Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 23 (1.12.1929)
- Article
- Versuch über Arnold Zweig
- Date
- 1929-12-01
- Page
- Seite 382 (sequence 2)
- Language
- German
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382 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nt. 23 er seine Forderung an die Zeit stellt. Nur natürlich, daß' ein.f£_ bewußt jüdisches Mensch wie Arnold-Zweig daöjüdische Schicksal im-Brennpunkte seines schöpferischen Lebens sieht. Wir haben in Zweig den jüdischen Dichter schlechthin. Das äußert sich nicht in gelegentlicher Stellungnahme zum Judentum, wie es andere Dichter von jüdischer Geburt zuweilen tu«7 'sondern darin, wie er, mitten im jüdische«-Leben stehend, das-Jüdische auch dort nicht abstreift, wo es thematisch nichts bedingt wäre. Bei ihm stillt Idee der Humanität nnt der des Judentulnszusammen, wo er fordert,-fordert er als Jude, wo er klärt, klärt er als Jude, In' seinem „Caliban", dem großartigen Werke über den Antisemitismus, bat er die Situation des Judentums, weit über die Frage des Judenhasses hinaus, neuartig .bestimmt. Im „Ostjüdischen Antlitz" bekennt er sich liebendrür iübi1 IIL Kanaan" hoffeüd zur jüdischen Zukunft. Während des Krieges, in der Berührung mit den Juden des Ostens, fand Zweig eine' neue Melodie für sein Werk. Als Autor der ästhetischen, ein wenig dekadenten Claudianovellen zog er in den Krieg. Er kehrte beim und brachte die. Idee zu^einem Grischa-Roman mit. Vom. Osten der kam ihm der neue Anschwung und die Notwendigkeit zu einer inneren Umorientierung. II. . . Jene, die ihn besonders liebten, weil sie sich in seinem Buche „Novellen um Claudia" mit allen seelischen Registern^gezeichnet fanden, weil sie in diesem Dichter den Künder ihres ästhetischen Grundgesetzes.ernannt halten - jene ängstigten sich um ihn und suchten voll Schmer; seinen mit Kriegsende abgebrochenen Weg. Dieser Dichter war damals vielen ein Sorgenkind: zu abgebogen war seine Arbeit während der Jahre unmittelbar nach Kriegsende, zu lange währte seine „schöpferische Pause". Nach seinen „Aufzeichnungen über eine Familie Klopfer", der - begabten Erstlingearbeit, die aber noch nicht in breitere Schichten der Leser zudringen vermochte, erschienen die „Novellen um -ClLtldLL"_und bedeuteten einen^Gipfel fiir,die deutsche Prosa. Das Buch wurde geradezu zur Bibeln des kultivierten Menschen; denn nirgend anders wurde mit solcher Zartheit die Seele des Geistigengedcutct, mit allen ihren Abgründen und Höhen, Gefabren und Möglichkeiten;, nirgend anders mit solcher Schärfe der Konflikt des geistigen Weibes aufgezeigt/Jn diesem Buche einmal erklärt „die Än^- Drei Bücher, deren Erscheinen zwischen die großen Erfolge -von „Claudia" und „Grischa" siel, scheinen mir zu Unrecht fast, in Vergessenheit -geraten zu sein. Ich meine, die beiden Novellenbände -7 „Frühe Fährten"^Md_ „Dek' Regenbogen" — und bie historische .Erzählung „Der Spiegel des-großen-Kaisers": ' Die beiden Novellenbände bilden-gewifsermaßen den Übergang vonden„Novettenuw^ - zu dem „Streit um den Sergeanten Grischa", der grandiosen Odyssee des Menschen im Kriege^ —' „Frühe Fährten", der Titel sägt es. schon, hat noch sehr viel von der Zartheit der Claudianovellen. Diese Erzählungen neben ein schönes Bild-^w«-Henr^eMaen-W?rdM"Köeiq6^ .. ^M^zwemem^ersönlichen Bekenntnis. Weit zurück führen uns die „Frühen Fährten", von der Nachkriegtzeit zurück zu den glücklichen Studienjahren. Die Erzählungen lassen eö sich offen anmerken, daß sie in einem jungen Herzen entstanden sind. Sie haben noch wenig von wohlerwögener Formstrenge,, sind nicht die Ergebnisse kühler Betrachtung —. sondern elementare Bekenntnisseeines jungen, empfindsamen Menschen. Hier spüren wir noch nichts von dem späteren politischen Dichter und Zeitkritiker. Die „Frühen Fährten" liegen noch abseits von den Wegen des Alltags. So mögen sie auch gelesen werden, als eine Sammlung von Frühwerken, und immer im Hinblick auf die Linie, die von hier aus zum „Grischa" und zum „Caliban" führt. In seinem „Regenbogen" schenkt uns Zweig das Bild des Nachkriegsnzenschen. Er war der erste, der diesävagte, ohne in der Tendenz stecken zu bleibe«., ohne de« Boden wahrhafter Dich^- tung zu verlasen." Die sechs Erzählungen sind Anklagen gegen den Wahnwitz des Krieges, Elegien auf die abgeirrte menschliche Vernunft. Zweig ruft die durch die Ereignisse Zersprengten zur Sammlung. Er hat den Süden bereist, ein neues Maß erhalten, Näherung-von Menschen aneinander gemalt, übergrün, sehr naiv, aber doch mit Wissen und Willen, das Seelische auf Erden zu stärken". Zweig sieht die Aufgabe des Epikers dann, den Reichtum der Seele zu gestalten, nicht an den äußeren Vorgänge« der Welt verhaftet zu bleiben; die Handlung in ein seelisches Zentrum zu verlegen und von ihm aus das äußere Geschehen zu durchleuchten. Das ist sein Postulat. Man ahnte damals, daß die Erlebnisse des Krieges und die . sieben Jahre, die ihm folgten,"sein ästhetisches Grundgesetz erschüttert habe« mußten. Er sah die Gültigkeiten seines Werkes nicht mehr in unmittelbarer Nähe; es hatte historische Geltung, for- —male— war jedoch, an dem Gegenwärtigen gemessen, von den - schien natürlich, und man wartete darum hierauf, daß Zweig nach seiner Rückkehr' aus dem Kriege sein Werk auf ^erhe. andere Ebene tragen würde; denn bei ilnn wuchs es, mit öf?^ rücksichtsloser Konsequenz, aus der persönlichen Situation. Und es war seiner Wahrhaftigkeit gemäß, mit seiner Zeit zir kämpfen, ihr lttMtg imd durch nichts beirrbar die Stirn zu. bieten: er wurde, Auto;- des Claudia-Romans, poli-? tischer Dichter im edelsten Sinnes er ist ausgependelt und hat, was er in seinen Claudianovellen gewollt, in den Wort- und Seinsinn unserer Tage übertragen. „Und dann sah ich andere Himmel wieder, Mittelmeer: und schien mir neu. Man mußte von^vorn anfangen vor sich selber. Dieser Anfang heißt,Regenbogen^" Das schreibt Zweig über sich selber. -Waren-4«um Einzelwesen, Produkte gewählter Zucht, den Gemeinheiten des Lebens fern, zarter; differenzierter als die jnenschliche^ Dutzend- ^ave^fprühtr^ihr Geist in erhabenen Gesprächen, blühte lhr Lerb in den Ernten äußeren Reichtums, glühte ihre Seele in Musik, hatten sie die seltene Möglichkeit, sich in feinsten Lwifchentönen voreinander zu öffnen — "so sind es im „Regenbogen" andere: Richter Helbret, Laurenz Pont. Zweigs Menschen haben die Warte ihrer Geborgenheit, mit ihrem Schöpfer, verlassen und sind in die Frische getreten. Sie haben sich Wind hm die Ohren pfeifen lassen, sind von allen Widerhaken des Alltags gebissen werden, haben Krieg mitmachen msissen, sind von Haßwellen umhergeschleudert worden, haben die Tretmühle der Inflation getrieben. Hoffnungen sind eingestürzt. Illusionen als Asche verflogen. Sie haben Blut und Hunger gesehen: diese Rosi Müller, Genevieve Hällaert, Doktor Lippsch. “ Nicht gan^ auf dieser Linie, aber im Hinblick auf den „Grischa" dank seiner tiefen Symbolik wesentlich, steht der „Spiegel des großen Kaisers". Zweig gibt hier einen Ausschnitt aus dem Leben des Stäuffenkaisers Friedrich II. In grandiosen Bildern" malt „er. das.^wflebe«-4uPalermo, -die-^^tBts^er^dort^Weiknchen" Männer, der Gesandten, der Kleriker, der Juden. Der Dichter gewährt uns. Einblick in ein persönliches Erlebendieses kirchenfeindlichen, "