, wird an den Hof gerufen. Durch ihn erblickt der Kaiser das dunkle Palermo, die Unterschlupfe des Lasters, die Stätten des Aussatzes, die Höllen des Schwefelbergwerks. Es kommt Friedrich in den Sinn, daß „die Gesetze der einsamen Vernunft" noch keine Geltung haben „für die Bewegungen der großen Menschengebilde". Er sieht seine Sendung darin, die Wunden zu schließen und Heilung zu verschenken, denn er folgt der Weisung seines Leibarztes: „Es ist geboten, dem Unheil zu widerstehen!" Darum streicht Friedrich diesen Tag aus seinem Leben, im Glauben an Vernunft und Macht. IV. Doch kehren wir nach diesem Rückblick zurück zu dem gegenwärtigen, in der Mitte seines Lebens und seiner Schöpferkraft stehenden Arnold Zweig. Wir haben angedeutet, daß nach dem Kriege bei ihm etwas wie eine „schöpferische Pause" einsetzte, und daß es Zeit brauchte, bis aus dem „Westler", aus jenem, der einen vielbeachteten und berühmt gewordenen Roman der Vorkriegsäfthetik schrieb, der Schöpfer des Kriegsbuches „Grischa" wurde. Zweig hat all das, was ihn der Krieg sehen ließ — und das in engem Zusammenwohnen mit Kameraden jeder Nuance einerseits, und mit den oftjüdischen Glaubensgenossen andererseits - in diesen Roman hineingegossen. Er ist wirklich erfüllt von Empirie und Idee zugleich, wir sehen in ihm Zweigs Umkehr und den schon beschrittenen neuen Weg, wir finden hier in seltener Einheit Dichtung — und welch eine große! — und Manifest. „Der Streit um den Sergeanten Grischa" war, wie wir uns erinnern, der erste große deutsche Kriegsroman (neben Vringö „Soldat Suhren", der aber mehr als individualistische, denn als Gruppenschilderung zu werten ist), er erschien im rechten Augenblick, nämlich als unsere Distanz zum Kriege groß genug geworden war, um uns mit ihm, auch in der Dichtung, ohne innere Aversion auseinandersetzen zu können. Es geht in diesem Buche im Grunde um keinen großen Vorgang: ein Russe ist aus dem Gefangenenlager entwichen, wird abgefangen, als Spion verdächtigt und soll nun kurzerhand erschossen werden. Aber es geht ja nicht um diesen Grischa, diesen einfältigen, gutgläubigen Menschen aus der russischen Steppe — es geht um den Streit, der um ihn losbricht. Dieser Streit, mitten im Kriege, ist das Symbol für den Streit zwischen den Säbelraßlern und den Kriegsmüden. Und wirklich: Zweig schildert mit diesem Hin und Her um dieses eine armselige Menschenleben das Widerspiel der Weltanschauungen, dessen Ausgang maßgebend wurde für den Ausgang des Krieges und für die Gestaltung der Nachkriegszeit. In Zweigs Roman offenbart sich die ganze Sinnlosigkeit des Völkerhasses, das nutzlose und hybride Herauskehren des Wertes eines Volkes vor den andern Völkern. Er zeigt an einem Einzelschicksal — gerade weil es das Schicksal des kleinen Mannes, des „unbekannten Soldaten" ist — die verworrene Situation Europas während des Krieges. Und in diesem Hin und Her um das Leben Grischas hat ein jeder das Wort: der jüdische Rechtsanwalt aus Berlin genau so wie der p'reußische General, der weltmännische, kultivierte Laurenz Pont genau so wie der Rabbi eines Nestes in Russisch- Polen. Alle kämpfen um das Leben — oder den Tod — dieses einen russischen Soldaten, und alle wissen, daß sie um ihre Welt kämpfen und die Wirksamkeit ihrer Gesinnung. Hier stehen gegeneinander: Humanität und AutoritätSwahn, Vernunft und Ehrgeiz, Einsicht und Eitelkeit. Aber es ist ein ungleiches Ringen, wie wir uns erinnern; die Handlung spielt im Kriege, die Freunde Grischaö unterliegen: er wird schließlich doch erschossen, nachdem der Ärmste von Hoffnung zu Hoffnung nutzlos sich hingeschleppt . hatte. Dieses Buch scheint mir an Bedeutung deshalb allen ähnlichen Kriegsbüchern voranzustehen, weil es zunächst ein europäisches Kriegsbuch ist, nicht das einer Nation, sondern das der ganzen Menschheit, und dann, weil es eine epische Tragödie ist, keine Chronik, kein kaltes Tagebuch, sondern eine Dichtung mit Mark und Rückgrat, in welcher die Zeit nicht nur eingefangen, sondern durchgeftaltei und in die zeitlose Sphäre gehoben ist, in der allein die Dauer maßgebend ist und die menschliche Gültigkeit. Das ist das Werk des gegenwärtigen Arnold Zweig, es ist der Höhepunkt in seinem gesamten Schaffen, weil in ihm alles enthalten, was für die Ideologie des Dichters bezeichnend ist. Und daß es nicht ein in sich geschlossenes Einzelwerk bleiben soll, sondern das Mittelstück einer groß angelegten epischen Trilogie, deren weiteren Roman wir bald zu Gesicht bekommen werden — das läßt uns mit Bestimmtheit annehmen, daß der Weg Zweigs weiter emporführt, daß er uns mit diesem „Grischa" nur einen Teil gesagt hat von all dem, was er vor, während und nach dem Kriege gesehen, erlebt und in sich aufgespeichert hat. V. Und schließlich noch ein Wort zu dem jüdischen Dichter. Ist es nicht bezeichnend, und sollte man nicht Schlüsse daraus ziehen, daß dieses Buch, das eine Welt aufhorchen ließ, das in Neuyork und London genau so berühmt, wenn nicht berühmter ist als in Berlin, daß dieser geradezu klassische Gesang der Humanität von einem Juden stammt, und daß es das dichterische Bekenntnis eines Juden ist, der hier im Geiste die Völker versöhnt und ein Mal der Menschlichkeit aufrichtet inmitten einer Welt, die nur scheinbar die Waffen aus der Hand gelegt hat und in furchtbarer Verblendung mit den Möglichkeiten neuer Kriege spielt! Wer kann da noch sagen, daß der Jude an die Materie verflucht ist, wo doch das Buch dieses Juden geradezu übersprudelt von Idealismus, von einem alles hemmenden, überbrausenden Pathos edelster Menschlichkeit? Denken wir doch auch an jenes großartige, die Iudenfrage erörternde Buch Arnold Zweigs, an jenen „Caliban", in welchem der Judenhaß auf die psychologische Formel des Differenz- und Zentralitätsaffektes gebracht wird, welche er aus der Exklusivität der menschlichen Gemeinschaften, im großen oder im kleinen ableitet. Zweig nennt eS „die menschliche Gruppenleidenschaft" und sucht die eigenartige Lagerung des Antisemitismus mit der eigenartigen Lagerung des Judentums zu erklären, das doch mit den Völkern der Erde gleichgerichtet und dennoch stets irgendwie anders ist in seinen unverwischbaren Wesenszügen. „Caliban" braucht hier nicht weiter erörtert zu werden, da es an dieser Stelle bereits ausführlich kommentiert wurde? Es soll über 1 Vergl. „Bayerische Israelitische Gemeindezeitung", 1928, Nr. 8.