Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 18 (15.9.1929)
- Article
- Die neue deutsche Bibel
- Date
- 1929-09-15
- Page
- Seite 290 (sequence 2)
- Language
- German
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290 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 18 Zeit überhaupt zum Problem der Übersetzung gesagt worden ist. Sie erweisen, daß Luther nur dann vollkommen treu übersetzte, d. h. der hebräischen Sprache wirklich neuen Raum innerhalb der festen Grenzen des Deutschen ließ oder schuf, wenn ihm die Worte unserer Schrift wirklich heilig waren, ihm, dem „lebendigen Christen von heute — heute lebendig ansprechendes Gotteswort, lebendige Lehre, lebendiger Trost". Immer dann aber, und es war nicht selten, wenn er selbst nicht mitkonnte, wenn ihm ein Vers oder ein ganzes Kapitel abgestorben, eben nur noch „Altes Testament" schien, dann verließ er diesen Weg und gehorchte dem deutschen Sprachgeift mehr als dem hebräischen, mehr der „Bewegung des Textes zum Leser" als der „Bewegung des Lesers zum Text". Und mit dieser Erkenntnis ist für den jüdischen Menschen deutscher Sprache, der die Bibel nicht als Teilheiligtum christlicher Interpretation, sondern als sein ganzes Heiligtum lesen will, die lutherische Übersetzung grundsätzlich unzulänglich geworden. Aber vielleicht hat auch der nichtjüdische Deutsche ein Interesse daran, die Schrift wirklich als „Heilige Schrift" von solchen verdolmetscht zu bekommen, denen sie es ist. Dies also ist die erste Legitimation des neuen Werkes. Eine weitere, für unsere heutige jüdische Zeitlage besonders charakteristische wird sich uns zum Schluß ergeben, wenn wir den besonderen Eigenheiten der neuen Übersetzungstreue ein wenig nachgegangen sein werden. Um etwas Negatives vorweg zu erledigen: diese Treue bezieht sich nicht ganz uneingeschränkt auf die Beibehaltung des sogenannten masnoretischen Textes. Bei besonders schwierigen Stellen, bei denen der veränderte Urtext den Übersetzern nicht verständlich zu sein schien, haben sie von sogenannten „Konjekturen", d. h. Textausbesserungen Gebrauch gemacht, in der Annahme, daß die Überlieferung der Heiligen Bücher trotz aller ungeheuren Sorgfalt, die man ihr hat angedeihen lassen, doch nicht jeden einzelnen Vers vor kleinen Verstümmelungen durch unachtsame oder mißverstehende Abschreiber usw. bewahren konnte. In den fünf Büchern Moses' ist von diesem Freiheitsrechte nur ein ganz vereinzelter Gebrauch gemacht, ein etwas stärkerer jedoch in den bereits vorliegenden „Bücher der Geschichte". Die nun folgenden prophetischen, poetischen und philosophischen Bücher werden mit ihren gesteigerten Schwierigkeiten vermutlich auch stärkere Benutzung des grundsätzlich zugelassenen textkritischen Prinzips bringen. Damit also erfüllt die neue Übersetzung nicht jene Interpretation der „Bibeltreue", an die sich die jüdische Orthodoxie, im Gegensatz sogar zur katholischen, noch immer gebunden fühlt. Welche Treue also ist es, die sich bei Buber-Rosenzweig ausspricht? Zunächst wirklich eine, die spricht, den Hörer anredet, statt nur vom Leser gelesen sein zu wollen. Man hat, ungenau und unzureichend, häufig formuliert, Buber-Rosenzweig geben das hebräische Wort in der Treue seiner ursprünglichen Rhythmik. Es ist mehr als das und anders: diese deutschen Sätze vermitteln nicht die abgezählt-sichtbaren. Rhythmik der hebräischen Silbenlängen und -kürzen, sondern die Art und Rhythmik dessen, der den hebräischen Text laut liest, also den Tonfall und Tonwert des gesprochenen Wortes. Und dies geschieht nicht, wie gleichfalls so häufig mißverstanden wurde, aus irgendeiner äftetischen Spielerei heraus und nicht einmal aus künstlerischem Ernst, sondern aus einer theologischen Überzeugung: daß nämlich Gottes Wort wirklich erst Wort war, ehe es Schrift wurde, und daß es nur dann „heilige Schrift" bleiben kann, wenn es immer wieder in heiliges Wort zurückverwandelt wird, durch den Leser, der sich zum Lautleser oder zum Hörer wandelt. Wie es ja denn auch in den Synagogen Israels allsabbatlich geschieht, und sogar Montags und Donnerstags! Ja, es besteht sogar ein positiver Zusammenhang zwischen der fehlenden Buch, stabentreue, deren wir oben gedachten, und der vorhandenen Lauttreue: nur eine Überzeugung, welche die Präexiftenz der mündlichen Lehre vor der schriftlichen anerkennt, womit sie übrigens durchaus im Rahmen der jüdischen Tradition bleibt, und für die also das geoffenbarte Thorawort in seiner schriftlichen Fixierung nur ein, wenn auch zweifellos besonders wichtiger und herausgehobener, Durchgangspunkt ist von mündlicher Thora zu mündlicher Thora — nur eine solche Überzeugung wird die Schrift als „heilige" — ja sogar, was Buber und Rosenzweig nicht tun, ihre Talgebote als verbindliche — fassen können, ohne von der Problemstellung der Textkritik religiös erschüttert zu werden. Hier also liegt die gemeinsame Wurzel jener ersten negativen und jener ersten positiven Eigenheit der neuen Übersetzung, die wir aufzeigen konnten. In den Fällen allerdings, wo nun wirklich vom überlieferten hebräischen Text ausgegangen wird — und es sind wohl doch neunundneunzig von hundert Fällen — da wird dieser, auch in all seinem Redensartlichen, wirklich übersetzt, nicht nur vage umschrieben, wie eö bisher ausnahmslos — oder nur mit Ausnahme jener „heiligen" Kapitel bei Luther — geschah. Redet also beispielsweise ein Name des Urtextes — und wohl fast alle in der Bibel vorkommenden Namen sind „redende Namen", d. h. sie bezeichnen nicht nur einen Menschen oder einen Ort, sondern kennzeichnen sie auch oder erzählen ein Stück von ihrer Geschichte — so müssen solche Namen entweder auch im Deutschen zum Reden gebracht werden, oder, geht dies nicht an, doch durch die genaue Umschreibung ihres hebräischen Lautwertes, eben in ihrer ungeläufigen Fremdartigkeit, dem deutschen Leser sagen, daß sie etwas zu sagen haben, was er nicht versteht, weil auch hier, wie immer, hinter der Übersetzung fordernd das Original steht. Deshalb also einerseits „Walkerquell" statt Luthers „Brunnen Rogel", deshalb anderseits „Schmuel" statt „Samuel". Aber einen Namen gibt es, dessen Rede auch für den Hebräer geheimnisvoll oder doch nur am höchsten Tage des IahreS vom höchsten Priester aussprechbar bleibt: der Name Gottes. Wo sein vierbuchftabiges Zeichen auftritt, da reicht keine Umschreibung, um die Wirklichkeit zu vermitteln; nur das Pronomen der Person, das grammatische Gegenbild höchster Gegenwärtigkeit, langt in ihre Nähe. Gott, der Daseiende ist einfach „Er" oder in der Anrede, „Du" oder, in entsprechender besitzanzeigender Relation, auch „Sein". Diese streng durchgeführte Praxis erlebt gerade im „Buch der Könige", dem wir, als dem letzterschienen, unsere Beispiele vorzugsweise entnehmen wollen, einen höchsten Übersetzungstriumph: als Elijahu, der Künder, zwischen sich und den 450 Priestern des „Obmeisters" (Baal), zwischen seinem Gott und ihrem Scheingott scheiden will, als das Opfer der Baalpriefter trotz ihres Gebetes unverzehrt bleibt vom himmlischen Feuer, während Elijahus Opfer den göttlichen Wunderbrand auf sich herniederzieht, als nun das Volk erkennt, wer der wahre Gott ist, da ruft es aus: „Er" ist der Gott, Er ist der Gott." So auch — und nicht etwa mit Luthers „Der Herr ist Gott" — meinen wir es beim Rufen der „Schemoth", der „Namen", am Ausgang des Versöhnungstages. Wer übrigens mit Bubers und Rosenzweigs sonstigem Werk vertraut ist, wird in dieser Behandlung der Namen ein Kernstück ihrer Philosophie wiederfinden können, einer Philosophie, die sich ja wiederum zu Grundstücken der jüdischen Tradition in Beziehungen setzt. Wir denken an die Philosophie der Person und des kreatürlichen Einzelmenschen, die Rosenzweigs „Stern der Erlösung" u. a. an die besondere Bedeutung des Namens, die Bubers „Ich und Du" an die wech-