Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 18 (15.9.1929)
- Article
- Die neue deutsche Bibel
- Date
- 1929-09-15
- Page
- Seite 291 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 18 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 291 selnde Einstellung zu unserer Umwelt anknüpft: einer Umwelt, die wir entweder als lebendige Gegenwart mit „Du!" ansprechen, oder aber, tragisch-wisienschaftlich, als sachlichen Gegenstand, als „Es", erfasten. Das höchste Du aber ist diesem Denken — Er. Wir sprachen eben von „Elijahu, dem Künder" und nannten, mit den Worten der neuen Übersetzung, den kanadischen Baalsgötzen: „Obmeifter". Diese beiden Beispiele sind gerade wegen ihres extremen Verhaltens geeignet, eine weitere Eigenart der Übersetzung deutlich zu machen: sie kennt keinen Respekt vor der sprachlich -begrifflichen Tradition, in der viele Termini der Bibel überliefert, abgeplattet — aber auch geformt — worden sind und stellt sich immer wieder vor die Aufgabe, neu, und wenn es der Urtext gebietet, sprachlich untraditionell zu übersetzen. (Nebenbei: dies schließt nicht sehr viel Respekt vor den Deutungen der jüdisch-midraschischen Tradition aus, die recht häufig in die Übersetzung hineinverarbeitet sind.) Wenn also das geläufige „Prophet" den Ursinn des hebräischen „Nawi" nicht wiedergibt, so muß es ersetzt werden, unbeschadet all der Gefühls- und Geisteswerte, die am Begriff des Propheten hängen. Und der „Baal" ist eben nicht einfach ein Götzenname, sondern der „Obermeister", d. h. der zum Boden, zum Lande gehörige Herr, im Gegensatz zum „Molech", der als Heereskönig zu dem wandernden Volke gehört. Gerade bei diesen Anwendungen des Prinzips, insbesondere bei der ersten, die einem gewissen sprachlichen Karäertum gefährlich nahekommt, werden Einwände möglich sein, aber das Prinzip selbst bleibt, da es sich ja um „Mikra", Lesung des Urwortes, handelt, durchaus richtig und man darf seine Wiedereinsetzung mit dem alten Segenswort für die Thoraweisen loben: „Die Worte der Weisung freuten sich in ihrem Munde, als seien sie heute gegeben worden." Die Worte der „Weisung", dies sind die Worte der Thora: ein weiteres Beispiel für den berührten Zusammenhang. Gegen eine andere Ubersetzungstradition, die insbesondere Ludwig Fulda in seinem Vorwort zur Übertragung von „Moliereö Meifterdramen" theoretisch begründet hat, verstoßen Buber und Rosenzweig, wenn sie eine hebräische Redensart nicht für eine etwa entsprechende deutsche Redensart eintauschen, sondern sie wirklich, Wort für Wort, übersetzen, wodurch sich die Möglichkeit bietet, das Deutsche vielleicht durch neue, frische Redensarten zu bereichern - wie etwa Luther dies durch sein jeremianischeS „auf Herz und Nieren prüfen" getan hat. So heißt es z. B. bei der Erzählung vom salomonischen Urteil, durch das der weise König die Mutter des lebenden Sohnes von der des toten herauserkennt: „Denn ihr Eingeweide erglühte um ihren Sohn," während Luther mit leichter Veränderung übersetzt: „Denn ihr mütterliches Herz entbrannte über ihren Sohn." Heute ist uns wohl die zweite Übersetzung sprachgewohnter, aber es ist gerade der Vorzug der ersten, daß sie dieser Generation so neu ist wie Luthers Wortbild vielleicht der seinen neu war. Die gleiche Treue, die gegenüber den hebräischen Redensarten bewährt wird, gilt auch der hebräischen Syntax gegenüber. Während man heute in Palästina zum Teil die betrübliche Beobachtung machen kann, daß ein hebräisches Esperanto gesprochen wird, d. h. eine Sprache mit hebräischen Vokabeln und europäischer Syntax, ist dieses Übersetzungsdeutsch, hebräisches Deutsch: hebräische Sätze in deutschen Worten, und insofern wirklich ein gewaltsamer, aber fruchtbarer Einbruch in die Sprache. So wird z. B. jedesmal der für das Hebräische kennzeichnende, im Deutschen vorläufig fremdartige Akkusativ des inneren Objekts bewahrt, und eö heißt etwa, statt Luthers schlichtem „Rat geben", wörtlicher und hebräischer: „einen Rat anraten". Ebenso kommt der stark verbale Charakter der hebräischen, insbesondere der althebräischen Sprache und ihr gänzlicher Verzicht auf Hilfsverben zu deutschem Ausdruck: Gekönigt in Hebron ist Abschalom" statt Luthers „König worden". Hier liegt einer der Gründe, warum die Übersetzung zum Teil archaisch wirkt, was man, z. B. mit Bezug auf die Alliterationen, als bewußte Künstelei mißverstanden hat. Es ist aber ganz etwas anderes: Rückkehr zu den Müttern, die die Mütter nicht nur des alten Hebräisch, sondern auch des alten Deutsch sind, insbesondere nach Rosenzweigs sprachphilosophischer Voraussetzung, der an eine gemeinsame Ursprache aller Menschen glaubt. Es handelt sich also nicht darum, daß die Übersetzer, um den Stil des alten Hebräisch nachzuahmen, irgendein modernisiertes Altdeutsch geschrieben hätten — das wäre ja dann doch wieder Fulda -, sondern darum, daß sie bei der treuen Übertragung althebräischer Spracheigentümlichkeiten auf solche des alten Deutsch gestoßen sind. Dahin gehören z. B. der stark verbale Charakter, die Alliteration der Hauptsilben und die unverwischte Prägnanz der Bildworte, d. h. aller, später „übertragen" gebrauchter Ausdrücke, die aber in jener Sprachepoche, da sie noch frisch aus dem Schmelztiegel der Worte kamen, ihr ursprüngliches Bild ohne Verwischung durch langen Gebrauch sichtbar machen. Ein Beispiel dafür ist etwa, daß Schlomo sich nicht nur, wie bei Luther, „ein weise und verständiges Herz", sondern „ein weises und unterscheidendes Herz" von Gott erbetet, weil nämlich die betreffende hebräische Vokabel mit dem Unterscheidungsworte „zwischen" ftammlich zusammenhängt und also eine besondere Art der Erkenntnis, eben das Unterscheidungsvermögen, oder, wie später übersetzt wird: die „Gescheidigkeit" bezeichnet. An diesem Beispiel wird zugleich die Folgerichtigkeit deutlich, mit der die verschiedensten Wörter desselben Stammkernes aufeinander bezogen werden: sie reicht nicht nur über ein Kapitel oder ein Buch hinweg, sondern umklammert das ganze Werk und schafft da, insbesondere in der Terminologie der Schöpfung einerseits und des Stiftzeltes sowie des salomonischen Tempelbaues andererseits einen neuen immanenten Kommentar, der ganz ungeahnte Zusammenhänge eröffnet. Manchmal aber liegt ein solcher Kommentar schon in einem einzelnen Worte: so wenn die für das Heiligtum benötigten „ganzen" oder „vorher ganz zugerichteten" Steine nun, völlig wort- und sachgetreu, zu „infriedengelassenen Bruchsteinen" werden; wortgetreu, da die Vokabel für „ganz" mit der für „Frieden" stammverwandt ist, und sachgetreu, weil bekanntlich die Vorschrift für den Tempelbau hieß, die Steine nicht zu behauen, sondern „in Frieden zu lassen". Oder eine ganze Moraltheologie wird deutlich, wenn die blaffe Präposition „um.. willen" ihren Verbalsinn und ihren Schicksalösinn in einem enthüllt und nun lautet: „im Abrollen der Sünden Iarabams". Schon die bisherigen Proben, die sich reichlich vermehren ließen, haben erwiesen, daß diese neue Übersetzungstreue einen unerhörten Zuwachs an Nuancen ermöglicht, die bisher ganz verloren gingen. So werden z. B. zwei durchaus verschiedene Wörter, die bei Luther beide einfach „Kuchen" bzw. „Gebackenes" sind, mit „Krümelkuchen" und „Rundback" übersetzt; so werden die zahllosen Nuancen des hebräischen Bindewortes, deren gleichmäßige Übersetzung mit „und" bisher einen verfälschten deutschhebräischen Übersetzungsstil geschaffen hat, stets sinngemäß herauSgeholt — manchmal einfach durch Weglaffen -—; so werden auch die Steigerungsmöglichkeiten des Hebräischen wiedergegeben, die es besonders in der Wortwiederholung besitzt — „daß